Männerrollen: „Interkulturelle Kompetenzen stärken“
30.04.2010 | 18:25 Uhr 2010-04-30T18:25:00+0200
Iserlohn. „Und was macht Ihr für die Jungs?“ Jedes Mal, wenn Mechtild Beike und Helena Haack von der Gleichstellungsstelle etwas zur Förderung der Mädchen tun, etwa mit dem „Girls’ Day“, kommt von vielen Seiten die mal bange, mal vorwurfsvolle Frage nach den Jungs, und wer sich derer denn endlich mal annehmen will.
Jungs gelten landläufig inzwischen als Verlierer des Bildungssystems mit größeren Leserechtschreibschwächen als Mädchen, deutlich schlechteren Schulabschlüssen und einem sehr viel höheren Anteil in Förderschulen etwa für schwer zu beschulende Kinder. Ausmaß und Ursachen werden gegenwärtig von Experten kontrovers diskutiert. Fakt ist aber unstrittigerweise, dass hinter den Entwicklungstendenzen eine „Krise der Männlichkeit“ steckt, ein verändertes Männerbild und Rollenverständnis, das – anders als die Rolle der Frauen – bisher nur wenig diskutiert wurde und wird. Und hier sieht die Gleichstellungsstelle der Stadt Iserlohn auch den Hebel, an dem anzusetzen. „Den Girls’ Day einfach auf die Jungs zu beziehen, ergibt wenig Sinn“, erklärt Helena Haack im Gespräch mit unserer Zeitung. Schließlich sei es nach wie vor so, dass Mädchen in der Mehrzahl eher schlecht bezahlte Berufe ergreifen und in den Chefetagen in von Männern dominierten Berufen selten ankommen. Deswegen gebe es den „Girls’ Day“. Und deswegen sei ein „Boys’ Day“ auch wenig sinnvoll.
„Neue Wege für Jungs“ heißt hingegen in Anlehnung an das gleichnamige Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Arbeitskreis, den die Gleichstellungsstelle auf den Weg gebracht hat, um Initiativen und Träger, die sich mit Thema Berufs- und Lebensplanung von Jungs auseinandersetzen, zu unterstützen. Dabei geht es durchaus auch konkret um Angebote, in denen junge Männer auch mal die „Frauenwelt“ kennenlernen sollen. Dazu gehört etwa der Haushaltsparcours für Jungs, der jetzt von Iserlohner Streetworkern angeboten wird, um Jungs, die noch nie eine Einkaufsliste erstellt oder einen Spülschwamm in der Hand gehabt haben, zu zeigen, was es bedeutet, einen Haushalt zu führen.
Vor allem gehe es aber auch darum, die Akteure in den Schulen, in Erziehungseinrichtungen oder in der Beratung für dieses Thema zu sensibilisieren und ihnen die Bedeutung von Rollenbildern und die spezifischen Probleme der Jungs näher zu bringen. „Wir könne ja keine Pädagogik vor Ort machen“, erklärt Mechtild Beike, „wir können nur Impulse setzen.“ Impulse, um die Genderkompetenzen der Fachkräfte vor Ort zu stärken, um das eigene Rollenbild zu reflektieren, damit sie mit den Jungs am Rollenbild arbeiten können, sie in ihrem Selbstverständnis zu stärken und auch das Miteinander der Geschlechter zu verbessern. Interkulturelle Kompetenzen spielen dabei auch eine große Rolle, denn gerade das Selbstverständnis junger Türken bereitet in Schulen oft Probleme. „Wir kommen bei der Integration von Muslimen nicht um die Geschlechterfrage herum“, weiß Helena Haack, weswegen die Entwicklung eines Integrationskonzeptes für die Stadt ebenfalls ein Anstoß der Gleichstellungsstelle war, die nun auch bei dem Entwicklung dieses Konzeptes beteiligt ist.
„Von der Rolle – jungenspezifische Arbeit in der Schule“ war ein solcher Impuls in Form einer Fachtagung in der Vergangenheit. Jetzt hatten Mechthild Beike und Helena Haack erneut zu einer Fachtagung in den Ratssaal eingeladen. „Männlichkeitsbilder, männliche Identität, Geschlechterrollen“ war der Titel und der Ratssaal platzte aus allen Nähten, so groß war das Interesse. Mit Prof Dr. Rolf Pohl („Wie werden Jungs zu Männern - Probleme und Perspektiven der männlichen Sozialisation“) von der Universität Hannover und Prof Dr. Ahmet Toprak („Kleine Prinzen und das schwache Geschlecht - Männlichkeitsbilder bei muslimisch-türkischen Jungen und Männern“) waren zu Gast, um eben die hohe Bedeutung der Gender- und interkulturellen Kompetenzen zu unterstreichen.
Vor allem die Ausführungen von Rolf Pohl dürften viele überrascht haben, denn er räumte konsequent mit dem Klischee auf, die Jungen seien die Verlierer im Bildungssystem. Nicht nur, dass die Schere zwischen den schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen keineswegs weiter auseinandergehe, sondern sich nach neuesten Zahlen wieder annähere. Vielmehr schilderte er die ganze Diskussion rund um die Jungs als Verlierer ebenso wie um den „abgetriebenen Vater“ als gesteuerte Kampagnen von Männergruppierungen, um den Frauen eine bewusste Unterwanderung des Bildungssystems und der Gesellschaft zu unterstellen - ein von Männern geführter Geschlechterkampf, „Mother-Bashing“ und eine Verteidigung der hegemonialen Männlichkeit gegen ein drohendes Feminat, die man in dieser Schärfe niemals erwartet hätte, und die in dieser Form auch in der Iserlohner Lebenswirklichkeit nicht ankommt.
Rolf Pohl machte deutlich, dass er die Probleme der Jungs in Kindergärten und Schulen keinesfalls von der Hand weisen will, und dass es durchaus gut wäre, wenn hier mehr Männer arbeiten würden. Das eigentliche Problem der Jungs liege aber darin, dass unser Männlichkeitsbild in sehr starkem Maße mit einer lebenslangen Erwerbsbiografie verbunden sei, und dass die Schere zwischen dem daraus entstehenden Leistungsdruck und den echten Chancen immer weiter auseinandergeht.
Ahmet Toprak hingegen zeichnete ein wenig positives Bild von jungen türkischstämmigen Männern in Deutschland, deren Männlichkeitskonzept eines dominierenden und nach außen repräsentierenden Mannes nicht in unsere Gesellschaft passe. Gerade bei bildungsbenachteiligten jungen Türken - und mit denen haben es auch die Iserlohner Schulen in nicht unerheblicher Anzahl zu tun - sei dieses Männlichkeitsbild sehr ausgeprägt. Ähnlich wie Rolf Pohl eine Stärkung der Genderkompetenzen forderte, trat Toprak für eine Stärkung der interkulturellen Kompetenzen ein. An muslimische Männer komme man heran, wenn man ihr Verständnis von Freundschaft verstehe.
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