Kein Schwermut, sondern ein Riesen-Genuss

Andreas Hering
Andreas Hering
Foto: Ralf Tiemann
Was wir bereits wissen
Der Iserlohner Pianist Andreas Hering hat eine neue CD mit Musik von Max Reger eingespielt.

Iserlohn..  Mit diesem Mann ist nicht gut Kirschen essen. Das sieht man sofort. Man kann das Internet rauf und runter durchforsten – ein Foto, auf dem sich Max Reger zu einem Lächeln durchringt, wird man kaum finden. Und jeder, der sich schon einmal an der Orgel mit einem seiner Werke abgeplagt hat, der weiß, dass seine Musik diesem optischen Eindruck in Nichts nachsteht. Wenn es so etwas wie musikalische Unbequemlichkeit gibt oder eine Vertonung der deutschen Schwermut, dann dürfte man bei Max Reger wohl am ehesten fündig werden.

Ein solches Image hat Reger jedenfalls unter mittelmäßigen Organisten, die ihn dann auch lieber „Max Erreger“ nennen, weil eben alles so höllisch schwer und wenig zugänglich ist. „Das stimmt aber alles nur zum Teil“, sagt Andreas Hering, der als Pianist der Spitzenklasse offensichtlich viel Spaß mit dem unbequemen Komponisten hat. Während Reger für Kirchenmusiker gleich nach Bach zur Standard-Literatur zählt und gerade jetzt im Regerjahr – er ist vor exakt 100 Jahren gestorben – geradezu allgegenwärtig ist, steht er am Klavier im Schatten von Brahms und anderen seiner Zeitgenossen und somit im Konzertsaal eher im Abseits – sicherlich auch wegen seiner enormen Schwierigkeit. „Vollkommen zu unrecht“, wie Andreas Hering meint. Der an der Musikschule Iserlohn unterrichtende Pianist hat nun eine CD mit einem vergleichsweise selten zu hörenden Großwerk Regers vorgelegt, und das hat ihm nach eigenem Bekunden auch eine große Portion Genuss gebracht.

Reger selbst sei schließlich auch ein außerordentlicher Genussmensch gewesen, dem Alkohol und der Völlerei verfallen, was ihm am Ende auch einen recht frühen Tod beschert habe. Andreas Hering sieht da durchaus Parallelen zu seiner Musik. Denn die außergewöhnliche Schwierigkeit in den Werken Regers mit all ihren wuchtigen und brachial-vollakkordigen Zügen beruhe eben nicht nur auf Ernst und Schwermut, sondern auch auf diesen Trieb alles mitnehmen zu müssen und alles, was an großartigen Dingen irgend möglich ist, auch in seine Kompositionen zu packen. Und dabei gebe es dann auch nicht nur Ernst und Schwermut, sondern auch humorvolle, festliche, skurrile und fröhliche Seiten.

Die „Variationen und Fuge über ein Thema von Telemann“, die Andreas Hering nun auf seiner CD „Stimmungen“ veröffentlicht hat, sei ein Werk, das all das zeige und überdies von einer ganz besonderen Spielfreude zeuge. Bei der Frage nach der sprichwörtlich unspielbaren Virtuosität bei Reger lässt aber auch Andreas Hering ein deutliches Stöhnen hören. Das halbstündige Werk sei ein daumendicker Stapel Noten – „und alles pechschwarz“, wie er sagt, was wohl heißt, dass auch ein Großvirtuose wie er bei dieser Musik eine halbe Stunde lang alle Hände voll zu tun hat.

Das Stück begleite ihn schon seit vielen Jahren. 2008 hat er es bei den Reger-Tagen in Weiden – dem oberpfälzischen Geburtsort Regers – zum ersten und letzten mal live gespielt, was einfach eine kaum zu bewältigende Herausforderung sei. Damals hatte er schon eine CD-Aufnahme mit dem Bayrischen Rundfunk geplant, dann aber wieder verworfen, weil so ein Projekt einfach viel zu viel Zeit verschlungen hätte. Nun, zum Reger-Jahr, habe er aber das Gefühl gehabt, dass die Zeit reif sei. Zusammen mit einem befreundeten Toningenieur in Rostock, wo Andreas Hering studiert hat, konnte er dann bei den Aufnahmen auch den erhofften kreativen Reifeprozess freisetzen, der am Ende ein höchst erfreuliches Ergebnis gebracht habe – schwierig sei das Werk aber bis zum Schluss geblieben und beim Gedanken daran, es irgendwann noch einmal live zu spielen, entfährt Hering ein nochmaliges Stöhnen.

Offizielle CD-Übergabe auf Schloss Wolfsgarten

Dafür wird er aber weiterhin die „6 Stimmungen für Klavier“ von Ernst Ludwig von Hessen spielen – jenem komponierenden Adligen, den Andreas Hering selbst ausgegraben und als erster Pianist überhaupt eingespielt hat – und den er nun nicht ohne Grund auf der CD „Stimmungen“ in eine Verbindung mit Reger stellt. Denn beide haben sich gekannt. Ernst Ludwig hat Reger wiederholt für Konzerte nach Darmstadt geholt und sich tief beeindruckt von dem großen Meister gezeigt. „Reger war ohne Frage ein großes Vorbild für Ernst Ludwig“, sagt Andreas Hering über den Adeligen. „Wenn der wüsste, dass er heute auf einer CD mit Max Reger vertreten ist, wäre er bestimmt sehr froh“.

Gerade diese Verbindung mit dem komponierenden Fürsten macht die neue CD zu einer einzigartigen Veröffentlichung, denn diese Musik spielt kein anderer Pianist. Außerdem wuchs die CD so zu einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Wetzlarer Kulturförderring und dem Historiker Kay Hörster, der über den Fürsten forscht und die Texte zur CD beigesteuert hat.

Und die CD wurde so zu einem für Hessen durchaus bedeutenden Kulturereignis, was den gebürtigen Hessen Andreas Hering ebenfalls freut. Morgen fährt er nach Hessen, wo er auf Schloss Wolfsgarten Heinrich Donatus, Prinz und Landgraf von Hessen sowie Nachfahre von Ernst Ludwig trifft, um ihm die CD mit der Musik des hessischen Großherzogs zu überreichen.

„Stimmungen“ ist die zweite Solo-CD von Andreas Hering. Zuvor hatte er bereits eine CD mit Werken unter anderem von Beethoven und Scarlatti veröffentlicht.

„Stimmungen“ ist bei „Castigo“ erschienen und bei allen Internet-Anbietern erhältlich, unter anderem bei unter www.jpc.de oder www.amazon.de.

Weitere Informationen gibt es unter www. an-hering.de.

Live ist Andreas Hering das nächste Mal am Sonntag, 30. Oktober, um 11 Uhr zusammen mit dem Hornisten Adrian Ebmeyer beim 7. Iserlohner Kammerkonzert in der Musikschule zu erleben.