Iserlohner bringen das IPhone auf Draht

Voll auf Draht: Stamm-Prokurist Christof Ablas erklärt
Voll auf Draht: Stamm-Prokurist Christof Ablas erklärt
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Drähte der Firma Stamm werden in Handys, Blusen oder Flugzeugen verwendet. Prokurist Christof Ablas erklärt Details und auch, was das mit Schnaps zu tun hat

Iserlohn..  Christof Ablas steht in seinem Büro und hält das Endprodukt von gut 200 Jahren Firmengeschichte in Händen, es ist kaum größer als eine Getränkedose. Der 62-Jährige ist Prokurist und Technischer Leiter bei der Iserlohner Drahtzieherei Stamm, weiß-grau kariertes Hemd, der Kragen offen, rahmenlose Brille, Fünf-Tage-Bart. „Schätzen sie mal“, feixt er. „Wie viele Meter sind auf der Spule?“

Drähte landen nach halber Weltreise wieder in Iserlohn

Die Antwort gibt er schließlich selbst: „Bis zu 80 000 Meter. Feindraht, ein Fünftel so breit wie ein menschliches Haar, 0,013 Millimeter Durchmesser, einzeln mit dem bloßen Auge kaum sichtbar.“ Das Iserlohner Feindrahtwerk Stamm ist eines von nur wenigen Unternehmen weltweit, die verschiedene Metalle derart filigran ausformen können. Und einer von sechs Anbietern, die dies im Auftrag von Apple tun, dem Hersteller des IPhones.

Dort werden Iserlohner Drähte für Lautsprecher und Mikrofone verbaut, vor allem sind sie aber im Druck im Einsatz. Ablas erklärt: „Aus dem Draht wird Gewebe gefertigt, mit dem ähnlich etwa Mikrochips und Platinen bedruckt werden. Rund 600 Drucke je Gerät.“ Denn: Würden die komplexen Geräte in Schichten gefertigt, müssten sie meterdick sein. Zur Weiterverarbeitung wird der Draht aus der Waldstadt an Webereien geschickt, von dort nach China – und von da wiederum als fertiges Produkt in die Shops der Welt und zurück nach Iserlohn.

Bevor man all das allerdings erfährt, muss man erstmal die Schranke an der Grüner Talstraße passieren. Der Fertigungsprozess bei Stamm ist in Teilen geheim – der Markt ist umkämpft, das Unternehmen gibt sich vorsichtig. Hinter dem Empfangshäuschen ducken sich mehrere Gebäude unter dem Iserlohner Stadtwald, darunter eines aus erblassten, roten Ziegeln, die das Alter des Unternehmens, Gründung 1815, zumindest erahnen lassen. 120 Menschen sind hier aktuell beschäftigt.

Einer davon hockt hinter einem burgähnlichen Kommandostand am Ende eine langen Flures, an dessen linker Seite Mitarbeiter in Glaskabinen durch Mikroskope lugen. Der Mann heißt Michael Busch und ist hier unter anderem für die Endkontrolle der sogenannten Ziehsteine zuständig. Vor ihm brodelt es in einem kleinen Becken, die Steine, die eigentlich aus Metal sind und etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, nur ungleich dicker, werden hier per Ultraschall gereinigt.

Zwei Mal 15 000 Drähte werden je Meter verwebt

In der Mitte befindet sich eine Öffnung, die mit bloßem Auge nur gegen das Licht gehalten erkennbar ist. Durch die Öffnung wird später der Draht auf den gewünschten Durchmesser gebracht, „gekocht“, wie Christof Ablas sagt. „Gewürzt“, werde dann im Glühbereich. Eine glatte Oberfläche – dazu muss der Draht, wenn er bis zu einem bestimmten Maß gestreckt wird, später wieder seine alte Form und Länge annehmen.

Die Vorgaben sind streng. Um die 15 000 Drähte werden später jeweils von Zweitbetrieben in zwei Richtungen pro Meter verwebt. Bei einem Tuch von 3x2-Metern Länge dürfen aber nicht mehr als zwei nur mikroskopisch sichtbare Brüche vorhanden sein – sonst wird das Produkt reklamiert.

Die meisten Prozesse in der Produktion laufen inzwischen maschinen- und computergestützt. Die undankbare Aufgabe, den 1/5-haaresbreiten Draht in den Ziehstein zu friemeln, kann aber bis heute nur vom Menschen erledigt werden. „Ein Faden, der durch ein Nadelöhr muss, ist dreißig Mal größer“, sagt Ablas.

Verglichen mit den Anfangszeiten des Drahtzieherhandwerks sind das aber dennoch geradezu paradiesische Arbeitsbedingungen. „Früher, als man keine Chemikalien hatte, um den Draht zu reinigen, wurde Urin zum Beitzen verwendet“, erklärt Ablas.

Eigens dafür habe es einen harnfördernden „Drahtzieherschnaps“ für die Belegschaft gegeben – „alles nachzulesen im Drahtmuseum in Altena“. Der arme Tropf, der mit der damals kostbaren wie übel riechenden Brühe hantieren musste, der Beitzer, hatte damals zumeist den bestbezahlten Job.

Gründung des Betriebs jährt sich 2015 zum 200. Mal

Neben den IPhones bringt das Iserlohner Unternehmen auch eine breite Palette anderer Produkte „auf Draht“: Knitterblusen, Tintenstrahldrucker, Blitzableiter in der Nase von Flugzeugen – auch in der Fertigung von metallischen Bauteilen kommt der Iserlohner Draht zum Einsatz. Unter Strom gesetzt wird der sogenannte Erodierdraht etwa verwendet, um Motorenzylinder auszuschneiden. „Präziser, als mit Lasern“, erklärt Ablas.

200 Jahre Feindrahtwerk Stamm – groß gefeiert wird das aber nicht. Wegen der eher speziellen Angebotspalette ist das Unternehmen auf „Laufkundschaft“ kaum angewiesen. „Ein Tag der offenen Tür macht für uns wenig Sinn“, sagt Christof Ablas.