Iserlohn reagiert auf Wallraff-Enthüllungen zu Großküchen

Bis zur Klärung der Vorwürfe hat die Stadt die Zusammenarbeit mit „vitesca menü“ eingestellt.
Bis zur Klärung der Vorwürfe hat die Stadt die Zusammenarbeit mit „vitesca menü“ eingestellt.
Foto: dpa
Die Stadt Iserlohn hat die Essenslieferung von sieben Schulen durch den Großcaterer „vitesca menü“ vorerst unterbunden. Konsequenz aus der jüngsten RTL-Sendung "Team Wallraff".

Iserlohn.. Als direkte Konsequenz aus der Ausstrahlung der RTL-Sendung „Team Wallraff“ am Montagabend hat die Stadt die Zusammenarbeit mit dem Essenslieferanten „vitesca menü“, der sieben Iserlohner Schulen versorgt, eingestellt – zumindest vorerst. „Wir warten jetzt ab, was die Prüfung des Betriebs durch das zuständige Gesundheitsamt Wuppertal, Remscheid, Solingen ergibt. Freitag oder Montag soll ein Abschlussbericht vorgelegt werden, dann sehen wir, wie es weitergeht“, erklärte Schulressortleiterin Katrin Brenner am Dienstag bei einem kurzfristig angesetzten Pressegespräch.

Für die aktuelle Ausgabe am Montag hatten sich Mitarbeiter aus dem „Team Wallraff“, getarnt als Küchenhilfen, zehn Monate lang in Großküchen für Schulen und Pflegeheimen umgesehen und stießen dabei auf Zustände, die vielen Zuschauern den Appetit verdorben haben dürften. Zehn Monate hat das Team recherchiert und verdorbenes Gemüse, überschrittene Mindesthaltbarkeitsdaten und vergammeltes Fleisch gefunden sowie Küchenpersonal, dem es gleichgültig scheint, was es zu Essen verarbeitet.

"Das Gezeigte war eklig"

„Ich habe mich erschrocken und war entsetzt. Das Gezeigte war eklig, deshalb kann ich die heftigen Reaktionen der Eltern in den sozialen Netzwerken verstehen und weiß, dass bei ihnen große Verunsicherung besteht“, zeigte sich Katrin Brenner betroffen. Direkt betroffen sogar, da mit „vitesca“ eben auch ein Unternehmen unter die Lupe genommen worden war, das nach erfolgreicher Teilnahme an einer europaweiten Ausschreibung seit drei Jahren Iserlohner Schulen beliefert. Diese Kooperation wurde mit sofortiger Wirkung ausgesetzt, den betroffenen Schulen ein zusätzliches Budget zur Verfügung gestellt, um die Kinder bis Freitag von anderen Anbietern versorgen zu lassen. Ob anschließend „vitesca“ wieder zum Zuge komme, sei abhängig vom Ergebnis der mehrtägigen Prüfung durch das Gesundheitsamt.

Das Wuppertaler Unternehmen selbst reagierte am Dienstag mit einer umfangreichen Presseerklärung auf die Vorwürfe. In der Sendung sei ein Zerrbild gezeichnet worden, das die Realität in weiten Teilen auf den Kopf stelle, heißt es in der Stellungnahme. Erst im Januar dieses Jahres habe die Lebensmittelüberwachung den Betrieb nach einer unangemeldeten Kontrolle mit „gut“ bis „sehr gut“ beurteilt.

Unternehmen widerspricht den Vorwürfen vehement

Auch zu den Kritikpunkten äußert sich „vitesca“ detailliert, wirft dem „Team Wallraff“ unter anderem vor, für die Sendung Bilder mit Zitaten eines Mitarbeiters in einen falschen Zusammenhang gesetzt zu haben und widerspricht in weiten Teilen den Aussagen der Reporter, die sich auch nicht ausreichend mit den Zubereitungsverfahren beschäftigt hätten. Einzig im Fall des Hackfleisches, habe das Team Wallraff Recht. Eine Lieferung mit kleinerer Menge bereits gefrorenes Bio-Hackfleisch sei im Unternehmen nicht korrekt registriert und in der Folge mit einem fehlerhaften Mindesthaltbarkeitsdatum versehen worden.

Auch die Stadt Ennepetal wird als Reaktion auf die Wallraff-Enthüllungen für Kitas und Schulen ab sofort kein Essen mehr von der Firma Vitesca beziehen.

Vor einer vorschnellen Verurteilung des Unternehmens warnt Kreisveterinär Dr. Dieter Sinn. Die Kritik etwa, dass „vitesca“ Lebensmittel beziehe, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stünden, sei unfair und journalistisch nicht korrekt, „das ist doch kein Vorwurf, das ist einwandfreie Ware“. Auch, dass solche Produkte bei ihrer Anlieferung tiefgefroren würden, um sie zu einem deutlich späteren Zeitpunkt zu verwenden, sei absolut üblich. „Das war in Teilen schon eine etwas seltsame Skandalmache“, sagt Sinn, der sich erst dann ein Urteil bilden möchte, wenn die Prüfungsergebnisse seiner Kollegen vorliegen. Künftig nun neben den üblichen Kontrollen der Speisentemperatur bei der Anlieferung und nach dem Aufwärmen in den offenen Schulen weitere eigenen Labor-Untersuchungen zur Überprüfung der Großküchen zu veranlassen, hält der Kreisveterinär für zwecklos: „Was soll da mikrobiologisch rauskommen. das wäre nur Show.“

Schulleiterin war mit "vitesca"-Essen bis dato zufrieden

Elke Dieckmann, Leiterin einer der von „vitesca“ belieferten offenen Ganztagsgrundschule, ist nach eigenen Angaben bei jedem Mittagstisch anwesend, isst gelegentlich selbst mit. „Ich kann nur sagen, dass beispielsweise die Salate immer sehr knackig aussehen und uns insgesamt noch nichts Negatives aufgefallen ist. Dass nicht jedes Essen allen Kindern schmeckt, ist eine andere Sache und eine Frage des persönlichen Geschmacks.“ Eine Feststellung, die Schulverwaltungsamtsleiter Wolfgang Kolbe bestätigt: „Am MGI wurde eine Zeit lang nur Biokost angeboten. Die Kinder haben es nicht gegessen, das Angebot musste umgestellt werden.“

2,70 bis 2,80 Euro kostet in Iserlohn eine Schulmahlzeit vom Einkauf über die Produktion bis zur Lieferung als Ergebnis der vor einigen Jahren erfolgten Ausschreibung. „Als immer mehr offene Ganztagsschulen dazu kamen, war irgendwann aufgrund des Kostenvolumens der Punkt erreicht, dass wir die Speisenbelieferung europaweit ausschreiben mussten“, berichtet Katrin Brenner, dass die Stadt gerne auf örtliche Versorger zurückgreifen würde, die jedoch gar nicht ein so großes Interesse an dem Auftrag hätten. Bei der Ausschreibung, so Wolfgang Kolbe, sei dann letztlich der Preis das Ausschlag gebende Kriterium gewesen, da sämtliche Anbieter alle anderen Anforderungen wie etwa die Einhaltung der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gleichermaßen erfüllt hätten. „Am Ende“, so Wolfgang Kolbe, „geht es dann eben über den Preis.“

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