„In der Medienwelt müssen wir jung bleiben“

Die gebürtige Iserlohnerin Dr. Sabine Kirchhoff
Die gebürtige Iserlohnerin Dr. Sabine Kirchhoff
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Die gebürtige Iserlohnerin Dr. Sabine Kirchhoff konzipierte ein Buch zur Einführung in die Grundlagen der Online-Kommunikation.

Iserlohn/Osnabrück..  Das weltweite Web hat das private und berufliche Leben rund um den Globus revolutioniert. Die Digitalisierung der Medien führte zur raschen Verbreitung von PCs, Tablets und Smartphones und mit ihr tauchte die Unterscheidung zwischen „Digital Immigrants“ und „Digital Natives“ auf: So unterscheiden heutzutage nicht nur amerikanische Kommunikationsberater zwischen Personen, die vor 1980 geboren sind und technikbegeisterten Jugendlichen, die mit der Computertechnologie nach 1980 aufwuchsen.

Allgegenwart von Handysund digitalen Medien

„So sieht unsere Medienwelt nun aus – also müssen auch wir ‚Digital Immigrants‘ am Ball bleiben und ‚jung‘ bleiben, schreibt Dr. Sabine Kirchhoff (51) mir in die persönliche Widmung ihres neuen Buches: „Online-Kommunikation im Social Web. Mythen, Theorien und Praxisbeispiele“ (Verlag utb / Barbara Budrich Opladen & Toronto 2015, ISBN 978-3-8252-4188-9).

Keine leichte Kost, aber mit vielen grundlegenden Informationen gespickt, die nicht nur für die Fachwelt von Interesse sind. Das liegt an der Allgegenwart von Smartphones und digitalen Medien im privaten wie beruflichen Alltag der Menschen von heute. Nichtsdestotrotz versteht sie es als umfassende Einführung in die Grundlagen der Online-Kommunikation.

Konzipiert hat die gebürtige Iserlohnerin Dr. Sabine Kirchhoff das 307 Seiten starke Buch als umfassende Einführung in die Grundlagen der Online-Kommunikation. Sie lehrt als Professorin für Presse- und Medienarbeit und Online-Kommunikation am Institut für Kommunikationsmanagement der Hochschule Osnabrück. Ihr zur Seite stand ihr eBusiness-Lotsen-Team Emsland, das kleinen und mittleren Unternehmen Social-Media-Themen näherbringt. „Ich habe fünf Jahre zu diesem Thema geforscht, gelehrt und Abschlussarbeiten betreut, die auf recht oberflächliche Quellen zurückgriffen. Deshalb war es an der Zeit, ein Buch zu schreiben, das Unternehmen hilft, eine zu ihnen passende Online-Strategie zu finden, ohne jemandem etwas verkaufen zu wollen“, erzählt sie zur Entstehung des Grundlagenwerkes in ihrem Forschungssemester 2013/2014.

Mit ihrem interdisziplinären Buch räumt Dr. Sabine Kirchhoff mit falschen Vorstellungen auf, dass alle Unternehmen im Internet auf Facebook unterwegs sein müssen: Sie betont, zwischen privater und beruflicher Anwendung sozialer Web-Anwendungen liegen Welten. Die Pflege eines privaten Facebook-Accounts habe nichts mit professioneller Mediennutzung zu tun: „Otto-Normal-Internet-Nutzer halten sich bevorzugt in privaten Öffentlichkeiten auf, die sich von publizistischen Öffentlichkeiten deutlich unterscheiden“, weiß die Kommunikationsfachfrau. Und ergänzt: „Die Informationsflut im Internet führt generell zu einer abnehmenden Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit seitens der User. Wirklich unterhaltsame Angebote, starke Marken und starke Medien haben im Kampf um die Aufmerksamkeit einen Vorsprung vor allen anderen Unternehmen und Organisationen.“

In ihrem Buch schildert sie auch Sicherheitsrisiken der naiven Nutzung des Social Web: Sie reichen von Phishing bis zu Betrug, Einbrüchen in IT-Systeme, Zugriffe auf falsche Daten und Datenmissbrauch durch Anwendungen der Dienste von Drittherstellern.

Unternehmen sollten sich durch Fachanwälte beraten lassen, denn es gebe im Internetrecht jede Menge Fallstricke durch das Vernetzungspotenzial. Als Stichworte nennt sie Marken- und Namensrecht, Urheber- und Persönlichkeitsrecht, das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb und Datenschutzrecht.

Kirchhoffs Handbuch zeigt außerdem, wie Unternehmen tragfähige Online-Kommunikationsstrategien für ihr Unternehmen und ihre Zielgruppen entwickeln können. Dabei warnt sie auch vor dem Mythos der „Digital Natives“: „Es vergeht kein Tag, an dem nicht über Unternehmen berichtet wird, die sich auf die vermeintlich medienkompetenten jungen Leute beim Einsatz sozialer Medien einstellen und um der Jungen Willen Dienste wie Facebook oder Whats­App einführen. Dass die Jungen unverkrampfter mit den Medien umgehen, darf aber nicht mit Medienkompetenz verwechselt werden.“ Untersuchungen zur Medienkompetenz von Studierenden haben das Gegenteil ergeben, untermauert sie dies mit Blick auf ihre Forschungserkenntnisse.

Angesichts der Diskussionen um Datenschutz gebe es mittlerweile viele Menschen, die wenig bis kein Vertrauen in Social-Web-Öffentlichkeiten haben. Dazu gehöre sie auch, gibt sie sich als Kritikerin aktueller Entwicklungen und Geschäftsmodelle zu erkennen: „Hellhörig werden müssen wir bei individualisierten Tarifstrukturen im Gesundheitswesen oder bei Autoversicherungstarifen.“

Sie können die Keimzelle für gesellschaftliche Entwicklungen bilden, die weder von der Politik noch von den Bürgern gewollt seien. Die Politik sei gefordert, sich zu überlegen, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen solle und dabei den Datenschutz auf europäischer Ebene optimieren.

Für sie sei für das Gros der Unternehmen, Vereine und Verbände eine Website das Medium erster Wahl, um zu informieren. Aus ihrer Forschung zu Online-Kommunikation weiß Dr. Kirchhoff: „Eine Website ist nachhaltiger und steuerbarer als Dienste von Drittanbietern wie Facebook.“

Faszinierende Sozialisation als Medienmensch

Die Kommunikationsforscherin ist auch auf dem Kurznachrichten- oder Microbloggingdienst Twitter unterwegs: „Das ist wie früher der DPA-Ticker“, erinnert sie sich an ihre frühere Tätigkeit als Tageszeitungsredakteurin. „Um auf dem Laufenden zu bleiben bekomme ich wichtige Medien-Meldungen der New York Times und der Washington Post ebenso wie deren deutschsprachige Pendants.“ Sie genieße die Unmittelbarkeit, mit der sie die Texte oder Videos in Echtzeit auf dem Tablet sehen kann: „Das ist faszinierend, wenn man wie ich als Medienmensch sozialisiert ist.“

Ihr neues Buch sei die Fortsetzung ihrer Diplomarbeit in der es um Rationalisierung im Journalismus und in anderen Branchen ging. Heute wie damals veränderten technologische Entwicklungen die Arbeitswelt: Die Digitalisierung beträfe nicht nur die Medienhäuser, sondern auch die Industrie, was das Schlagwort „Industrie 4.0“ zeige.