In der Manege fürs Leben lernen

An einem Tuch durch die Zirkusschule schwingen – auch dies stand bei den Kindern aus den Iserlohner Flüchtlingsfamilien  in der vergangenen Woche ganz hoch im Kurs.
An einem Tuch durch die Zirkusschule schwingen – auch dies stand bei den Kindern aus den Iserlohner Flüchtlingsfamilien in der vergangenen Woche ganz hoch im Kurs.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Elf Kinder aus Flüchtlingsfamilien haben in der Zirkusschule „Petit“ wichtige Erfahrungen gesammelt.

Iserlohn..  Mit dem Sprechen sei es schon noch ziemlich schwer. Die Kinder seien schließlich erst seit maximal einem Jahr in Deutschland, manche auch erst seit sechs Wochen. Mit dem Verstehen sehe es dagegen schon ganz anders aus – der passive Wortschatz sei bei vielen schon riesengroß. „Bei uns ist das aber letztlich ganz egal“, sagt René Zeiler von der Zirkusschule „Petit“, „wir machen hier einfach, da wird nicht so viel geredet.“

Elf Kinder im Alter von vier bis 15 Jahren aus Iserlohner Flüchtlingsfamilien hat Zeiler seit Dienstag in seiner Zirkusschule an der Wolfsgasse betreut. Das besondere Projekt kam aufgrund der finanziellen Unterstützung der Kinderlobby zustande und wurde über das Flüchtlingsnetzwerk Iserlohn mit dem Jugendcafé Checkpoint und dem Sozialzentrum Lichtblick der Evangelischen Versöhnungskirchengemeinde verwirklicht. Insgesamt fünf Mitarbeiter der beiden kirchlichen Einrichtungen sowie der Zirkusschule waren die Woche über im Einsatz, um den Kindern aus Ägypten, Albanien, Mazedonien und dem Kosovo bei ersten akrobatischen Gehversuchen zu helfen und auch mit Mittagessen und allem, was dazu gehört, zu versorgen.

Gerade das nonverbale Verständnis, das der Zirkus naturgemäß mit sich bringt, war der ganz große Pluspunkt der Aktion. Sich zusammen bewegen und zusammen lachen – da kommen erst gar keine Barrieren auf und viel erklären muss man da auch nicht. „Die Kinder haben es verdient, einfach Mal Spaß zu haben und sich willkommen zu fühlen“, bringt René Zeiler den Grundgedanken des Projektes mit Blick auf den sonst so problembehafteten Alltag der oft auch traumatisierten Kinder auf den Punkt.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte der Artistiktrainer und Sozialarbeiter aber, was Zirkus im Allgemeinen und die Woche für die Kinder im Speziellen noch bedeutet. „Die Kinder bringen sehr viel mit“, sagt er – nicht an konkreten Akrobatik-Vorkenntnissen. Einen Zirkus hat wohl jedes Kind schon einmal gesehen, und auch die typische Zirkusmusik spricht auch jedes Kind an, egal, woher es kommt. Selbst jongliert, auf dem Seil balanciert, auf einem Ball gelaufen oder am Tuch durch die Luft geschwungen sind sie aber noch nicht. Die Kinder zeichnen sich aber durch die Bank, wie René Zeiler berichtet, durch gute Motorik und großes Körperempfinden aus. „Einige würde ich wirklich gerne hier behalten“, sagt Zeiler angesichts der schnellen Fortschritte, die er in den vergangenen vier Tagen beobachten konnte.

Abgesehen von den persönlichen Erfolgsmomenten, die viele Kinder in der Zirkusschule erleben konnten, hatten sie aber auch die Möglichkeit, eigene Grenzen zu erfahren und ruhig auch einmal zu überschreiten, ohne ernste Konsequenzen zu erleben. Sie erlebten statt dessen eine natürlich Form von Verbindlichkeit und klaren Strukturen beim Training, und sie erlebten, dass nicht ihre Person, sondern Situationen bewertet werden – wichtige Erfahrungen, die nicht nur Kindern aus Flüchtlingsfamilien, sondern allen Heranwachsenden gut tun. Und all das stand hier im Vordergrund – keine Aufführung am Ende der Woche. Gestern, am letzten Tag, waren zwar einige Eltern da, um zuzuschauen. Eine richtige Show wurde aber nicht einstudiert.

Schließlich lernten die Kindern auch, als Gruppe zu funktionieren und sich selbst zurückzustellen. Zeiler: „Die Ich-Ich-Ich-Rufe haben im Laufe der Woche doch spürbar abgenommen.“ Und das sei typisch für den Zirkus: „Eine Pyramide funktioniert eben nicht, wenn alle oben stehen wollen.“