Im Duell mit dem „Black Man“ und der Schwerkraft

Im Duell mit dem „Black Man“ – in diesem Fall ist das der IKZ-Redakteur.
Im Duell mit dem „Black Man“ – in diesem Fall ist das der IKZ-Redakteur.
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Um für den Einsatz fit zu bleiben, müssen die Polizisten des Märkischen Kreises Erlerntes bei Kursen regelmäßig wiederholen. Das Stresslevel wird dabei für die Teilnehmer bewusst hochgehalten. Ein Selbstversuch in Nahkampf und Schießen

Iserlohn/Lüdenscheid..  Nun also Attacke: Ich hole mit meinem hölzernen Schlagstock weit aus und schlage in Richtung des Kopfes meines Gegenübers. Oberkommissar Christian Döbel reißt den rechten Arm hoch und blockt den Schlag mit seinem Mehrzweckstock ab.

Etwas überraschend für mich: Das Ganze ist hier noch nicht vorbei, ich kassiere drei schnelle Schläge auf Bauch, Brust und Oberschenkel. Glücklicherweise trage ich einen Schutzanzug, denn das hier ist nur eine Übung. Dennoch spüre ich die Schläge und muss an eine Bemerkung denken, die ich vielleicht besser nicht gemacht hätte...

Freitagmorgen, ich mache mich auf den Weg nach Lüdenscheid. Hier sitzt die Fortbildungsstelle der Polizei des Märkischen Kreises, die auch Iserlohner Polizisten besuchen, in einem unauffälligen Flachdachbau in einem Gewerbegebiet. Ich bin mit Ulrich Gatzke verabredet, Polizeihauptkommissar, Einrichtungsleiter und einer von fünf Einsatztrainern hier.

Richtiges Verhalten im Einsatz ein wichtiger Schwerpunkt

Weil bestimmte Ausbildungsinhalte der Polizei aus Sicherheitsgründen vertraulich sind, haben wir uns für einen Selbstversuch auf ein kurzes Nahkampftraining mit dem etwas holprig-bürokratisch betitelten „Einsatzmehrzweckstock – Ausziehbar (EMSA)“ sowie auf ein Schießtraining verständigt.

Fünf Module à sechs Stunden müssen Polizisten jährlich durchlaufen, um Erlerntes aus der Ausbildung aufzufrischen. Jeweils ein Modul bilden der EMSA und das Schießen, hinzu kommen weitere Inhalte, die im wesentlichen das richtige Verhalten im Einsatz behandeln.

Mit dabei beim Vorgespräch sind nun auch Polizeikommissarin Saskia Hippe und eingangs erwähnter Christian Döbel, ebenfalls Trainer bei der Fortbildungsstelle. Unter anderem interessiert mich der Aspekt „Einsatzkommunikation“. Etwas unbedacht nenne ich das Auftreten der Polizei etwa rund um Fußballspiele bisweilen etwas „schroff“.

Ich meine das gar nicht abwertend, sondern vermute dahinter eine Taktik, schließlich haben Polizisten ein klares Einsatzziel – und wer nicht bestimmt auftritt, der läuft Gefahr, dass Passanten diesem zuwiderlaufende unnötige und vermeidbare Diskussionen beginnen.

Dennoch erscheint mir meine Wortwahl etwas unglücklich. „Das Verhalten im Einsatz ist auch eine Frage der persönlichen sozialen Kompetenz. Polizisten sind da nicht anders als andere Menschen“, sagt Ulrich Gatzke.

Neue Waffe angeschafft wegen zunehmender Gewalt

Wir beginnen mit der Praxis in einer Trainingshalle nebenan. Intensives Aufwärmen, dann erste Trockenübungen, Schläge mit dem Übungsstock mit „Vor- und Rückhand“, Überkopf und aus der Hüfte. Ulrich Gatzke erklärt mir außerdem, wie man sich mit dem EMSA verteidigt.

„Das Gerät wurde 2011 angeschafft, weil sich die Gewalt gegen die Polizei gehäuft hat“, erläutert er dann. Der Vorteil dieser Waffe gegenüber einem herkömmlichen Schlagstock: Bei der eigenen Verteidigung bietet er den Polizisten ungleich mehr Möglichkeiten. Nachdem man den Stock ausgezogen hat, greift man an einen Knauf, der im 90-Grad-Winkel zum eigentlichen Stock steht. So kann man den Stock parallel und nah am Unterarm halten – und diesen so zu einer Art Abwehrschild umfunktionieren.

Die Handhabung ist dann einfach – zumindest in der Defensive. Zur Verteidigung formt man Überkopf, etwa im 45-Grad-Winkel, eine Art „halbes Hausdach“, so erklärt es mir Gatzke. Niedriger angesetzte Schläge pariert man mit einem einfachen Block auf Brusthöhe.

Wichtig: Mit dem jeweils der Schlaghand des Angreifers gegenüberliegendem Bein geht man diesem entgegen. Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass der abgeblockte Angriff abrutscht und etwa die Innenseite des Schenkels getroffen wird – hier liegen empfindliche Arterien, die Außenseite ist durch Muskulatur besser geschützt. Den freien Arm hält man stets auf Brusthöhe.

Soviel zum Vorgeplänkel. Ich soll nun Saskia Hippe, die einen zehn Kilo schweren Schutzanzug mit Helm, den „Black Man“ trägt, abwehren. Etwas statisch blocke ich ihren ersten Angriff ab. Anders als bei der Trockenübung ist der jetzt aber nicht vorbei, die Polizistin marschiert mit dem schweren Anzug quasi durch mich durch. „Hau ab, du B..., was willst du hier?“, brüllt sie.

„Unter Stress lernt sich jeder noch mal neu kennen“

Ich weiche zurück, tänzelnd, allerdings wenig elegant. In der Tat ist es dann auch die Beinarbeit, die mir im Weiteren Probleme bereitet. Je schneller attackiert wird, desto eher vergesse ich die korrekte Fußstellung, die Automatismen fehlen mir. Zwar tauche ich nach der ersten Abwehr seitlich weg, allerdings liegt meine Flanke oftmals blank, sprich: bei einer echten Attacke wäre sie ungeschützt. „Unter Stress lernt sich jeder noch mal neu kennen“, sagt mir später Ulrich Gatzke. Ich verstehe gleich, was er meint.

Dann ziehe ich den Schutzanzug an, die eingangs erzählte Situation mit Oberkommissar Christian Döbel. Er blockt meinen Schlag spielend ab, ich kassiere die drei schnellen Treffer auf Bauch, Brust, Oberschenkel, taumele einen Schritt rückwärts. So geht das mehrmals.

Durch meinen Kopf geistert jetzt erneut der Begriff „schroff“, wobei ich schnell erkenne, wenn der Polizei-Trainer wollte, könnte er mich noch öfter und auch deutlich härter treffen. Was er aber nicht tut. Ich merke: Ohne Training, ohne Automatismen, hat man kaum eine Chance, sich zu verteidigen. Gegen den Gegner – und gegen die Schwerkraft, gerade in der Rückwärtsbewegung.

Wichtig: Beim Training und im Einsatz sind Schläge auf Kopf und die Region zwischen Bauchnabel und Rippenbogen untersagt. „Zu gefährlich“, so Gatzke. Darauf legt die Polizei großen Wert.

Wir wechseln nun zur Lüdenscheider Polizeiwache, zum Schießtraining in einer Art Übungsschlauch im Keller. Auch hier folgt eine längere Einweisung zur Handhabung der Waffe. Geschossen wird dann mit einer Pistole sowie Augen- und Lärmschutz aus sechs bis 14 Metern Entfernung auf unbewegliche Ziele. Auch in der Praxis sind dies die Entfernungen, aus denen statistisch gesehen im Notfall am häufigsten geschossen wird.

Teilnehmer werden bei Übungen unter Druck gesetzt

Überraschend für mich: Die optimale Standposition gibt es nicht, auch die Atmung spielt auf der kurzen Distanz kaum eine Rolle. Grobe Fehlschüsse leiste ich mir keine. Ulrich Gatzke und Hauptkommissar Michael Plischka, der hier assistiert, sind einigermaßen zufrieden mit mir. Und zugegeben: Weil ich noch nie eine Pistole in der Hand hatte, bin ich es auch.

Realitätsnah ist diese Übung jedoch nicht. Für das Training von richtigen Polizisten würde der Schwierigkeitsgrad noch deutlich erhöht werden. Michael Plischka spielt eine Reihe von Filmsequenzen ab, die verschiedene Szenarien beinhalten, von schießenden bis hin zu aufgebenden Tätern oder Unschuldigen, die aus Seitentüren auftauchen. Einfach losschießen ist hier keine Lösung. Begleitet wird das Ganze von Lärm, manchmal von Geschrei. Das Stresslevel wird bei den Übungen gezielt hochgehalten, die Teilnehmer unter Druck gesetzt. Einige Übungen sind für Polizisten aus der Bewegung heraus zu absolvieren.

Ulrich Gatzke fasst die Ansprüche so zusammen: „Es ist ein Schieß- und vor allem ein Nicht-Schieß-Training.“ Denn glücklicherweise kommen Schusswaffen im Märkischen Kreis extrem selten zum Einsatz.