Hat Enervie ausreichend nach Alternativen gesucht?

Das Enervie-Netz kann derzeit in Spitzenzeiten nicht ausreichend Strom aus den überregionalen Netzen aufnehmen. Kommt nun Abhilfe?
Das Enervie-Netz kann derzeit in Spitzenzeiten nicht ausreichend Strom aus den überregionalen Netzen aufnehmen. Kommt nun Abhilfe?
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Viele Stromkunden fragen sich nun, ob sie seit dem 1. Januar aus nicht gerechtfertigten Gründen erhöhte Netzentgelte bezahlen.

Iserlohn..  Die Nachricht, dass nun offenbar doch eine technische Lösung gefunden worden ist, das inselartige Enervie-Netz, an dem letztlich auch Iserlohn hängt, in Spitzenzeiten stärker mit Strom aus überegionalen Netzen zu versorgen, hat aufhorchen lassen. Denn bislang hatte es unter anderem seitens Enervie geheißen, dass dies nur über die Kupplungsstelle Hagen-Garenfeld möglich sei – nach einem sehr umfassenden Umbau, der nicht von heute auf morgen möglich sei. Bis dahin müsse Enervie seine Kraftwerke, die das Unternehmen eigentlich stilllegen möchte, als Reserve bereithalten. Diese Kosten sollten über die Netzentgelte auf die Stromkunden im Enervie-Netz, also auch auf die Kunden der Stadtwerke Iserlohn, umgelegt werden. Und diese deutlich erhöhten Netzentgelte werden den Stromkunden ja seit dem 1. Januar auch tatsächlich berechnet. Insbesondere energieintensive Betriebe befürchteten und befürchten Wettbewerbsnachteile.

Lösung ohne Reservekraftwerke

Nun die plötzliche Wende: Amprion soll vorgeschlagen haben, das Enervie-Netz über eine weitere Stelle in der Anlage Dortmund-Kruckel anzuschließen. So könne jederzeit genügend Strom ins Enervie-Netz fließen, ohne dass dort noch die teuren Reservekraftwerke benötigt würden. Und damit nicht genug: Offenbar gibt es auch Überlegungen, Verknüpfungen mit den Netzbetreibern Westnetz und AVU (Ennepe-Ruhr-Kreis) zu schaffen. Und alles mit überschaubarem technischen und finanziellen Aufwand.

Was ist geschehen? Haben Techniker eine plötzliche Entdeckung gemacht, nach der zuvor diverse Experten monatelang fieberhaft aber vergeblich gesucht haben? Kritische Stimmen melden da inzwischen erhebliche Zweifel an, glauben nicht an einen „Zufall“. So wurde unserer Zeitung gegenüber berichtet, das Enervie in besseren Zeiten über Dortmund-Kruckel überschüssigen Strom ins überregionale Netze eingespeist haben soll. Und da hätte bei Enervie doch eigentlich klar sein müssen, dass dieser Weg im Zweifel auch anders herum funktioniert. „Wusste man das nicht, oder wollte man das nicht wissen?“, fragt ein Beobachter der Diskussion gegenüber unserer Zeitung. Der Vorwurf, der darin anklingt: Enervie habe nicht in ausreichendem Maße nach Alternativen gesucht, oder gar eine erkannte Lösungsmöglichkeit verschwiegen, weil man keine einfache und billige Lösung wollte, sondern nach Lösungen suchte, über den Reservestatus seiner Kraftwerke und die damit fälligen zusätzlichen Netzentgelte noch eine Zeit lang gutes Geld zu verdienen. Nun also doch eine Alternative: Hängen die neuen Erkenntnisse mit dem massiven Druck zusammen, der zwischenzeitlich von Wirtschaft und Politik aufgebaut worden ist?

Enervie sagt dazu, dass man im Sommer 2014 durchaus bemüht gewesen sei, Alternativen zu finden. Schriftlich heißt es: „Im Jahr 2011 wurde wegen Umbauarbeiten in unserem 110-kV-Hochspannungsnetz eine Verbindung zum AVU-Netz (das auch in Dortmund-Kruckel angeschlossen ist) genutzt, um ein Umspannwerk der ENERVIE AssetNetWork (EAN) in Hagen-Haspe weiter zu versorgen. Die maximale Leistungsbereitstellung betrug dabei über einen zeitlich begrenzten Zeitraum von sechs Monaten maximal 30 Megavoltampere (MVA).

Im Sommer 2014 Enervie-Anfrage bei AVU

Aufgrund der damaligen Bereitstellung hat Enervie-Netz im Sommer 2014 bei AVU angefragt, in welchem Umfang gegebenenfalls Zusatzleistungen bereitgestellt werden können. Aufgrund von Umbauarbeiten und weiteren Optimierungen im Netz konnte AVU jedoch seinerzeit keine Zusage für eine Leistungsbereitstellung geben. Zudem hätte eine Leistungsbereitstellung von maximal 30 MVA die für die Versorgungssicherheit notwendige Anzahl vorzuhaltender Kraftwerke nicht reduziert und damit auch die eingetretene Kostenbelastung nicht verändert.“

Und die Rolle der Bundesnetzagentur? Wurde diese ihrem Prüfauftrag gerecht, oder hat sie das angeblich „alternativlose“ Konzept nicht kritisch genug hinterfragt? Ein Sprecher der Bundesnetzagentur sagte auf Anfrage, dass man das Verfahren begleitet habe und die Ergebnisse im vergangenen Jahr auch intensiv geprüft habe. Und man beobachte auch die aktuelle Entwicklung.

Viele Stromkunden fragen sich nun, ob sie seit dem 1. Januar aus nicht gerechtfertigten Gründen erhöhte Netzentgelte bezahlen. Und ob sie davon irgendwann etwas wiedersehen, wenn alle Umstände abschließend geklärt sind. Es geht aber wohl eher in die andere Richtung: Denn selbst wenn es im laufenden Jahr gelingt, die jüngst diskutierte Lösung umzusetzen, bedeutet das wohl nicht, dass die Netzentgelte Anfang 2016 wieder auf das Niveau vor der Erhöhung vom Januar 2015 sinken werden.

Nach unseren Informationen soll die Erhöhung der Netzentgelte 2016 nur zur Hälfte zurückgenommen werden und auch 2017 noch 30 Prozent der Erhöhung weiter kassiert werden. Diese Zahlen wollte Enervie-Sprecher Andreas Köster gestern auf Anfrage nicht bestätigen. Es sei aber richtig, dass zunächst nur mit einer Abmilderung der Erhöhung zu rechnen sei und nicht mit einer Rücknahme. Zum einen müssten ja die zu schaffenden provisorischen Umbauten bezahlt werden, zum anderem würden für den Strom, der dann durch diese Verbindungen fließe, Netzentgelte Richtung Amprion fällig. Und da die Lösungen nur provisorisch und zeitlich befristet seien, komme ja auch noch der eigentliche Umbau der Kopplungsstelle Garenfeld hinzu.