Handballtrainer muss ins Gefängnis

Dreieinhalb Monate liegt der Prozessauftakt gegen den Handballtrainer des VfK Iserlohn zurück. Am Montag wurde er zu einer Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Dreieinhalb Monate liegt der Prozessauftakt gegen den Handballtrainer des VfK Iserlohn zurück. Am Montag wurde er zu einer Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Das Hagener Landgericht verurteilt den 37-Jährigen Trainer des VfK Iserlohn zu viereinhalb Jahren Haft wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes.

Iserlohn/Hagen..  Zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten ist am Montag der Handballtrainer des VfK Iserlohn verurteilt worden, der sich seit Anfang Februar wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor dem Hagener Landgericht verantworten musste. Wie bereits berichtet wurde dem 37-jährigen Iserlohner eine ganze Serie von sexuellen Übergriffen auf einen damals zwölfjährigen Spieler des Vereins vorgeworfen. Die Taten liegen rund 15 Jahre zurück und haben sich in der Dachgeschosswohnung zugetragen, die die Großeltern des Opfers an den Angeklagten vermietet hatten.

Nur fünf Einzeltaten konnten sicher zugeordnet werden

Die verhältnismäßig geringe Strafe angesichts der Schwere der Vorwürfe begründet sich dadurch, dass das Gericht lediglich fünf konkrete Übergriffe – zwei einfache und drei schwere Fälle von sexuellem Missbrauch – eindeutig dem fraglichen Tatzeitraum bis zum 14. Geburtstag des Opfers im August 2001 zuordnen konnte. In weiteren, zeitlich fraglichen Einzeltaten wurde der Angeklagte hingegen freigesprochen. Der 37-Jährige hatte alle Vorwürfe bis zuletzt von sich gewiesen, weswegen die Verteidigung auch einen kompletten Freispruch beantragt hatte.

Staatsanwältin Ina Pavel hatte den Fall in ihrem Plädoyer noch deutlich gravierender gesehen und sechs Jahre und neun Monate gefordert. Vor allem sah sie die Rolle des Angeklagten sehr kritisch. Er habe immer einen „ungewöhnlich intensiven Kontakt“ zu den Kindern und Jugendlichen des VfK gepflegt. Besonders perfide sei, dass er sich mit dem zwölfjährigen und nach der Trennung der Eltern sehr labilen Kind ein besonders schwaches und anfälliges Opfer ausgesucht hatte, um eine enge Bindung einzugehen und später die sexuellen Handlungen, die sich schnell zu sehr harten Übergriffen mit erzwungenem Oral- und Analverkehr ausgeweitet hatten, durchzuführen. Ebenso perfide sei es gewesen, dass er dem Kind damit gedroht habe, sich im Falle der Verweigerung die jüngere Schwester vorzunehmen. Und besonders frech sei es gewesen, dass er sich noch während der Verhandlung unter falschem Namen als Betreuer auf die Trainerbank des VfK gesetzt habe. Zudem hätten die Taten den Lebensweg des Kindes erheblich beeinträchtigt. Mit der in der Hemeraner Hans-Prinzhorn-Klinik diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung, schwerer Drogensucht schon im Kindesalter und einem gestörten Verhältnis zur Sexualität schilderte sie erneut die schwersten Folgen.

Die Verteidigerin des Angeklagten, Julia Kusztelak, schilderte ihren Mandanten ganz anders. Der Verein sei sein Leben, und sein Einsatz für den VfK, der über das normale Maß hinausgehe, sei getragen von hohem Engagement, Verantwortungsgefühl und Hilfsbereitschaft. Das hätten auch die Aussagen der geladenen Trainer-Kollegen und Vereinsvertreter gezeigt. Warum der Kläger all diese Taten erfunden habe, konnte sie nicht beantworten. Auffällig sei aber, dass sie auch als Alibi für eigene Verfehlungen, Drogensucht und Diebstähle dienen könnten. Dezidiert ging sie nochmals auf all die Widersprüche ein, in die sich das Opfer in den verschiedenen Aussagen verstrickt hätte – allen voran der falsche Tatzeitraum, dessen Beginn das Gericht tatsächlich nach allem Dafürhalten von Winter 1998/99 auf Februar 2000 korrigiert hat. Julia Kusztelak zog aber nicht nur die Glaubwürdigkeit des Opfers in Zweifel. Sie zeigte auch Unverständnis für das psychologische Gutachten, das dem Opfer höchste Glaubwürdigkeit bescheinigte, und der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung, die „unter zweifelhaften Umständen an der HPK“ entstanden sei.

Gerade die Unschärfen belegen die Echtheit

Schon zu Beginn der Urteilsverkündung hatte Richter Marcus Teich eingeräumt, dass so weit zurückliegende Taten eine besondere Schwierigkeit für die Justiz darstellen. Unschärfen in der Schilderung seien dabei normal. Wie solle ein zwölfjähriges Kind, das in einer ganzen Reihe von Übergriffen sexuelle Handlungen nach dem immer gleichen „Schema F“ über sich ergehen lassen musste, 15 Jahre später exakte Angaben zu dem Bekleidungszustand oder zu Stellungen in konkreten Fällen schildern? Gerade diese Unschärfen und die kleinen Widersprüche seien es, die die Aussagen echt und authentisch und eben nicht zurecht gelegt erscheinen lassen würden. Besonders glaubwürdig seien seine Aussagen vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte. Erst Jahre des Schweigens, dann eine erste Öffnung nach schweren Auseinandersetzungen mit der eigenen Frau ganz ohne Gedanken an eine Strafanzeige, dann wieder Jahre später die genauen Schilderungen im Kreise der Familie und schließlich als Gemeinschaftsentschluss die Anzeige – „genau das ist typisch für Missbrauchsopfer“. Die Tatsache, dass er sehr viel von sich preisgegeben hat, was die Taten sogar noch abschwächen könnte, etwa eigene Erregungszustände oder das Eingeständnis, dass sein Peiniger nie Gewalt angewendet habe, es aber dennoch zu den erniedrigendsten Handlungen gekommen sei, unterstrichen die Authentizität. Die Aussagen seien im Kern konstant und ohne Zweifel glaubhaft.