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Nach dem Brand

Graumann: Abschied mit vielen Anekdoten

27.06.2010 | 14:07 Uhr
Graumann: Abschied mit vielen Anekdoten
Gerdi und Ernst Kohlmann kamen am Samstag zur Erinnerungsrunde. Foto: Katz

Iserlohn.Für Verstorbene gibt es Trauerfeiern. Wie aber kann eine abgebrannte Traditionsgaststätte gewürdigt werden?

Andrea Reichart, ehemalige „Literaturhotel“-Direktorin und jetzige Inhaberin der Agentur „Leseziel“, wusste auch nicht so recht, wie sie die Veranstaltung am Samstag nennen sollte.

Gedenkfeier passe ebenso wenig wie Abschiednehmen. „Wir wollten einfach eine Möglichkeit schaffen für die Leute, die sich mit dem Haus verbunden fühlen“, erklärt Andrea Reichart.

Einer, der ganz besondere Erinnerungen an das Waldhaus am Franzosenhohl hat, ist Ernst Kohlmann. Er erblickte in dem Gebäude am 2. September 1923 das Licht der Welt. „Wir haben dort durch Verbindungen der Schwägerin meines Vaters gewohnt“, so Kohlmann. Sechs Jahre hatte seine Familie in dem Haus gelebt, bevor der kleine Ernst 1930 eingeschult wurde. „Der Weg zur Schule wäre von hier aus sehr weit gewesen“, erklärt Kohlmann, der mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder und den Eltern dann in die Innenstadt gezogen war. Ernst Kohlmann weiß noch, dass er als Junge immer ausgebüxt ist und sich zum heutigen „Literaturhotel“ aufgemacht hat. „Da haben mich die Küchenmädchen immer geärgert.“ Am Tag des Brandes, dem 14. Juni, hatte er mit Ehefrau Gerdi einen Spaziergang unternommen, als er Rauchschwaden über dem Waldhaus sah: „Alles war voll mit Feuerwehr-Wagen. Es ist schon eigenartig, das zu sehen.“ Auch lange nach dem Auszug hatte er seinem Geburtshaus die Treue gehalten, Silberhochzeit und viele Geburtstage dort gefeiert.

Michael Scheffler, stellvertretender Bürgermeister, hat ebenfalls zahlreiche Berührungspunkte mit dem Waldhaus. „Ich bin oft als Vize-Bürgermeister bei Geburtstagen oder Goldhochzeiten da gewesen, privat habe ich dort mit Freunden gegessen.“ Viele Iserlohner, die am 15. Juni die Fotos von der Brandruine in der Heimatzeitung gesehen hätten, seien schockiert gewesen. „Da läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.“ Denn „Graumann“ habe immer einen „exzellenten Ruf“ genossen und insbesondere der Stollen sei vielen längst aus Iserlohn Verzogenen noch lange im Gedächtnis geblieben. Michael Scheffler dankte der ebenfalls anwesenden Familie Graumann „für jahrzehntelange freundliche Gastronomie.“

Wilfried Diener, Mitglied der IKZ-„BISS“-Redaktion, würdigte das Waldhaus mit einem Gedicht. Auch er kennt das Ausflugslokal von Kindesbeinen an. „Wenn wir früher durch den Wald gelaufen sind, wo ging man hin? Zu Graumann natürlich!“ Ähnliche Geschichten konnte Andrea Reichart von Iserlohnern vortragen, die am Samstag nicht kommen konnten. So hatte ihr eine heute 85-Jährige berichtet, dass sie als junges Mädchen mit ihren Freundinnen im Winter das Skifahren am so genannten Pillings-Stück kaum erwarten konnte: Denn zum einen war es die einzige Chance, mit Jungs in Kontakt zu treten, auf der anderen Seite sind die Kinder oft von den beiden „Fräulein Graumann“ zu Kakao und Keksen in deren Wohnung eingeladen worden. Eine andere Dame wusste zu berichten, dass sie nach einem gemeinsamen Frankreich-Urlaub mit den Schwiegereltern bei Graumann eingekehrt war. Zu der Zeit gab es in Frankreich nur Steh-Toiletten, was die Schwiegermutter ganz gruselig gefunden hatte. Im Waldhaus wurde der Sanitärtrakt damals gerade erneuert. So schickte sie die dreijährige Enkelin mit den geflüsterten Worten „sieh mal nach, ob das Klo sauber ist“ los. Die Kleine kehrte zurück und krähte lautstark durch den Gastraum: „Oma, du kannst aufs Klo - es ist sauber.“

Dank der amüsanten Anekdoten konnte wahrlich keine Trauerstimmung aufkommen. Zumal Autor Ewald Arenz - er sollte eigentlich nur abends eine Lesung halten - sich spontan bereit erklärt hatte, den Nachmittag mit Familien-Kurzgeschichten aus seinem Buch „Meine kleine Welt“ zu bereichern. Als er sich und seine Arbeiten vorgestellt hatte, schloss sich der thematische Kreis: Der fränkische Schriftsteller hat in seinem Roman „Der Duft von Schokolade“ den Brand des Wiener Ringtheaters thematisiert.

Jennifer Katz

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