Gesamtkunstwerk Wichelhovenhaus

Götz Bettge erläuterte die architektonische Besonderheit des Wichelhovenhauses.
Götz Bettge erläuterte die architektonische Besonderheit des Wichelhovenhauses.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Der frühere Stadtarchivar Götz Bettge erläuterte am Weltgästeführertag die architektonischen Unterschiede zweier das Stadtbild prägenden Gebäude am Eingang zur Innenstadt: Die Alte Post und das Wichelhovenhaus standen im Fokus.

Iserlohn..  „Das Gesamtkunstwerk Wichelhovenhaus wirkt wie eine Skulptur“, erklärt Götz Bettge und verweist auf den kubenmäßigen Aufbau des Gebäudes mit den Fenstern von Jan Thorn-Prikkler, dem führenden Glasmaler in Deutschland mit niederländischen Wurzeln, im rückwärtigen Teil.

Weiter zählt er das kunstvolle Mosaik und den Schalenbrunnen mit der Frauenskulptur von Robert Cauer in Carrara-Marmor im Foyer auf, der 40 Jahre älter als das Wichelhovenhaus ist und noch aus der Kissing-Villa stammte, die dem Bau des Verlagsgebäudes weichen musste. Er erinnert auch an die Majolika-Tür des rückwärtigen Druckereigebäudes. Wo die smaragdgrüne Kacheleinfassung mit der expressionistischen Struktur nach dem Abriss der Druckerei geblieben ist, sei ihm unbekannt.

Der frühere Leiter des Stadtarchivs widmete sich anlässlich des Weltgästeführertages am vergangenen Samstag auf einer seiner beiden Führungen zum Thema „Steine“ der Iserlohner Architektur und Baukultur im Vergleich des Wichelhovenhauses und der Alten Post.

Neurenaissance und Aufbruchsstimmung

„Ich bin immer wieder über das Konfrontierende beider Gebäude gestolpert“, erläuterte der Stadtarchivar im Ruhestand den Interessierten die Baukörper der Gebäude, den Fassadenaufbau und die verwendeten Baumaterialien. Auf der einen Seite die Neurenaissance aus dem Historismus als Staatsarchitektur, und auf der anderen Seite das neue Bauen, das die Aufbruchstimmung der Architekten in den 20er Jahren verdeutliche. Als bauleitender Architekt begleitete Otto Leppin 1882 den Bau des Postgebäudes (heute „Alte Post“) am Theodor-Heuss-Ring 5. Das Wichelhovenhaus plante das Kölner Architekturbüro Ullmann und Eisenhauer, nachdem der mit der Vorplanung beauftragte Iserlohner Architekt August Deucker verstorben war.

Bettge verwies auf Gemeinsamkeiten bei der repräsentativen Portalgestaltung mit dem Balkon, unten im Sockelgeschoss verwies er auf Quader und Traditionslinien, die Backstein und die Fenstereinfassungen.

Der Bauherr Walter Wichelhoven schrieb 1927 in einer Festausgabe des IKZ, „dass wir beim allmählichen Emporwachsen des Baus aus der Erde mehr und mehr Freunde gewannen, die das gänzlich Neue im Gepräge unseres Hauses anerkannten und die Schönheit dieser neuzeitlichen Architektur und ihrer schlichten aber eindringlichen ruhigen Linie bejahten.“ Er machte damals deutlich: „Die Architektur unseres Hauses weicht gänzlich von den bisher gebräuchlich gewesenen Formen ab.“ Und konkretisierte: „Ohne jeden Zierrat, ohne Ecken und Türmchen, ohne Vorsprünge und Nischen und ohne ein nutzloses Giebeldach steht die Front des Wichelhovenhauses in glatter schlichter Flächenwirkung da. Ernst und würdig, stark und ragend ist der Eindruck.“

Künstlerisch wirkungsvolle Innenausstattung

Der renommierte Wirtschaftshistoriker Fritz Müller beschrieb das Wichelhovenhaus im Jahr 1929 bereits: „Es erhebt sich in breiter, massiver Gliederung gegenüber der Post und wirkt in seiner Linienführung so kraftvoll und dennoch so einfach und vornehm, dass es auch in der Großstadt Bewunderung erregen würde, selbst wenn der Bauherr es versäumte, die ebenso wie der Außenbau künstlerisch wirkungsvolle und fein durchdachte. Innenausstattung zu sehen. Mit einem Wort, das Wichelhovenhaus ist der monumentale Bau Iserlohns.“