Geheimnisvoller Prachtbau unter der Erde

Mit Taschenlampen und Gummistiefeln ging es in die Katakomben. Die Führungen in das unterirdische Reich sind immer schnell ausgebucht.
Mit Taschenlampen und Gummistiefeln ging es in die Katakomben. Die Führungen in das unterirdische Reich sind immer schnell ausgebucht.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Die Katakomben an der Baarstraße wurden am Ende des Krieges auch als Schutz vor Bomben genutzt.

Iserlohn..  In der kommenden Woche jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Iserlohn zum 70. Mal. Am 16. April 1945 wurde die Stadt an die Alliierten übergeben. Kurz zuvor, am Abend des 13. April, begann die letzte Bombardierung durch amerikanische Truppen, die fast drei Tage andauerte. Bekannt ist der Luftschutzstollen in der Altstadt unterhalb der Obersten Stadtkirche, in dem rund 2000 Schutzsuchende Zuflucht fanden. Weniger bekannt dürfte vielen Iserlohnern das Gewölbe unter der oberen Baarstraße im Bereich Weingarten sein, in dem ebenfalls viele Menschen Schutz fanden. Die Iserlohner Stadtführerin Marlis Gorki gewährt immer wieder Einblicke in dieses eine von vielen Iserlohner Geheimnissen, wie sie sagt. Und ihre Führungen sind immer rasend schnell ausgebucht.

Treffpunkt ist an der Kochsburg, wo ein kleiner Weg hinter den Gärten der Villen an der Baarstraße einen Einstieg in das verborgene Gewölbe bietet. Die Wehrmacht hatte Teile der Anlage als Reparaturwerkstatt genutzt. Die benachbarte Firma Meneringhausen hatte gegen Kriegende in Erwartung von Bombenangriffen dafür gesorgt, das in dem Gewölbe Feldbetten aufgestellt wurden, damit die Zufluchtsuchenden hier längere Zeit und ganze Nächte ausharren können. Drei Nächte waren die Iserlohner dort vom 13. bis 16 April 1945 sicher.

Feucht, glitschig und modrigwie in einer Tropfsteinhöhle

Wobei es bei einem Besuch der unterirdischen Räume schwerfällt, sich vorzustellen, dass hier irgendjemand Schlaf gefunden hat. Schon ohne Bombenangriff ist diese Welt alles andere als einladend. Feucht und modrig mit glitschigem Untergrund hat das Gewölbe heute fast den Anschein einer Jahrtausende alten Naturhöhle. Viele Wände sind weiß vom kalkhaltigen Wasser, das von oben eindringt. Stricknadeldünne Stalaktiten wachsen bereits von den Decken, hier und da kann man sogar auf dem Boden schon kleine Stalagmiten sehen.

„Man muss immer wieder Hochachtung vor den Planern und den Erbauern dieses Gewölbes haben“, richtet Marlis Gorki bei ihrer Führung den Fokus aber auf die Entstehung dieses Gewölbes, und entführt damit in eine ganz andere Zeit, in die Blüte der Stadt Iserlohn, die im Zuge der frühen Industrialisierung zu einer wichtigen Wirtschafts- und Handelsmetropole Westfalens heranwuchs und diese Bedeutung auch bis zum Ersten Weltkrieg behielt. Das Gewölbe unter der Baarstraße ist ein sichtbares Zeichen dieser Blütezeit. Denn in der Tat erscheint die weitläufige, bis zu acht Metern unter der Erde liegende und mit seinen teilweise sechs Meter hohen Bögen ausgesprochen geräumige Anlage beinahe wie ein unterirdischer Prachtbau aus Ziegeln.

Der Ursprung des Gewölbes liegt in dem Missstand, dass Iserlohn damals entgegen seiner sonstigen Pracht mit vielen großen Villen keine repräsentative Straße in Richtung Norden nach Unna hatte. Vom Unnaer Platz und dem dortigen Unnaer Tor aus war die enge und bergige Gartenstraße die Hauptverkehrsader in diese Richtung, was der Stadt so nicht gerecht wurde. Daher wurde der Plan gefasst, die Baarstraße auszubauen, was allerdings höchst problematisch war, weil der Baarbach trotz seines nicht gerade großen Wasserlaufes im oberen Bereich rund um den Weingarten von einem steilen und tiefen Tal eingefasst war.

Überwölbung des Baarbachs für eine prachtvolle Allee

Der Baarbach musste also, um den Plan umzusetzen, überwölbt werden, so dass in dem ganzen Bereich zwischen Kochsburg und der Innenstadt eine ebenerdige und große Fläche für eine prachtvolle Alleenstraße mit Villen entstehen konnte. Ein Groß-Projekt, dessen Umsetzung sich der damalige Kommerzienrat Theodor Fleitmann (1828-1904) zu eigen machte. Ihm gehörte das komplette Gelände von der Stadt bis zum Nußberg, seine Villa stand dort, wo heute das Umspannwerk an der Baarstraße steht, seine Nickel- und Kobaltfabrik hatte er zusammen mit Heinrich Witte dort gegründet, wo heute der Hellweg-Baumarkt steht. Fleitmanns-Wäldchen und Fleitmanns-Wiesen sind heute Begriffe auf dem Fußweg zum Nußberg, und weil er 1871 die Rohlinge für die ersten deutschen Nickelmünzen des Deutschen Reiches fertigte, erlangte er auch reichsweit Berühmtheit: Das Nickelkleingeld wurde als „Fleitmännchen“ ein Begriff.

Vor allem, so Marlis Gorki, muss er wohl nicht nur ein wohltätiges Herz gehabt haben, weswegen er den Ausbau der Baarstraße für die damals schon klamme Stadt übernahm, sondern auch von großem und geradezu dickköpfigem Durchsetzungsvermögen gewesen sein. Denn nachdem er den Architekten Otto Leppin, der von 1882 bis 1916 in Iserlohn tätig war und der unter anderem die heutige Alte Post am Theodor-Heuss-Ring gebaut hat, mit der Überwölbung des Baarbaches beauftragt hatte, wurde der erste Bauabschnitt auch 1888 fertig gestellt – um im Jahr 1890 wieder einzustürzen.

Theodor Fleitmann hatdie Katakomben erbaut

Das hielt Fleitmann aber nicht davon ab, den ehrgeizigen Bau auch gegen größeren Widerstand weiterzuführen. 1893 wurden die weiteren beiden Abschnitte in Angriff genommen, 1899 war das Gewölbe fertig und die Baarstraße wurde ausgebaut. Ab 1908 wurden dann die Stadtvillen, die heute noch an der Baarstraße stehen errichtet.

Warum ein so aufwendiges Bauwerk unter der Erde errichtet wurde, nur um den kleinen Baarbach unter die Erde zu legen und Platz für eine Allee zu schaffen – das Baarbachtal aufzuschütten hätte es ja vielleicht auch getan – bleibt ein wenig geheimnisvoll. Fest steht, dass es in neuerer Zeit immer wieder Ideen gab, die Räume zu nutzen. Vor sich hin gammelnde Autowracks etwa zeugen davon. Es soll auch Mal eine Champignon-Zucht dort unten gegeben gaben. Für spielende Kinder, die den ganzen Baarbach entlang bis zur Bauernkirche laufen konnten, war das unterirdische Reich lange Jahre ein Eldorado. Und zuletzt, nach der Offenlegung des Baarbachs an der Bleichstraße, haben die Höhle auch Geocoacher für sich entdeckt. Erinnert werden soll in diesen Tagen aber besonders an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren, als hier viele Iserlohner drei angstvolle Nächte durchgestanden haben.