Ganz große Kunst und die Werbung der Zukunft

Playmobil-Männchen wie aus dem Katalog: Dennis Waltermann (li.) - hier mit Yves Thomé – hat sich auf Graffoto spezialisiert..
Playmobil-Männchen wie aus dem Katalog: Dennis Waltermann (li.) - hier mit Yves Thomé – hat sich auf Graffoto spezialisiert..
Foto: Josef Wronski/IKZ
Was wir bereits wissen
Der Iserlohner Sprayer Dennis Waltermann hat Eingang in das Künstler-Kollektiv Narrenhände gefunden.

Iserlohn..  „Worin dabei der Kick liegen soll, habe ich nie so recht verstanden“, sagt Dennis Waltermann. Natürlich habe er auch als junger Bengel mal an irgendeinem Brückenpfeiler gestanden. Aber bei Nacht und Nebel, mit Angst im Nacken und unter extremem Zeitdruck: „Da kann sich doch kein Mensch künstlerisch entfalten.“

Graffiti als Kunstform – der 32-jährige Iserlohner, der in Hemer aufgewachsen ist, scheint darin seine Bestimmung gefunden zu haben. Schon als junger Schüler war er fasziniert, als ein Mitschüler und Mitglied der Sprayer-Szene neben ihm seine Styles, also diese typischen Graffiti-Schriftzüge, ins Heft gekritzelt hat. Schon damals hat er sich mit der Sprühdose versucht, in abgelegenen Bunkern oder auf dem Dachboden bei Kumpels. Und natürlich auch auf dem Papier, wo er seine Kunstwerke entworfen hat, um sie dann mit der Sprühdose zu vollenden. Denn Graffiti, war für ihn eben immer schon Kunst: Auf eigene Faust hat er seine Technik verfeinert, hat seine eigene Handschrift entwickelt und sich letztlich auf „Graffoto“ spezialisiert, auf die bis ins Detail fotorealistische Kunst auf der Hauswand.

Förderer auf dem Weg zumfreischaffenden Künstler

Bundeswehr, Ausbildung und andere Umstände hatten zu einer längeren Schaffens- und Entwicklungspause gesorgt, bis er 2008 den Lüdenscheider Graffiti-Künstler Yves Thomé kennen gelernt hat. Durch eine gemeinschaftliche, großflächige Auftragsarbeit an einer Apotheke in Oer-Erkenschwick mit dem Iserlohner Künstler André Jost hatte er gerade wieder Lunte gerochen, und in Yves Thomé als Kopf des von Lüdenscheid aus organisierten, bundesweit aktiven Künstler-Kollektivs „Narrenhände“ genau den richtigen Förderer und Antreiber gefunden. „Ich war von seinem Potenzial sofort begeistert“, sagt Thomé. Er war auch die Initialzündung für Dennis Waltermann, seinen lang gehegten Plan, Tattoos zu stechen, endlich umzusetzen – natürlich auch das mit einem mobilen Atelier, um echte Kunst auf die nackte Haut zu zaubern.

Yves Thomé hat sich natürlich von seinem Freund tätowieren lassen. Vor allem war und ist er aber von dessen Graffiti-Stil, dem Graffoto überzeugt – auch weil dieser extrem gut in seine Künstlergruppe passt. Thomé hat das Kollektiv schließlich ins Leben gerufen, um Künstler zu versammeln, die sich gegenseitig befruchten und ergänzen. Letztlich geht es auch darum, Ansprechpartner für mögliche Auftraggeber zu sein und eine möglichst große Stil-Palette anbieten zu können.

Von der Kinderzimmerwand bis zur großflächigen Fassaden-Gestaltung kann man die Sprüher buchen. Dennis Waltermann beispielsweise hat die ständige Weiterentwicklung der Unterführung am Busbahnhof in Hemer übernommen, zusammen mit Yves Thomé hat er zuletzt den Skater-Park im Sauerland-Park besprüht, und mit seinen Playmobil-Männchen an der Baarstraße 37 hat er für einen 200-prozentigen Kundenanstieg des dortigen Sammlertreffs gesorgt. Komprimierte Informationen, plakative Bildsprache: „Das ist die Werbung der Zukunft.“

„Das Interesse wächst ungemein“, bestätigt auch Yves Thomé. Ob Workshops, Kunstgalerien oder Aufträge von Privatleuten oder Firmen – dass Graffiti kein Vandalismus, sondern eine Kunstform ist, setzt sich immer mehr durch. „Taki 183“ lautete der wohl erste Graffiti-Schriftzug, der 1971 in New York auftauchte. Der Trieb, sich mit solchen Schriftzeichen an Wänden zu verewigen, sei aber so alt wie die Menschheit und erinnere doch sehr an Höhlenmalerei, sagt Thomé. Nicht von ungefähr bedeute das italienische Wort Graffito in der wortwörtlichen Übersetzung nicht mehr als eine in Stein geritzte Inschrift. Heute sei nun abzusehen, dass die Sprühdose schon bald neben Pinsel, Zeichenstift oder Air-Brush Eingang in den ganz normalen Werkzeugkasten des Künstlers findet.

Graffiti als Fachan der Kunsthochschule?

Ob man das allerdings wirklich an einer Kunsthochschule unterrichten sollte, ist für die beiden Künstler aus Iserlohn und Lüdenscheid fraglich. Schließlich trage Graffiti noch den Geruch der Straße in sich und stamme aus der Hip-Hop-Kultur. Gerade der 41- jährige Yves Thomé, der schon 1983 die erste Sprühdose zur Hand genommen und als Sprayer der ersten deutschen Generation in Vor-Internet-Zeiten und ohne bestehende Szene einfach losgelegt hat, begrüßt zwar die wachsende Akzeptanz, zweifelt aber eine mögliche Verschulung an. „Ich habe anfangs dafür im Gefängnis gesessen und habe mehrere Zehntausend Mark an Strafen gezahlt“, sagt er, und natürlich sagt er auch, dass seine Kunst irgendwo an Seele verlieren würde, wenn man sie an der Hochschule unterrichten würde. In Zeiten, in denen aber sogar der Rockstar zum schnöden Lehrberuf verkommen ist, wird das aber wahrscheinlich kein Hindernis sein.

Aber wie auch immer: Dennis Waltermann führt seine großen Vorbilder von der Maclaim-Graffiti-Crew mit Wurzeln in Erfurt und Weimar, die weltweit auf Auftrag sprühen, ins Feld. Kein Zweifel: „Das ist ganz große Kunst.“ Und mit seinem Eintritt in das Künstler-Kollektiv von Yves Thomé ist er auf dem besten Wege, in dieser Kunstwelt weiter mitzusprühen.