Fastenzeit im Glutofen

Auszeit von der Auszeit: Muslime, die körperlich hart arbeiten, müssen, was das Einhalten der Fastenzeit anbelangt, oft Zugeständnisse machen – oder, wie bei der Firma Thiele, auf einen toleranten Arbeitgeber hoffen.
Auszeit von der Auszeit: Muslime, die körperlich hart arbeiten, müssen, was das Einhalten der Fastenzeit anbelangt, oft Zugeständnisse machen – oder, wie bei der Firma Thiele, auf einen toleranten Arbeitgeber hoffen.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Tausende Muslime in Iserlohn fasten aktuell wegen des Ramadans. Wie dastrotz körperlich fordernder Arbeit funktioniert, erklären einige von ihnen hier

Iserlohn..  Vor wenigen Tagen wurde im bayrischen Kitzingen mit 40,3 Grad ein neuer Hitzerekord aufgestellt. Auch in Iserlohn kullern seit Wochen die Schweißperlen hektoliterweise – und das besonders dort, wo körperlich hart gearbeitet wird. Ärzte mahnen dann gerne mal an, doch bitte das Trinken nicht zu vergessen. Schwierig ist die Sommerzeit darum vor allem für jene, die aus religiösen Gründen auf Wasser und Co. verzichten müssen. Gemeint sind Millionen Muslime in Deutschland und Tausende in Iserlohn, die wegen des Ramadans von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichten.

Die Heimatzeitung fragt darum bei zwei Unternehmen mit einen großen Anteil Muslimen unter den Angestellten nach, wie das funktioniert. Die Antwort fällt einhellig aus: mit Flexibilität auf beiden Seiten, also sowohl von Arbeitgeber und Angestellten.

Beim Metallkettenhersteller Thiele etwa arbeiten viele Muslime während des Ramadans in der Nachtschicht, während der gegessen und getrunken werden darf – „das bietet sich natürlich an“, sagt Fayik Tan, Fertigungsleiter bei Thiele und selbst Muslim.

„Sind in diesem Jahr nicht ganz glücklich“

Wer tagsüber arbeitet, muss abwägen. „Meine Frau und meine Kinder fasten, ich selbst nicht“, sagt Mehmet Okumak, ebenfalls Fertigungsleiter in einem anderen Bereich. „Ich muss als Führungskraft konzentriert sein. Und Ausnahmen sind im Koran in solchen Fällen ja vorgesehen.“ So könne man etwa einen sozialen Beitrag leisten, beispielsweise für Arme spenden.

Weitere Möglichkeiten: Wer bei Thiele etwa an der Hydraulikpresse oder ähnlich fordernden Geräten arbeitet, geht öfter in eine mit dem Chef vorab zu verabredende Pause oder beginnt später mit der Arbeit, hängt dann dafür aber eine oder zwei Stunden hinten dran. Rechnerisch gesehen hat ein Arbeiter im Bereich der Schmiede während einer Schicht bis zu acht Tonnen zu heben.

Thiele-Geschäftsführer Günther Philipp sagt: „Ganz ehrlich: In diesem Jahr sind wir nicht ganz glücklich, das Fasten ist kein Problem, das fehlende Trinken bei der Hitze aber schon.“ Rund zehn Prozent der 500 Angestellten sind Muslime. „In diesem Jahr ist das schon eine besondere Herausforderung, weil der Ramadan in einen sehr heißen Sommer fällt.“

Der Umgang mit dem Thema sei aber nicht neu, die Sensibilität dafür über Jahre gewachsen. Thiele-Prokuristin Delia Imhoff betont: „Das Ganze funktioniert nur, weil die 90 Prozent Nichtmuslime im Betrieb Verständnis haben, etwa wenn es um die Schichtverteilung geht, für die es ja nachts auch Zuschläge gibt.“

Die Chance, in der Nacht zu arbeiten, bietet sich Muslimen beim Sümmeraner Verpackungs- und Montagedienstleister ESTB nicht. Gearbeitet wird lediglich vom Morgen bis zum späten Nachmittag. Gut 40 Prozent der 100 Angestellten sind Muslime.

Ferit Cakar, kaufmännischer Angestellter bei ESTB, entscheidet abhängig von seiner „Tagesform“, ob er fastet. „Wenn, dann merke ich gegen 13 oder 14 Uhr, dass meine Konzentration nachlässt“, sagt er.

Im Büro kann aber genau das zum Problem werden. „Die Angestellten dürfen darum so oft Pause machen, wie nötig, müssen sich dann aber ausstempeln, die Zeit nachholen“, erklärt Kira Podlesch, Vertriebsleiterin des Unternehmens. Genutzt wird dies bei ESTB auch für das Beten.

„Es funktioniert nur, wenn alle Rücksicht nehmen“

Die kaufmännische Auszubildende Melek Elci-Kibar hat wegen der aufkommenden Hitzewelle das Fasten nach gut einer Woche abgebrochen. „Es dauert auch immer zwei bis drei Tage, bis der Körper sich an das Fasten gewöhnt“, sagt Ferit Cakar. „Das ist eigentlich die schwierigste Zeit.“

In Ausnahmefällen, wie etwa beim Bruder von Semra Cevik, der am ESTB-Standort Oestrich in der Metallverarbeitung tätig ist, kann auch der Arbeitsbeginn zeitweilig vorverlegt werden, wenn auch nur minimal, von 6 auf 4 Uhr. Cevik: „Der Betriebsleiter vor Ort ist da sehr kulant.“

Ein Vorteil beim Umgang mit Muslimen und dem Thema Ramadan im Arbeitsleben sei auch das noch junge Alter des Unternehmens, das erst seit 2006 am Standort ist. „Das ist seit Beginn Teil der Betriebskultur“, sagt Kira Podlesch. So gebe es bei Betriebsfeiern seit Beginn Würstchen vom Rind, Beilagen werden beim türkisch-islamischen Verein eingekauft.

Ähnlich wie bei Thiele sagt man auch bei ESTB: „Es funktioniert nur, wenn beide Seiten Rücksicht nehmen“, so Ferit Cakar.