Extraklasse zwischen Barbarei und Hochkultur

Julia Fischer riss mit ihrem Quartett das Publikum im Parktheater zu Begeisterungsstürmen hin.
Julia Fischer riss mit ihrem Quartett das Publikum im Parktheater zu Begeisterungsstürmen hin.
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Das „Julia Fischer Quartett“ gibt im Parktheater ein Konzert auf allerhöchstem Niveau mit großer Aussagekraft.

Iserlohn..  Es gibt ja diese bemerkenswerte Anekdote von Marcel Reich-Ranicki, wie ihm in Peking zufällig Yehudi Menuhin über den Weg läuft. Auf die Frage, was man hier tue, antwortet der eine „Ich halte Vorträge über Goethe und Thomas Mann“ und der andere „Ich spiele Beethoven und Brahms mit dem hiesigen Orchester“. Nach einer kurzen Pause stellen dann beide fest: „Nun ja, wir sind eben Juden. Dass wir von Land zu Land reisen, um deutsche Kultur zu verbreiten – das ist gut und richtig so.“

Den Opfern des Krieges und des Faschismus gewidmet

Nach dem Besuch des Konzertes des „Julia Fischer Konzertes“ am Montagabend fühlt man sich irgendwie an diese Geschichte erinnert. Denn während die vergangenen Tage doch sehr unter dem Eindruck der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz standen, durfte das Publikum im Parktheater eine Demonstration der deutschen Kultur erleben, die wohl ihresgleichen sucht, die sich zwei Stunden lang auf allerhöchstem Niveau bewegte und die gerade diesen Widerspruch zwischen niedrigster Barbarei und höchsten musikalischen Gipfeln in sich trug. Beethoven und Schumann hatte das Quartett in ihrem Programm vereint – als Rahmen für das c-Moll-Quartett von Schostakowitsch, das der Komponist 1960 in Dresden unter dem Eindruck der zerstörten Stadt geschrieben und den Opfern des Krieges und des Faschismus gewidmet hat. Das Programm stellte im Grunde eine ähnliche Konfrontation dar, wie sie auch aus der Ranicki-Menuhin-Anekdote spricht.

Das Programm war aber auch musikalisch wunderbar durchkomponiert und zeigte einen mitreißenden Spannungsbogen, der am Ende niemanden im Haus mehr auf den Sitzen hielt. Angefangen bei dem jungen Beethoven, der gleich mit seinem ersten Streichquartett in c-Moll seine einmalige Meisterschaft beweist. Noch sehr in der Tradition der Wiener Klassik verhaftet hat er sein Erstlingswerk weitgehend für Solo-Geige mit Trio-Begleitung angelegt, was bei einer Weltklasse-Geigerin wie Julia Fischer natürlich ein ganz besonderer Hochgenuss war. Schon hier verlieh sie dem Ensemble eine einmalige Brillanz und strahlte mit ihrer blendenden Virtuosität über alles hinweg.

Noch stärker trat ihr eigenes Können, aber auch das großartige Zusammenspiel des ganzen Ensembles, beim abschließenden Schumann-Quartett hervor, das 40 Jahre nach dem Beethoven-Quartett in seiner kompositorischen und klanglichen Anlage schon sehr viel weiter ging und mit seinen virtuosen Herausforderungen sichtlich alles forderte, was dieses Ensemble zu bieten hat.

All-Star-Quartett erstmalsauf großer Welt-Tournee

Und das ist natürlich unfassbar viel. Vor vier Jahren hatte die heute 31-jährige Julia Fischer, die zu den führenden Geigerinnen weltweit zählt, mit Alexander Sitkovetsky (Geige), Nils Mönkemeyer (Bratsche) und Benjamin Nyffenegger (Cello) drei junge und ihr bestens vertraute Ausnahmemusiker um sich geschart. Als eine Art All-Star-Quartett folgten sofort begeistert aufgenommene Einzelkonzerte. Nun sind sie erstmals auf großer Welt-Tournee. Es ist schon ein traumhaftes Geschenk für das Iserlohner Publikum, dass ein solches Quartett hier im Parktheater auftritt und dann in einem voll besetzten Haus auch eine derartige Begeisterung auslöst.

Julia Fischer hat in diesem außergewöhnlichen Ensemble natürlich den klangvollsten Namen, ist Aushängeschild und verleiht dem Quartett als hochvirtuose erste Geige auch das besondere klangliche Etwas. Als eigentlicher Motor des Quartetts erschien am Montag aber der Bratschist Nils Mönkemeyer, der in seiner ganzen Körpersprache als dirigierender Anführer auftrat und die Strukturen der Musik zusammenhielt. Unentwegt suchte er den Blickkontakt zu seinen Mitstreitern wendete sich pausenlos links und rechts der zweiten Geige und dem Cello zu, bestimmte den Ausdruck der Musik und verbreitet mit seinem schelmischen Lachen einen Witz, wie man ihn bei Beethoven und Schumann kaum vermutet hätte.

Hörbares Hauen und Stechen bis zur Regungslosigkeit

Bei Schostakowitsch tat er das natürlich nicht. Nicht nur im chronologischen Ablauf des Programms, sondern auch von der Aussagekraft her nahm dieses Werk, das eine enorme erzählerische Tiefe entwickelt, die zentrale Stellung des Abends ein. Nach einem schwer atmenden Beginn entwickelt sich da ein düsteres, musikalischen Hauen und Stechen mit brachialen Schlägen, beängstigendem Flirren und Klang gewordenem Entsetzen bis es schließlich einfach in Regungslosigkeit verebbt.

Trotz der emotional doch eher erschütternden Wirkung dieses Werkes wollte das Publikum das Quartett angesichts seiner Klasse schon vor der Pause kaum von der Bühne lassen. Am Ende, nach dem Schlusssatz des Schumann-Quartetts, den die vier Musiker mit echter Rausschmeißer-Qualität und unvergleichlichem Schmiss abgefeuert hatten, brach sich die Begeisterung dann richtig Bahn, mündete in stehenden Ovationen und Jubel und wurde noch mit einem Mendelssohn-Scherzo belohnt.