Erster Boys’ Day: Noch klein aber vielversprechend
14.04.2011 | 16:56 Uhr 2011-04-14T16:56:00+0200
Iserlohn.„Die halten einen ganz schön auf Trab“, staunte Thyis Tap Donnerstag Morgen, als er sich auf dem Spielplatz der AWo-Kindertagesstätte an der Wiemer von einem ganzen Rudel kleiner Kinder umringt sah, die mit ihm spielen und toben wollten. Thyis Tap ist 13 Jahre alt, besucht die Iserlohner Gesamtschule und gehört zu den Jungs, die sich gestern an dem ersten bundesweiten „Boys' Day“ – zu Deutsch Jungen-Zukunftstag – beteiligt haben.
So durchorganisiert wie der „Girls’ Day“, der gestern bereits zum elften Mal in Iserlohn angeboten wurde und der mit der Gleichstellungsstelle der Stadt wie immer eine zentrale Organisationsstelle hatte, die die Mädchen vermittelt, war die Erstauflage des „Boys’ Days“ noch nicht. So wie bei Thyis Tap, der gestern zusammen mit seinem Mitschüler Patrick Schmitt in den Erzieher-Alltag hineinschnupperte, ging der Anstoß zur Initiative von der Schule aus, in der schon in der sechsten Klasse Berufsorientierung thematisiert wird. Dennoch war die Teilnahme freiwillig und hing auch von der Eigeninitiative der Jungs ab, sich einen Platz zu suchen, an dem sie einen typischen Frauenberuf kennen lernen konnten. Eine Anlaufstelle war das Online-Verfahren unter www.boys-day.de, wo sich die Jungs über eine Aktionslandkarte passende Angebote heraussuchen konnten. Das Angebot hier war aber noch sehr begrenzt. Für den Märkischen Kreis waren es im Grunde neben einer Mendener Apotheke nur die AWO, die dm-Drogerien und die Hagener Stadtbäckerei Kamp, die einen Schnuppertag angeboten hatten. Dass das aber überhaupt so reibungslos funktionierte und sie gestern in allen 16 Filialen, darunter auch in Iserlohn, nicht nur Mädchen in der Backstube, sondern auch Jungs im Verkauf hatte, davon war Stefanie Kamp von der Hagener Stadtbäckerei angetan, wie sie auf Anfrage erklärte.
Ein anderer Weg führte über die Gleichstellungsstelle der Stadt, die zwar die Organisation dieses Tages nicht übernommen hat, auf Anfrage aber Stellen vermittelte. In jedem Fall war aber Eigeninitiative der Jungs gefragt, wie Lehrerin Margitta Will-Sand bestätigte, die am Märkischen Gymnasium bereits seit vier Jahren die Jungs beim „Girls’ Day“ mit einbezieht und gestern insgesamt 16 Jungs überwiegend aus der 6. Klasse dabei hatte. „Die typischen Mädchenberufe von der Pflege im Seniorenheim oder Krankenhäusern bis zur Erzieherin oder Friseurin sind sehr viel leichter zugänglich als die Jungsberufe in privaten Industriebetrieben“, erklärte die Iserlohner Gleichstellungsbeauftragte Helena Haack, dass die Jungen hier über Eigeninitiative und mit Unterstützung der Gleichstellungsstelle viel erreichen konnten.
Dennoch plant die Gleichstellungsstelle mit dem Iserlohner Arbeitskreis „Neue Wege für Jungs“ für das nächste Jahr und den dann stattfindenden zweiten „Boys’ Day“ eine eigene Aktion, die aber über die reine Berufsorientierung hinausgeht. Hintergrund für einen „Boys’ Day“ ist bekanntlich das Wegbrechen vieler typischer Männerberufe. Um auf dem Arbeitsmarkt auch zukünftig eine Chance zu haben, ist es notwendig, dass Männer verstärkt in Frauenberufe in Pflege, Medizin, Erziehung, in der Dienstleistung oder im Sozialwesen gehen. Allerdings steht die schlechte Bezahlung in diesen Berufen vom Medizin-Technischen Angestellten bis zum Altenpfleger dem althergebrachten männlichen Rollenverständnis entgegen, die Familie alleine zu ernähren. Und genau hier, bei der Hinterfragung dieses Rollenverständnisses, setzt Helena Haack an, wenn sie von einem eigenen, erweiterten Konzept für den nächsten „Boys’ Day“ spricht. „Es geht nicht nur um Berufe, sondern auch um soziale Kompetenzen und eine andere Lebensplanung für Jungs, die nicht nur auf eine berufliche Karriere abzielt, sondern auch eine eigene Familie mit einbezieht.“
Dass Männer in Frauenberufen indes nicht nur den Männern, sondern auch den Berufen gut tun können, wurde gestern schon nach wenigen Stunden an der Wiemer deutlich. „Hier ist heute deutlich mehr Action“, hatte etwa die Erzieherin Ayse Tanriverdi aus der Regenbogengruppe des Kindergartens beobachtet. Denn auch wenn Thyis Tap und Patrick Schmitt selbst noch große Kinder sind, es sind große Jungs - und die gibt es hier sonst nie. Bei den kleinen Jungs aus dem Kindergarten, die sonst „nur“ Erzieherinnen um sich haben , hat das die Lust aufs Toben deutlich erhöht. Die beiden Jungs von der Gesamtschule hatten nach ihrem Tag im Kindergarten noch im Berufskolleg an der Hansaallee Gelegenheit, mehr über den Beruf und die Ausbildung zum Erzieher zu erfahren. Und obwohl sie es mit den Kleinen viel anstrengender fanden als sie vorher gedacht hätten, steht ihr Urteil fest. „Wir könnten uns auf jeden Fall vorstellen, später mal mit Kindern zu arbeiten.“
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