Erste Bekanntschaft mit Schokolade gemacht

Nach der Kapitulation kehrte wieder Frieden in Iserlohn ein. Das Bild zeigt Spielende Kinder im Jahr 1945 an der Galmeistraße, wo auch der damals fünfjährige Wilfried Diener wohnte.
Nach der Kapitulation kehrte wieder Frieden in Iserlohn ein. Das Bild zeigt Spielende Kinder im Jahr 1945 an der Galmeistraße, wo auch der damals fünfjährige Wilfried Diener wohnte.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Militärfahrzeuge auf dem Schillerplatz und ein dunkelhäutiger Amerikaner: HeimatdichterWilfried Diener erinnert sich an die Kapitulation in der Waldstadt, so wie er sie als Fünfjähriger erlebt hat.

Iserlohn..  Das Kriegsende in Iserlohn vor 70 Jahren hat sich auch tief in die Erinnerungen von Wilfried Diener eingegraben. Der heute 75-Jährige Heimatdichter, der damals mit seiner Familie an der Galmeistraße wohnte, hat seine Erinnerungen im Jahr 2005 in dem Buch „Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr.... Meine Kinderjahre in Iserlohn von 1943 bis 1948. Zeit- und stadtgeschichtliche Erinnerungen“ festgehalten. Für unsere Serie zum Kriegsende in Iserlohn, hat er die entsprechende Passage leicht überarbeitet und der Heimatzeitung zur Verfügung gestellt:

„Es war ein sonniger, warmer Vormittag, der 16. April 1945, als gegenüber unserer Haustür auf dem Steinsockel vor dem grünlichen Lattenzaun, der den Hof zum Haus Galmeistraße Nr. 2 abriegelte, ein dunkelhäutiger Mann lag: ein Amerikaner in einer leichten Uniform, die Zigarette im Mundwinkel, die Knie angezogen, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Mit ein paar älteren Jungen und Mädchen stand ich auf der Straße und beäugte ihn abwartend. Dann winkte der ,Ami’ uns zu sich und reichte uns Kaugummistreifen. Wenige Stunden zuvor waren amerikanische Panzer durch die Galmeistraße gefahren. Am Ende der Galmeistraße soll sogar noch ein deutscher Soldat erschossen worden sein.

Gegenstände aus derNazizeit im Hofe vergraben

Für Iserlohn war der schreckliche Krieg vorüber. Die Stadt war kampflos übergeben worden. Als sich im Haus die Nachricht verbreitete, dass die Amerikaner einmarschierten, wurden noch schnell die verschiedensten Gegenstände, die mit der Nazizeit in Verbindung gebracht werden konnten, im Erdreich unseres Hofes vergraben. Wir ließen einen Dolch und ein Koppel mit einer Schnalle, die ein Hakenkreuz zeigte, auf diese Weise verschwinden. Derartige Gegenstände durften die ,Amis’ nicht finden.

Die enge Welt eines vermeintlich ,gesicherten’ Hauses, an die wir in den letzten Wochen aufgrund des Bombenalarms und des Artilleriebeschusses gefesselt waren, durften wir nun verlassen. Wir konnten wieder Freiheit atmen. Nach alarmgestörten und bombenerschütterten Nächten mit feuerrot gefärbtem Himmel im Nordwesten, wo die Zentren des Ruhrgebiets in Schutt und Asche versanken, war es wie ein Geschenk, in die warmen Strahlen der Frühlingssonne zu blinzeln. Unsere Straße war es – oder besser gesagt – unsere Straßen: Galmeistraße, Bergwerkstraße, Hövelstraße, Elisabethstraße, An der Isenburg, Schleddenhofer Weg und Am Tiefbau, die wir nun in der Folgezeit unbesorgt beim Spielen durchstreifen konnten.

Am Nachmittag des 16. April 1945 lief ich als Fünfjähriger an der Hand meiner Mutter über den Schillerplatz, genau der gepflasterten Abflussrinne folgend, die den Platz von der Luisenstraße – heute Theodor-Heuss-Ring – zur Laarstraße diagonal in eine geteerte und eine nicht befestigte Hälfte teilte. Zahlreiche Militärfahrzeuge waren auf dem Platz in Reihen aufgestellt. Soldaten in Uniform saßen und standen darauf, andere davor, alle, wie es schien, in abwartender Haltung. Meine Mutter wollte mir gerade noch einmal erklären, dass der Krieg nun zu Ende sei und dass man die deutschen Soldaten aus dem Raum Iserlohn hier sammeln und in Gefangenschaft transportieren werde, als einer dieser Soldaten auf einem Armeelastwagen winkte. Ich solle zu ihm kommen, deutete er an, und gleichzeitig war seiner Geste zu entnehmen, dass ich nur allein kommen dürfe, meine Mutter müsse stehen bleiben. ,Geh hin“, sagte meine Mutter, ,er will dir etwas geben. Aber steig nicht auf den Lastwagen.’

Etwas Flachesin Papier Gewickeltes

Mit gemischten Gefühlen lief ich hinüber und stand bald, ängstlich lächelnd, vor dem hochrädrigen Ungetüm. Der Soldat beugte sich herab, hielt mir etwas Flaches, in Papier Gewickeltes entgegen und sagte: ,Kleiner, nimm das, das ist für dich, lauf zu deiner Mutter.’ Ich umfasste das kleine Päckchen, drehte mich um und rannte, wohl ohne Danke zu sagen, an die Hand meiner Mutter zurück.

,Mach es auf’, sagte sie. Sie hatte wohl schon erkannt, was es war. Ich aber ahnte nur, was das für kleine braune Rechtecke waren, die da aneinander hingen und fragte: ,Was ist das?’ ,Probier mal’, antwortete meine Mutter, ,das ist Schokolade.’ Sie brach ein Stückchen ab und steckte es mir in den Mund. Auf diese Weise machte ich das erste Mal in meinem Leben bewusst Bekanntschaft mit Schokolade. Dass sie für Kinder köstlich und auch nahrhaft sei, wusste ich bisher nur aus den Erzählungen von Mutter und Großmutter.

Es war ein freundlicher Apriltag. In meiner Jackentasche umfasste ich die markstückgroße fluoreszierende Plakette, die man bei Verdunklung an der Kleidung getragen hatte, um entgegenkommende Personen rechtzeitig zu erkennen. Hin und wieder hielt ich sie gegen die Sonne, um danach ihre Leuchtkraft in der Tiefe der dunklen Tasche zu bewundern. Wir gingen den Schützenhof hinunter und durch den Mühlengang – die Straße gibt es heute nicht mehr – zu meinen Großeltern in der Oberen Mühle. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie sich auch über ein Stückchen Schokolade freuen würden.“