Engagierte aber überforderte Lehrer

Inklusions-Koordinatorin Nicole Lebeus (l.), Schulrätin Sabine Stahl, Stadtschulpflegschaftsvorsitzende Anja Breer und Peter Wiedemeier, Direktor des Gymnasiums Letmathe, informierten zum Thema Inklusion in Iserlohn.Foto:Cornelia Merkel
Inklusions-Koordinatorin Nicole Lebeus (l.), Schulrätin Sabine Stahl, Stadtschulpflegschaftsvorsitzende Anja Breer und Peter Wiedemeier, Direktor des Gymnasiums Letmathe, informierten zum Thema Inklusion in Iserlohn.Foto:Cornelia Merkel
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Was wir bereits wissen
Nicole Lebeus ist die erste Koordinatorin für „Inklusion und Schule“ bei der Stadt Iserlohn. So etwas gibt es bisher nicht in anderen Städten, das ist einzigartig in NRW, weiß die 43-jährige Sozialpädagogin und Mutter zweier Kinder.

Iserlohn..  „Ich sehe mich als Ansprechpartnerin für Eltern, Lehrer und interessierte Bürger zum Thema Inklusion in Schule.“ Die 43-jährige Nicole Lebeus stellte sich jetzt bei einer Veranstaltung der Stadtschulpflegschaft zum Thema Inklusion vor. Sie ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und lebt in Dortmund. Seit Januar arbeitet sie für die Stadt Iserlohn in der neuen Koordinierungsstelle.

„Ich unterstütze Eltern bei Unsicherheiten. Mein Ziel ist es, ein Netzwerk zu entwickeln mit Eltern und Lehrern, die die Inklusion voranbringen wollen, sagte die studierte Sozialpädagogin und bin systemische Familienberaterin. „Seit 1996 arbeite ich im pädagogischen Bereich und konnte unterschiedlichste Handlungsfelder kennenlernen. Vor dieser Stelle habe ich als Koordinatorin für Familien, Jugendliche und Kinder in einem Stadtteil mit besonderen Erneuerungsbedarf in Dortmund gearbeitet.“

Die neue Koordinatorin für Inklusion habe jetzt alle Iserlohner Schulen besucht und sich vorgestellt. „So etwas gibt es bisher nicht in anderen Städten“, das sei einzigartig in NRW, erklärte Lebeus. Auch wenn sie weder Geld noch Sonderpädagogen in der Tasche habe, stehe sie für Aufklärungsarbeit in Schulen und Kindergärten zur Verfügung. Dazu werde sie auch in Kürze einen Flyer entwickeln.

„Verschiedene Akteure sollen an einem Strang ziehen“

In Iserlohn gibt es 240 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die Regelschulen besuchen, berichtete Stadtschulpflegschaftsvorsitzende Anja Breer. 165 Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen besuchen die drei Förderschulen. Wie ist Inklusion bisher gelaufen? Wie klappt die Umsetzung? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Informationsveranstaltung.

Denn seit einem Jahr ist es Aufgabe aller Akteure, in den Schulen dafür Sorge zu tragen, dass jedes Kind am Unterricht teilnehmen kann. „Die Rahmenbedingungen sind noch nicht optimal, das ist Fakt. Darauf weisen auch die Lehrergewerkschaften hin“, erklärte Anja Breer. Das sei kein Problem einer bestimmten Schule, sondern auf Länder- und Bundesebene angesiedelt. Sie ermunterte die Eltern, Lehrer und Vertreter der Stadt sowie des Märkischen Kreises, sich dafür gemeinsam einzusetzen, dass die Bedingungen verbessert werden, den Anspruch der Kinder auf gemeinsames Lernen umzusetzen. Die Grundschulen seien bereits an gemeinsames Lernen gewöhnt. „Die verschiedenen Akteure der Schulen sollen an einem Strang ziehen“, formulierte auch der ehemalige Lehrer Klaus Stinn einen Appell.

Eine Mutter berichtete von überforderten Lehrern: „Sie haben es nicht gelernt, sich auf diese Kinder einzulassen. Sie haben oft auch gar nicht die Zeit, angesichts der Klassenstärken.“ Sie nannte als Beispiel eine Klasse mit 25 Kindern mit drei Förderkindern. Dazu komme noch der enorme Geräuschpegel.

Schulrätin Sabine Stahl vom Schulamt des Märkischen Kreises erläuterte, dass Inklusion nicht allein Aufgabe für Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Ausbildung sei, sondern ein Entwicklungsprozess für alle allgemeinen Schulen. Sie sollen die Expertise der Sonderpädagoginnen und -pädagogen mit einbeziehen, um zum Lernerfolg beizutragen.

Auf Antrag der Eltern entscheidet die Schulaufsichtsbehörde über den Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung und die Förderschwerpunkte. Sie ermutigte alle Beteiligten, gemeinsam mit Schule und Schulamt nach Lösungen zu suchen, wie sich der Bildungsweg des Kindes am besten umsetzen lässt.

Erweiterung der sozialen Kompetenzen

Es gebe einen Rechtsanspruch auf einen Platz für gemeinsames lernen, aber nicht auf eine bestimmte Schule, so die Schulrätin. Die erläuterte die Verfahrensschritte: Dazu gehören die fachliche und pädagogische Diagnostik der Fähigkeiten des Kindes, die Einholung eines ärztlichen Gutachtens, der bis zur Entscheidung für eine Schulform mit dem verbindlichen Vorschlag einer wohnortnah gelegenen Schule an der gemeinsames Lernen angeboten wird oder dem Wunsch der Eltern nach einer Förderschule. Außerdem gebe es eine regelmäßige Überprüfung der getroffenen Entscheidung, eventuell die Aufhebung oder Änderung des Förderschwerpunktes.

Peter Wiedemeier vom Gymnasium Letmathe zog eine positive Bilanz aus drei Jahren Inklusion und verwies auf das besondere Engagement der Lehrer, auch wenn etliche von ihnen dafür nicht ausgebildet seien. Für die 13 Kinder stehen der Schule 28 Stunden eines Sonderpädagogen im Kollegium zu. „Zum guten Gelingen gehört, wir wollen das. Es gehören aber die Rahmenbedingungen dazu. Die Ressourcen stimmen nicht.“ Im Gespräch mit den Eltern sei es wichtig: „Wir gehen den Weg. Aber die Rahmenbedingungen sind nicht okay.“

Die Elterverbände müssten politisch dafür kämpfen, dass die Rahmenbedingungen verbessert werden. „Eltern sind das Stärkste was wir haben!“ Anfangs habe es Diskussionen gegeben, mittlerweise sei man zum Ergebnis gekommen: „Inklusion und Gymnasium passt. Bei aller Herausforderungen der Kollegen gibt es viele bereichernde Aspekte, wie die Erweiterung sozialer Kompetenzen.“