Eine Rundfahrt zwischen Hundertjährigen

Hoch oben im Wald Iserlohns: Hinter Försterin Julia Borghoff
Hoch oben im Wald Iserlohns: Hinter Försterin Julia Borghoff
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Vor acht Jahren zerstörte der Orkan Kyrill einen großen Teil des Iserlohner Waldes. Eine Bestandsaufnahme

Iserlohn..  Von hoch oben, vom Brantrichkamm aus, einem der Berge im Iserlohner Wald, kann man das Ausmaß des Schlamassels noch immer deutlich erkennen. Der Blick geht hinüber zur Himmelsleiter, einer weiteren Erhebung, in weiten Teilen kahl, dahinter klammert sich die Waldstadt ins Grün umliegender Nadelbäume. Die Iserlohner Stadtförsterin Julia Borghoff deutet auf den zerfetzten Stumpf einer Buche, die in den Himmel ragt, daneben sticht die erdige Wurzel eines weiteren Havaristen empor.

Man muss nicht lange durch den Iserlohner Forst fahren, will man die Spuren jenes Schlamassels auf die Spur kommen, der den Namen Kyrill trägt. Im Januar 2007 fegte der Orkan stundenlang auch über das Sauerland, vernichtete dabei große Teile einer über Jahrhunderte gewachsenen Naturlandschaft. „Wir haben damals 300 Hektar des Waldbestandes verloren“, erinnert sich Julia Borghoff – rund 1250 Hektar beträgt die gesamte kommunale Fläche.

250 von 300 betroffenen Hektar an Fläche erneuert

Nun, gut acht Jahre später, sind etwa 250 Hektar des einstigen forstwirtschaftlichen „Ground Zero“ entweder neu bepflanzt oder von der Natur selbst wieder vereinnahmt worden. Ein Ergebnis, mit dem Julia Borghoff durchaus zufrieden ist.

Und dennoch: die Narben, die der Orkan hinterlassen hat, sind vielerorts noch immer deutlich, dies belegt auch das Ergebnis der großen Waldinventur in NRW vom Oktober vergangenen Jahres. So gibt es zwar wieder mehr Laubbäume, dennoch ist die Menge des jährlich produzierten Holzes noch lange nicht wieder auf dem alten Stand. Ein Trend, wie er auch in Iserlohn beobachtet werden kann.

Julia Borghoff steuert ihr Auto einen Waldweg nahe der alten Sprungschanze entlang. Der grüne Geländewagen ächzt im niedrigem Gang und hohem Drehzahlbereich unter Gewicht und ansteigendem Gefälle. „Vor Kyrill haben wir rund 8000 Festmeter (Kubikmeter) Holz jährlich verkaufen können, seither sind es nur noch rund 4500.“

Zum Verständnis: eine schlagreife Buche, 160 Jahre alt, hat zehn bis 15 Festmeter. Doch dieser Wert trügt: „Weil es seit Kyrill weniger alte, große Bäume gibt, müssen in der Masse mehr geschlagen werden“, sagt Julia Borghoff. Verändert hat der Orkan auch das Verhältnis von Laub- zu Nadelbäumen, das jetzt 60:40 statt zuvor etwa 45:55 beträgt. Hauptbaum ist seit 2007 die Buche.

Und das mit Folgen, fern jeglicher Freizeit- und Naherholungsromantik ist der städtische Wald nämlich nüchtern betrachtet vor allem eines: ein kommerzieller kommunaler Industrie-Betrieb. Für die Stadtförsterin und ihr Team zählen bei der Aufforstung nach Kyrill zwei Aspekte, neben dem ökologischen genauso der wirtschaftliche. 80 Prozent des geschlagenen Holzes werden zu Bauholz verarbeitet, rund 200 000 Euro werden so jährlich erwirtschaftet.

„Laubbäume erreichen bei uns allerdings wegen des sauren Bodens schlichtweg nicht die Qualität wie anderswo. Das ist noch eine Art industrieller Altlast“, erklärt Julia Borghoff. Zwischen 50 000 und 80 000 Pflanzen haben die städtischen Forstwirte nach Kyrill jährlich gesetzt – und das, obwohl das Zeitfenster zur Pflanzung im Frühjahr gerade einmal sechs bis zehn Wochen beträgt.

Unsanfter Generationenbruch mit negativen Auswirkungen

Nicht überall auf den von Kyrill verwüsteten 300 Hektar Fläche mussten Setzlinge eingebracht werden. Oben auf dem Brantrichkamm, nicht weit von dem zerfetzten Buchenstumpf und der hochstehenden Wurzel, reiht sich wieder Fichte an Fichte, einige davon bereits auf gut vier Meter angewachsen. Hier hatte der Orkan beinahe den gesamten Altbestand vernichtet.

Was für den Laien wie ein 1:1-Tausch alt gegen neu aussehen mag, ist tatsächlich eine Art unsanfter Generationenbruch gewesen: „Man kann es sich ein bisschen wie eine Mutter vorstellen, die ihre Kinder unter ihre Fittiche hat“, sagt Julia Borghoff. Gemeint ist, dass zuvor unter dem Schutz der jetzt fehlenden Altbäume die jungen langsamer heranwuchsen, dafür kräftiger, mit festeren Stämmen, hochwertigerem Holz, behütet, beschützt.

Betrachtet man heute die Spitzen der Fichten, so fallen die langen Abstände zwischen den Astgürteln an der Spitze auf. Die Bäume wachsen schneller, als es ihnen gut tut, die fehlende Obhut des Altbestandes schmälert das gesunde Wachstum, ebenso der hohe Stickstoffeintrag in der Luft.

Wie bei jedem System, jeder Maschine, jedem Kreislauf, jedem Lebewesen, täte da eine Pause mal gut. Doch nicht einmal die ist den oft über 100 Jahre alten Baumriesen im Forst vergönnt: Wegen des warmen Winters frieren die Bäume nicht durch, die sogenannte Saftruhe, das vorübergehende Abebben des inneren Kreislaufs, bleibt aus.

Gute Nachricht für Bäume ist eine schlechte für den Mensch

So ist, was die unmittelbaren Umwelteinflüsse anbelangt, die gute Nachricht für die Bäume eine schlechte für viele Menschen. Julia Borghoff: „Positiv wirken sich vor allem die starken Niederschläge aus, auch wenn uns das weniger gefällt. Die spülen den sauren Boden aus, das ist gut für den Stoffwechsel der Bäume, ganz ähnlich, als wenn ein Mensch viel Wasser trinkt.“