Ein Leben auf immer dünnerem Eis

Beim Gespräch in einem Straßencafé erzählt der Isländer Ragnar Axelsson über sein Leben und seine fotografischen Ambitionen.
Beim Gespräch in einem Straßencafé erzählt der Isländer Ragnar Axelsson über sein Leben und seine fotografischen Ambitionen.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Der Isländer Ragnar Axelsson dokumentiert mit der Kamera das harte Leben auf Grönland. In der Städtischen Galerie wird seine Ausstellung „Faces of the North“ noch bis zum 7. Juni gezeigt.

Iserlohn..  Nein, wie ein waschechter Nachfahre der Wikinger wirkt dieser Ragnar Axelsson nicht, den ich an einem sonnigen Mittag vor der Städtischen Galerie treffe. Hier wird seine Ausstellung „Faces of the North“ in Kooperation mit dem Deutschen Zeitungsmuseum Saarbrücken präsentiert. Gezeigt werden 60 großformatige Fotografien des Isländers Ragnar Axelsson aus der Arktis.

In der Ausstellung sind neben Landschaftsbildern vor allem Porträtaufnahmen von Jägern in Grönland und Kanada zu sehen, in deren Gesichtern sich eindrücklich die Härte des Lebens in der eisigen Kälte widerspiegelt. Die Fotografien erzählen die Geschichten der Menschen in den lebensfeindlichen Gebieten der Arktis, berichten von ihrem Alltag und geben einen Einblick in ihren Kampf mit der Natur. Es sind die fremden Lebenswelten der Inuit sowie der Fischer, Hirten und Jäger, die eine besondere Faszination ausüben. Die unbeschreibliche Kälte und das immerwährende Eis zeigen sich in den Bildern von ihrer grausamsten Seite und fesseln gleichzeitig den Blick des Betrachters durch ihre atemberaubende Schönheit.

Doch wie ist der am 6. März 1958 in der Nähe von Reykjavik geborene Meister der Dokumentarfotografie überhaupt mit der Fotografie in Berührung gekommen? Von seinem Vater, einem ambitionierten Amateurfotografen, bekam der junge Ragnar bereits im Alter von zehn Jahren dessen Leica geliehen, erzählt Axelsson in seiner offenen und charmanten Art. Sein Lächeln um die Mundwinkel lässt ahnen, dass er dabei auch weiß, dass die Biografien vieler berühmter Fotografen ähnlich begonnen hat. Auf jeden Fall, so schildert es Ragnar Axelsson ohne Übertreibung, war er fortan mit seiner Kamera auf Island unterwegs und dokumentierte dabei auch das Leben auf dieser Insel im hohen Norden, die Farmen dort und porträtierte deren Bewohner. „Von meinem 9. bis zum meinem 14. Lebensjahr verbrachte ich jeden Sommer auf einer Farm im Südosten Islands, von wo aus das Abschmelzen der Gletscher und Eisberge gut zu beobachten war“, erzählt er aus seiner Jugend.

Ragnar Axelsson dokumentierte die Veränderungen in der Natur mit seiner Kamera. Man kann noch heute merken, wie den jungen Mann der Foto-Virus befallen hat, das „dies will ich machen“ sein zukünftiges Leben bestimmte. Doch der Junge entwickelt nicht nur eine Leidenschaft für das Fotografieren. Im heimischen Badezimmer, so erzählt er freimütig, richtet er sich seine eigene Dunkelkammer ein, belichtet seine Filme lieber selbst, bevor er sie in fremde Hände gibt. „Die Entwicklung und Bearbeitung der Negative wurde zur richtigen Passion“, schildert er seine weitere Entwicklung zum professionellen Fotografen. „Als die digitale Fotografie aufkam, war das für mich hart zu sehen“, beschreibt er seine Gefühle, die ihn damals beschlichen haben. Aber natürlich nutzt Ragnar Axelsson heute auch diese Technik, die die Fotografie so sehr verändert hat.

Fotoredakteur der Zeitung „Morgunbladid“

Doch zurück zu den Anfängen, die außergewöhnlich genug sind. 1974, als 16-jähriger Schüler, überzeugte er den damaligen Fotoredakteur der isländischen Zeitung „Morgunbladid“, ihn während der Sommerferien als Fotograf einzusetzen. Vier Jahre später erhielt er nach Abschluss seiner Ausbildung im Atelier eines bekannten Fotokünstlers eine feste Anstellung bei der Zeitung. Seitdem zeichnet er seine Bilder mit dem Kürzel „Rax“, was seitdem sein Rufname ist. Der Zeitungs-Kollege lässt hier grüßen.

Neben der Fotografie entwickelt der junge Mann auch eine andere Leidenschaft. Auch hier spielt der Vater, der im Beruf Pilot war, eine entscheidende Rolle. Auch Ragnar Axelsson wird vom Flug-Virus infiziert. „Ich habe lange überlegt, ob ich lieber Pilot werden soll, oder mich doch der Fotografie widme“, schildert er seine damaligen Gefühle. Heute wissen wir, wie sich Ragnar Axelsson entschieden hat. Doch seinen Pilotenschein hat er gemacht. Er ist heute Mitglied in einem Club, der sieben Maschinen besitzt. Jedes Jahr erneuert „Rax“ seine Lizenz, denn er nutzt die Maschinen auch als Fotograf. Als typisches Beispiel nennt er hier die Bilder von Vulkanausbrüchen auf Island, die „Rax“ mit der Kamera dokumentiert hat.

Aber wie entwickelt man eigentlich eine solche Leidenschaft für die Arktis, will man angesichts der Bilder in der Ausstellung natürlich wissen? „Ich habe schon als Kind voller Faszination Bücher von Arktis-Forschern gelesen“, lautet seine einfache Erklärung. Beeinflusst habe ihn als Fotografen dann auch, dass an nahezu allen anderen Orten schon professionelle Fotografen waren, da blieb die Arktis sozusagen als „weißer Fleck“ auf der fotografischen Landkarte übrig. So unternahm Ragnar Axelsson 1987 seine ersten Reisen in die Arktis, um das Leben der jagenden Inuit im Nordwesten Grönlands aber auch der Farmer und Fischer der Färöer Inseln zu dokumentieren.

Zwei Jahre später erschien eine Fotostory mit Bildern aus Grönland im Life Magazine, wodurch seine Arbeit zum ersten Mal einem internationalen Publikum bekannt wurde. Seit Mitte der 1990er Jahre bereist „Rax“ Grönland regelmäßig. Getroffen habe er dort, das sagt er mit voller Überzeugung, „sehr nette Menschen“. Doch, und jetzt wechselt „Rax“ in einen immer ernsteren Tonfall, schon früh habe er erkannt, welchen enormen Einfluss der Klimawandel auf diese so empfindliche Region hat. „Die dort lebenden Inuit gehen auf immer dünnerem Eis“, schildert er seine doppeldeutigen Erlebnisse. Denn tatsächlich werde die Eisdecke immer dünner, damit werde aber auch die traditionelle Jagd für die Inuit immer gefährlicher. „Immer weniger der dort lebenden Menschen gehen noch der Jagd nach“, ist eine weitere Erkenntnis, die „Rax“ bei seinen begleitenden Exkursionen gemacht hat. Die jüngeren Inuit zögen ein angenehmes Leben vor dem Fernseher und in den geheizten Hütten, dem rauen Leben bei der oft tagelang andauernden Jagd vor. Hinzu kommt die immer schärfer werdende Kritik von außen, die den Sinn des traditionellen Jagens nach Robben, Walen und sogar Eisbären in Frage stellt. „Es ist hart für die Inuit, wenn sie für ihre Lebensform, ihr Jagen kritisiert werden.“

Im Urlaub will Ragnars Frau in den warmen Süden

Natürlich beobachtet Ragnar Axelsson auch mit Sorge das Schmelzen der Gletscher, was dazu führe, dass Grönland immer grüner werde. „Das unterscheidet sich grundlegend von früheren Klimawandeln“, ist Axelsson überzeugt. Verantwortlich dafür macht er die großen Industrienationen, aber auch China mit seiner explodierenden Wirtschaftsmacht, die aber keinerlei Rücksicht auf die Umwelt nehme. Ein Lob hat Ragnar Axelsson in diesem Zusammenhang aber für Deutschland parat, das mit seiner Energie- und Umweltpolitik internationale Maßstäbe setze.

Wie sieht dann Ragnar Axelsson die Zukunft von Grönland? „Die Inuit haben in ihrer langen Geschichte so viele Veränderungen durchlebt, die werden auch mit den sich anbahnenden Umbrüchen fertig werden“, zeigt sich „Rax“ überzeugt. Kritischer sieht er die Zukunft für die dort lebende Tierwelt. Nicht nur den Lebensraum des so oft genannten Eisbären sieht Ragnar Axelsson als gefährdet an. Die Umweltverschmutzung mache auch vor dem arktischen Ozean nicht halt, das werde dramatische Folgen für Seevögel, Fische und Wale haben, ist der Dokumentarist mit der Kamera überzeugt.

Für Ragnar Axelsson ist aber klar, dass er weiter zur Arktis reisen wird. In absehbarer Zeit will er sogar einen Film über das harte Leben dort drehen, verrät er. Da kommt natürlich die Frage auf, wie lange er sich dort denn eigentlich aufhalte, in dieser nicht immer lebensfreundlichen Umgebung? Zwei bis drei Wochen sei er bei seinen Reisen in der Regel unterwegs, dann kehre er zu seiner Familie nach Island zurück, gesteht er jetzt wieder mit dem charmanten Lächeln. Immerhin besteht die neben seiner Frau aus drei Kindern und schon drei Enkeln. Und wo verbringt die Familie dann ihren Urlaub? „Meine Frau will ins Warme, daher geht es in den Urlaubswochen dann in Richtung Süden“. Eine Einstellung, die man durchaus verstehen kann.