Ein Kalif im Barendorfer Bruch

Seine Heiligkeit der Kalif wurde von seinen Iserlohner Gemeindemitgliedern standesgemäß begrüßt.
Seine Heiligkeit der Kalif wurde von seinen Iserlohner Gemeindemitgliedern standesgemäß begrüßt.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Der Besuch des Ahmaddiyya-Oberhauptes versetzt Iserlohn in Aufregung.

Iserlohn..  Die Szenerie bei der Grundsteinlegung für die Ahmadiyya-Moschee im Barendorfer Bruch erinnerte gestern ein wenig an das Campus-Symposion. Nicht ganz so groß, aber trotzdem: Eine Zeltstadt auf der grünen Wiese, jede Menge schwarze Limousinen, Volunteers für die Besucherbetreuung, Security, Fernsehkameras und eine hochgestellte Persönlichkeit, die sich umringt von Fotografen, Händeschüttlern und Personenschützern ihren Weg durch die Menge sucht.

In Deutschland ist Kalif Mirza Masroor Ahmad verhältnismäßig unbekannt. Für die rund 60 Millionen Mitglieder der internationalen Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde ist der aber ein Heiliger. In der Nachfolge des Reformers und Begründers der Ahmadiyya-Bewegung, Mirza Ghulam Ahmad, ist er seit 1889 der inzwischen fünfte Kalif und damit das Oberhaupt der in rund 200 Ländern vertretenen Glaubensgemeinschaft. Die Mitglieder sprechen von ihm nur von „seiner Heiligkeit“ und behandeln ihn auch so. Sein Name wird immer mit dem Zusatz „möge Allah seine Hand stärken“ versehen.

Dass der Kalif nun den Weg nach Barendorf fand, um dort den Grundstein für eine relativ kleine Moschee im Zweifamilienhaus-Format zu legen, war für die etwa 110 Mitglieder der Iserlohner Gemeinde ein unvergleichlicher Festtag. Schon vor zwei Monaten begannen die Vorbereitungen in enger Abstimmung mit der deutschen Ahmadyyia-Zentrale in Frankfurt, um die Zeltstadt einzurichten und alles bis hin zum gemeindeeigenen Kinderchor vorzubereiten, der den Kalifen mit dem Lied „Moschee, Moschee – viel weißer als der Schnee“ zu begrüßen. Bis zuletzt wurden unentwegt die vielen roten Teppiche gefegt und gesaugt, damit der Kalif nicht mit Schmutz in Berührung kommt.

Viel Sicherheit wegen extremistischer Gewalt

Der kam dann gegen 13.30 Uhr mit etwas Verspätung in einem Konvoi von neun schwarzen Limousinen mit Polizeieskorte aus Frankfurt angerauscht. Sicherheit ist ein großes Thema in der Ahmadiyya-Gemeinde. Von den islamischen Hauptströmungen der Sunniten und Schiiten wird die noch junge Reformbewegung nach wie vor nicht anerkannt. 1974, 1984 und zuletzt 2010 durch die Taliban gab es von Seiten extremistischer Islamisten Wellen der Gewalt mit Pogromen, brennenden Moscheen und vielen Toten. Auch aktuell stehen die Ahmadiyya im Fokus der IS-Kämpfer. Im Zuge der ersten Gewaltwelle musste der damalige Kalif auch seinen Wohnsitz und die weltweite Zentrale der Gemeinde von Pakistan nach London verlegen.

Kalif Mirza Masroor Ahmad, der seit 2003 im Amt ist, lebt durchaus in Gefahr, reist von London aus immer mit dem eigenen, gepanzerten Fahrzeug durch Europa und überlässt auch bei seinen Besuchen vor Ort nichts dem Zufall. Mit einem eigenen Sicherheitsdienst wurde das ganze Areal rund um die zukünftige Baustelle abgeriegelt und bis zu seiner Abreise haben die Mitarbeiter auch den Wald oberhalb des Barendorfer Bruchs genau beobachtet – Extremisten, so hieß es, könne es überall geben.

Das, wofür die Ahmadiyya-Gemeinde steht, ist hingegen alles andere als extrem. Anders als andere Gemeinden definiert sie sich nicht über eine Kultur oder eine Sprache, sondern über die Idee, dass man das Seelenheil nicht nur über den Gottesdienst, sondern vor allem auch über den Dienst am Nächsten erreicht. Der Kalif predigt Frieden. Das hat er auch gestern in seiner Ansprache vor den rund 50 geladenen Gästen aus Iserlohn und Umgebung getan, die er frei hielt und in der er sehr spontan auf die vorhergehenden Grußworte des stellvertretenden Bürgermeisters, Michael Scheffler, des Hemeraner Bürgermeisters, Michael Esken, und des Landrates Thomas Gemke einging.

Besonders griff er die Worte seines Vorredners Abdullah Wagishauser, dem Bundesvorsitzenden der Gemeinde, auf, der nicht nur die mit fünf Jahren ungewöhnlich lange Planungsphase thematisierte und auf die Schwierigkeiten auch mit dem immensen Gegenwind seitens der Anwohner einging. Vor allem pries er die Schönheit der Landschaft rund um Iserlohn. Er freue sich, dass Iserlohn dazu passend nun eine zwar kleine, aber sehr schöne Moschee bekomme, die den Namen „Salam Moschee“ also „Haus des Friedens“ erhalten werde.

Die eigentliche Schönheit Iserlohns, entgegnete der Kalif, bestehe aber in der Schönheit des Charakters der Menschen. Und er hoffe, dass auch die neue Moschee ihre Schönheit dadurch entfalten könne, dass sie durch die menschlichen Werte derjenigen, die darin beten, gestärkt werde. Auf diese „Menschlichen Werte“ komme es an. Auf das friedliche Miteinander. Und er versicherte, dass seine Gemeinde auch die Pflichten gegenüber dem Land kenne, in dem sie ansässig ist. „Jeder Mensch, der in Deutschland lebt, ist verpflichtet, diesem Land zu dienen“, so der Kalif. Mit Blick auf den Widerstand gegen das Bauvorhaben sagte er: „Unsere Gegner werden verstummen, wenn sie die Schönheit der Moschee sehen.“ Und er hoffe, dass mit dieser Moschee auch die Hoffnung der Ahmadiyya auf den Frieden in der Welt wächst.

40 000 Mitglieder in 250 deutschen Gemeinden

Nach dem eigentlichen Akt der Grundsteinlegung, bei der verschiedene Gäste und Gemeindevertreter Ziegelsteine zu einem Fundament mauerten, nahm der Kalif noch einen schnellen Imbiss, um dann mit dem ganzen Tross weiterzufahren. Am Wochenende war er Gast bei dem dreitägigen Ahmadiyya-Bundestreffen in Karlsruhe. Seit dem ist er unterwegs, um Moscheen einzuweihen oder Grundsteine zu legen. Seine Gemeinde wächst – auch in Deutschland. Viele lassen sich anstecken von der Friedensbotschaft und konvertieren – sowohl aus anderen islamischen Gemeinden als auch aus dem Christentum. Rund 250 Gemeinden mit insgesamt etwa 40 000 Mitgliedern gibt es inzwischen. Gestern Abend hat der Kalif noch eine neue Moschee in Vechta eingeweiht, die Nummer 47 in seinem „100 Moscheen für Deutschland“-Programm. Welche Nummer die Iserlohner Moschee wird, ist noch nicht ganz klar. Neben Barendorf wurden und werden aktuell zwölf weitere Grundsteine gelegt.