Ein Ausblick in die Zukunft der Medizin

An der FH federführend in Sachen Plasmatechnologie: Prof. Dr. Dieter Ihrig
An der FH federführend in Sachen Plasmatechnologie: Prof. Dr. Dieter Ihrig
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Mehr als nur Science-Fiction: An der FH Südwestfalen hofft man mithilfe von Plasmatechnologie künftig Hygieneprobleme in Krankenhäusern, ausgelöst vor allem durch Keimbelastung, lösen zu können

Iserlohn..  Hinter dem Schutzglas und einer Art Bullauge zucken Blitze durch einen violetten Gasteppich, draußen brummen Pumpen, auf einem Rechnerbildschirm flackern Messwerte auf. Hinter der Glasscheibe, in einem Vakuum bei nur rund einem Zehntausendstel des Atmosphärendrucks, werden Elektronen durch den Raum geschossen. Bis zu 50 000 Grad können die Elementarteilchen dabei erreichen, während die Temperaturen im restlichen Gas niedrig bleiben.

Was hier in einem Laborraum an der FH Südwestfalen gerade geschieht, ist Forschung zum Thema Plasmatechnologie. Der Begriff selbst dürfte vielen Menschen allenfalls aus Science-Fiction-Filmen bekannt sein, tatsächlich wird Plasma aber bereits seit einiger Zeit in der Medizin eingesetzt – Tendenz steigend.

Ein richtiger Wissenschaftler braucht einen weißen Kittel

Projektleiter im Bereich Lebenswissenschaften am Standort Iserlohn in Sachen Plasma ist Prof. Dr. Dieter Ihrig, ein freundlicher Mann mit weißem Haar, Hornbrille, und offenbar medienerprobt. „Ich zieh mir besser mal was Passendes an“, feixt der 64-Jährige und wirft sich einen weißen Kittel über. „Sieht mehr nach Wissenschaft aus.“ Richtig.

Plasmatechnologie also. Plasma, stark vereinfacht ausgedrückt ist das Gas, nur energiehaltiger, der vierte Aggregatzustand neben flüssig, fest und gasförmig. Physikalisch gesehen ist Plasma ein Teilchengemisch auf atomar-molekularer Ebene, dessen Bestandteile teilweise geladene Komponenten, Ionen und Elektronen, enthalten. Interessant für die Wissenschaft ist es wegen der guten elektrischen Leitfähigkeit.

In Iserlohn wird im wesentlichen in zwei Richtungen geforscht. Zum einen wird versucht, Kunststoffe durch Plasmabeschuss „wasserliebender“ zu gestalten, wie Prof. Ihrig sagt, „also genau den Effekt zu verhindern, den man bei Autolacken gerne erzielen möchte, das Abperlen von Wasser nämlich“. Nutzbar gemacht werden kann dieses Verfahren etwa zur Wassergewinnung in Dürre-Regionen.

Der andere Forschungszweig zielt auf die praktische medizinische Anwendung. So könnte Plasmatechnologie in naher Zukunft dazu beitragen, die bekannten Hygienemängel in deutschen Krankenhäusern zu beheben, etwa mittels von Kleinstgeräten zur Sterilisierung von Händen. Schwer heilende Wunden werden bei Patienten zum Teil schon jetzt mit Plasmabeschuss von Keimen befreit, ebenso Dialysebestecke.

Der Vorteil: „Bislang sind keine Resistenzen von Keimen gegen Plasma bekannt“, sagt Prof. Ihrig. Der Haken: Unklar ist noch, aus welchem Grund genau die Keime absterben, in Frage kommt eine Reihe von Möglichkeiten als Ursache: „Ionenbeschuss, UV-Photonen, freie Radikale – das versuchen wir mit unserer Forschung zu klären.“ Auch, um möglichen Nebenwirkungen vorzubeugen.

Einsatzmöglichkeiten für Plasmatechnologie bietet auch die Krebsbekämpfung. „Plasmabeschuss bringt die Krebszellen zur Selbsttötung“, sagt Ihrig. Praktikabel ist dies aber bislang nur bei Hautkrebs, da dieser sich an der Hautoberfläche zeigt. In den inneren Körperregionen auftretende Formen der Krankheit können nicht bestrahlt werden.