Die Tränen galten dem Treffen mit der Schwester
18.12.2011 | 18:48 Uhr 2011-12-18T18:48:00+0100
Iserlohn.Es sind auch diese kleinen Momente, die den ganz besonderen Flair der Kult-Veranstaltung „St. Niklas war ein Seemann“ im Parktheater ausmachen. Einen solchen Augenblick gab es am Freitagabend, als Thorsten Münchow eher beiläufig - aber doch tief bewegt - davon erzählte, dass er am Nachmittag in Iserlohn zum ersten Mal in seinem Leben seine Schwester Carmen getroffen hatte und begrüßen konnte. Sie hatte durch Internetrecherche Kontaktdaten zum gemeinsamen Vater finden können. Danach war es nur noch ein kleiner Schritt zum Kennenlernen. Am Samstag holte Thorsten Münchow seine Schwester sogar beim Finale auf die Bühne und konnte ein paar Tränen nicht unterdrücken.
Aber natürlich sind es auch die maritime Musik, das völlig ungekünstelte Auftreten der Akteure, die wieder wunderbar vorweihnachtlich geschmückte Bühne und die überraschenden Momente, die das Publikum so besonders liebt und sie auch für mehrere Stunden verweilen lässt. Schon die schwungvolle Begrüßung im Foyer durch die „Hamborger Schietgäng“ stimmte auf einen ganz besonderen Abend ein.
Wie gewohnt startete dann das Bühnenprogramm mit einem kleinen Sketch zwischen Moderator Thomas Reunert und Gerda Trappe („ausgerüstet mit dem Johannes-Heesters-Gen“), der guten Seele des Bühnenpersonals. Und auch die verbalen Kabbeleien zwischen Thomas Reunert und Bodo Scheuch, dem „Mann ohne Alter“ und „Grürmannsheider Corvetten-Kapitän“, der mit seinen „Romantik Sailors“ zahlreiche maritime Lieder vortrug. Fehlen durfte auch der Spendenaufruf zu Gunsten der Deutschen Gesellschaft (DGzRS) zur Rettung Schiffbrüchiger nicht. Insgesamt 3718 Euro wurden am Freitag- und Samstagabend für den guten Zweck zusammen getragen.
Mit ihrem Medley „Seemann, lass das Träumen“ bewiesen die „Romantik Sailors“ des Marine-Vereins dann ihre Extra-Klasse unter den Shanty-Chören. Dazu gehören auch die hervorragenden Solisten wie Horst Schwertfeger, Armin Eckey, Joachim Boecker, Jürgen Egger, Dietmar Malz, Lutz Klemer und natürlich Bodo Scheuch.
Kein „St. Niklas war ein Seemann“ ohne den Kontakt zur großen weiten Welt. Gleich im ersten Telefonat ging es nach Dubai, wo der Kapitän der „Aida blu“, Dieter Wieprecht, davon berichten konnte, das er und seine weit über 2000 Gäste „richtig schwitzen“. Noch um 22.35 Uhr herrschten dort 24 Grad Celsius. Am Heiligen Abend, so Wieprecht, werde sein Schiff durch die Straße von Hormus fahren. Für die Kinder wartete dann schon ein Weihnachtsmann mit Rentier und Schlitten auf die Bescherung.
Danach bewiesen die „Hamborger Schietgäng“ ihre Sangesfreude und ihren Spielwitz, ob im A-capella-Gesang oder als maritime Musik-Truppe. Dafür ernteten sie den verdienten Applaus.
Kein Unbekannter im St.-Niklas-Team ist Parodist und Stimmen-Imitator Andreas Neumann. Mit Sätzen wie „Wozu brauche ich ein Mikro, ich spreche auch so recht schön“, oder „Gucken Sie mich nicht so böse an, keine Angst, das Programm wird gleich besser“ katapultierte er sich gleich wieder ins Herz des Publikums. Das nahm noch zu, als er sein Gedicht „Guten Abend Iserlohn“ vortrug.
Als „normannischen Kleiderschrank, aber mit Aufsatz“ durfte Thomas Reunert dann Thorsten Münchow und das „Passat-Orchester“ begrüßen. Münchow, bekannter Schauspieler, Synchronsprecher und -regisseur, ist auch ein ausgebildeter Sänger. In Iserlohn brillierte er mit einem Hans-Albers-Programm, das unter die Haut ging. Sein „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ oder „Beim ersten Mal tut´s noch weh“ gingen unter die Haut. Exzellent auch auch seine Begleitband, eine kleinere Besetzung des Berliner Salon-Orchesters. Die Mischung aus 1940-Jahre-Liedern und jazzigen Arrangements waren hörenswert. Sopranistin Wiltrud Weber steuerte dann noch Lieder der „Chilenischen Nachtigall“ Rosita Serrano bei. Serrano konnte ihre größten Erfolge in Deutschland in den 1930er und frühen 1940er Jahren verbuchen. Die Interpretationen von Wiltrud Weber überzeugten durch ihre warme und volltonige Stimme. Eher humoristisch dann das Duo Münchow-Neumann mit dem Klassiker „Jawoll, meine Herren“.
Da war der Wechsel zur folgenden Winnetou-Melodie schon überraschend. Doch als dann Benjamin Armbruster die Bühne im Kostüm des Indianer-Häutlings betrat, brandete Beifall auf. Seit 24 Jahren ist der Schauspieler Armbruster in seiner Parade-Rolle in Elspe Liebling der Zuschauer. In Iserlohn trug er bei seinem ersten Auftritt indianische Weisheiten vor, die zum Nachdenken anregten.
Nach Italien entführte das Publikum dann die „Schwerter Operettenbühne“ mit ihrem Lieder-Programm. Hit-Klassiker wie „Volare“ oder „Ja, Ja der Chianti-Wein“ entführten in den Süden.
„Lieder, die anrühren“ versprach Thomas Reunert, als er Jonny Hill ankündigte. Seine Mischung aus Country-Songs, Titel voll Liebe und Gefühl, kam beim Publikum an.
Dem Anlass entsprechend hatte Hill auch Maritimes im Gepäck wie „Junge, komm bald wieder“. Seit 1979 ist Hill ein gefeierter Star auf deutschsprachigen Bühnen, sein erster großer Hit „Ruf Teddybär eins-vier“ hat bis heute nichts an Beliebtheit verloren, ebenso Titel wie „Auf einem Seemannsgrab blüh’n keine roten Rosen“, „Der alte Seemann kann nachts nicht schlafen“, „So schön ist Kanada“, „Abschied ist kein Grund zum weinen“, „Rosen für Mama“ und „500 Meilen von zuhaus“. In seinem rund vierzigminütigen Programm bot Hill den Zuschauern einen Mix seiner beliebtesten Titel, der das Publikum begeisterte. Wie beliebt Hill heute noch ist, zeigte sich in der Pause, als er dicht umringt von Fans fleißig Autogramme gab.
Einem Star mit heimischen Wurzeln galt nach der Pause das zweite Telefonat. Jochen Busse, in seiner Kindheit lebte er an der Gartenstraße, verriet, dass er auch in diesem Jahr mit seiner Familie „Weihnachten so wie früher in Iserlohn“ feiern werde. Zum Heiligen Abend werde er eine Gans zubereiten, die „bei 150 Grad im Backofen für fünf bis sechst Stunden vor sich hingaren werde, bis sie dann braun gebacken wird“. 1951, so Busse, sei sein Vater Schützenkönig beim IBSV gewesen. Auf die Nachfrage von Thomas Reunert, ob denn auch er als Schützenkönig zur Verfügung stände, die prompte Antwort: „Wenn ihr einen so alten Schützenkönig gebrauchen könnt.“
Wetter-Moderator Sven Plöger machte dann aus dem Schweizer Wetter-Studio heraus alle Träume auf „Weiße Weihnacht“ in Iserlohn zunichte. Zwar sei das Barometer aktuell in Iserlohn „sehr tief gefallen“, denn der Kern des Tiefs „Joachim“ liege genau über der Waldstadt, aber zum Fest prognostizierte Plöger „Warmluft mit sechs bis sieben Grad Celsius“.
Aber natürlich ging es auch musikalisch weiter auf der Bühne. So bot die „Schwerter Operettenbühne“ eine Schlager-Revue mit Hits der 1970er Jahre wie „Festival der Liebe“ oder der Bernd-Klüwer-Parodie „Der Junge mit der Mundharmonika“. Und auch Thorsten Münchow und Wiltrud Weber glänzten erneut. So mit dem Hans-Albers-Lied aus dem Jahre 1946 „Und über uns der Himmel“ oder „La Paloma“. Die Romantik Sailors erfreuten mit Evergreens wie „Whiskey in the Jar“, „Das Lied vom Meer“, „Sailor Boy“ und „Shenandoah“.
Sein parodistisches Talent konnte Andreas Neumann bei dem von Thomas Reunert geschriebenen Text „Heilige Drei Könige“ unter Beweis stellen. Da wurden Legenden wie Inge Meysel, Adolf Tegt-meier, Theo Lingen und Heinz Erhard wieder zum Leben erweckt und auch Louis de Funes durfte nicht fehlen. Besinnliches und Heiteres dann von Benjamin Armbruster, jetzt in zivil, auch mit einem satirischen Loriot-Text.
Wie gewohnt endete der Abend in den frühen Morgenstunden mit dem gemeinsamen „Oh, du Fröhliche“ und dem St.-Niklas-Lied „Auf der MS Iserlohn“. Ein „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“ fehlte, denn dies soll wirklich die letzte lange „St.-Niklas“-Nacht gewesen sein, so der gewohnt gut gelaunte Moderator Thomas Reunert zum umjubelten Abschied.
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