Die schleichende Entsorgung einer Schulform

Helfer der Stadt räumen Kartons mit Büchern aus der Schule in einen Transporter. Das Lernmaterial geht an die Martin-Luther-Hauptschule.
Helfer der Stadt räumen Kartons mit Büchern aus der Schule in einen Transporter. Das Lernmaterial geht an die Martin-Luther-Hauptschule.
Foto: Tim Gelewski
Was wir bereits wissen
An diesem Freitag läuft die Hauptschule Wiesengrund aus. Für Schüler und Lehrer bedeutet dies bis zuletzt einen bisweilen bizarren Alltag in einer Schule, die im Schwinden begriffen ist. Ein Ortsbesuch

Iserlohn..  Rudolf Holtappel steht in einer Schulbücherei ohne Bücher und ohne Schüler, vor leeren Regalen und einem Berg aus Umzugskartons. Der 62-Jährige ist kommissarischer Rektor der Hauptschule Wiesengrund und ein Mann, dem in den vergangenen Tagen und Wochen „seine“ Schule nach und nach abhanden gekommen ist.

Im Schuljahr 2011/2012 beschloss die Bezirksregierung in Arnsberg das schleichende Aus für den Hauptschulstandort hier. Es konnte damals keine neue Eingangsklasse 5 mehr gebildet werden. 18 Schüler hätte es bedurft, lediglich 15 Anmeldungen gab es. „Bis nach den Ferien hätten wir sicher genug Schüler beisammen gehabt“, glaubt Holtappel, weißes Hemd, grauer Bart und seit 35 Jahren an der Schule tätig. „Der Beschluss kam überraschend, aber das Aus der Hauptschule ist politisch gewollt.“

Seither lehren sie hier gewissermaßen unter dem Damokles-Schwert. Mit dem neuen Schuljahr zieht hier eine Zweigstelle der neuen Gesamtschule ein, wenige Türen hinter Holtappels Büro wurden in den vergangenen Wochen schon Bewerbungsgespräche geführt. Kontakt zu den Kollegen und Nachfolgern gibt es aber kaum. „Sie kommen meist, wenn wir gehen“, sagt Holtappel.

Die Amtskollegen von der Gesamtschule sind aber nicht die Einzigen, die in den vergangenen Wochen gekommen sind. Auch Stadt, Handwerker und der Schützenverein „Platte Heide“ aus Menden waren da. Letztere brachten einen großen Container mit, in dem tonnenweise Schulbücher per Wurf aus dem Fenster entsorgt wurden. Der Erlös geht an ein Mendener Schwimmbad.

Das gewohnte Umfeld wird unter ihren Füßen entfernt

Andere Bücher gehen an die Martin-Luther-Hauptschule, am Mittwoch kamen Helfer der Stadt, um die Umzugskartons abzuholen. Für Lehrer und Schüler ist dies ein bizarrer Zustand. Ihre Schule, ihr gewohntes Umfeld, wird entfernt, buchstäblich unter ihren Füßen. Holtappel und sein Kollegium sind erwartungsgemäß wenig angetan.

Ebenfalls am Mittwoch sperren Kurt Neuhaus und Martin Rohleder, beide 63 Jahre alt, die Tür zu einem Klassenraum auf, der schon seit „einer Weile“ mangelns Schülern nicht mehr in Benutzung ist. Auch Holtappel kommt dazu, draußen schleppen die Umzugshelfer Kisten vorbei und nach draußen, es ist 10 Uhr am Morgen. „Eigentlich hieß es, das soll hier alles in Ruhe auslaufen“, sagt er und wirft Arme und Schultern hoch. „Aber sie sehen ja.“

Auch Neuhaus, ein gemütlicher Mann mit Schnauzer und grauem Strick-Pulli klagt: „Es gab hier kaum Absprachen.“ Holtappel ergänzt: „Die kamen zu Beginn des zweiten Halbjahres und haben einfach gemacht.“

Rohleder, gelber Pulli und Sneakers, wippt auf seinem Stuhl und blickt ernst. „Als hier angefangen wurde zu streichen, lag hier Abdeckfolie rum, man kam kaum in die Klassenzimmer.“ Und: „Vor ein paar Wochen kamen plötzlich der Hausmeister und zwei Helfer in die Klasse und haben eine Nebentafel abgeschraubt. Mitten im Unterricht.“ Anschließend hätten die Männer die Tafel vor dem Klassenraum mit der Stichsäge zerlegt. „Warum kann man das nicht nachmittags machen?“

Was die Pädagogen neben der fehlenden Rücksichtnahme am meisten ärgert, ist die Botschaft, die ihrer Meinung nach von dem Vorgehen der Quasi-Entsorgung ihrer Schule ausgeht: „Jahrelang haben wir den Schülern eingebläut: ,Behandelt die Bücher, behandelt das Material pfleglich.’ Und jetzt fliegt hier alles einfach zum Fenster raus“, echauffiert sich Rohleder.

Eine Schülerin klagt, dass für die neue Gesamtschule auf einmal alles frisch gestrichen werde. „Für uns hätte das keiner gemacht.“

Auch die drei Pädagogen sehen ihre Schulform nicht ausreichend gewertschätzt. Holtappel: „Die Hauptschulen sterben aus. Und auffangen sollen es hauptsächlich die Realschulen. Bisher sind sie dazu aber nicht im Stande. Die potenziellen Hauptschüler gibt es ja weiterhin, auch wenn es die Schule nicht mehr gibt.“ Bislang seien viele junge Leute nach zwei Jahren Orientierungsstufe von der Real- auf die Hauptschule gewechselt.

„Rück- oder auch Abschulung“ nennt das der Bürokraten-Jargon. „Eine Überlastung für die Schulen und Lehrer“, nennt das Kurt Neuhaus. „Dieser Umbruch im Moment ist einfach zu heftig, weil die Schulen ja auch noch die Inklusion umsetzen müssen“, sagt Rohleder. „Es ist absurd. Erst führen wir die Inklusion ein, dann befähigen wir die Lehrer. Es müsste aber andersherum sein.“

Die Hauptschule, sagen die drei Lehrer, hätte bei der Lösung dieser Problematik sicher helfen können. Sie sind von „ihrer“ Schulform auch weiterhin überzeugt. „Hauptschullehrer wird man aus Überzeugung. Natürlich ist das nicht leicht“, sagt Rohleder.

In den 90ern wird der Begriff der „Resteschule“ geboren

Den Schulstandort am Wiesengrund gibt es seit 1957. Ende der 60er Jahre löste hier die Hauptschule die Volksschule ab. Zu Hochzeiten lag die Klassenstärke um die 35, zuletzt noch bei maximal 20 Schülern.

Spätestens in den 90er Jahren jedoch setzt der schleichende Niedergang der Hauptschulen ein. Migranten strömten an die Schulen, Russlanddeutsche und Kriegsflüchtlinge aus dem damaligen Jugoslawien.

„Die Deutschen haben sich nach und nach zurückgezogen. Der Hauptschulbesuch wurde irgendwann zum Makel“, sagt Rohleder. Der Begriff der „Resteschule“ wurde geboren. „Es war ein Politikum. Die Schule wurde mehr und mehr schlecht geredet. Dabei bietet sie den Schülern viele Optionen für die weitere berufliche Zukunft.“

„Wir waren die erste Schulform. die Betriebspraktika angeboten hat, waren Vorreiter“, sagt Neuhaus. Lernen mit Kopf, Herz und Verstand – so nannte man das damals.

Irgendwann dann durften Eltern ihre Kinder entgegen der Empfehlung der Grundschulen zu einer weiterführenden Schule schicken. „Im Grunde bedeutete der freie Elternwille den Untergang der Hauptschulen“, sagt Holtappel. Der Ruf der Schule, die einst die Fachkräfte für das Handwerk ausbildete, nach denen heute händeringend gesucht wird, war zu diesem Zeitpunkt schon längst zerstört.

Im Märkischen Kreis wird es im kommenden Schuljahr noch drei Hauptschulen geben. In Deutschland haben zehn von 16 Bundesländern die Schulform abgeschafft.

Der zehnte Jahrgang der Hauptschule Wiesengrund geht am Freitag ab, die Schüler der 8. und 9. Klasse wechseln zur Martin-Luther-Hauptschule und nach Letmathe.

Kurt Neuhaus geht mit Ende des Schuljahres in den Ruhestand. Über die mögliche Pensionierung von Martin Rohleder wird noch entschieden. Für beide schließt sich so möglicherweise ein Kreis. Vor gut 40 Jahren starteten beide als junge Referendare an der Hauptschule Letmathe gemeinsam ins Berufsleben. Rudolf Holtappel wechselt an die Martin-Luther-Hauptschule.

Stimmung zwischen Lehrern und Schülern bis zuletzt gut

Immerhin: Die Vorbereitung der 8. und 9. Klasse auf den Schulwechsel, die Reduzierung des Lehrer-Kollegiums sei gut verlaufen, auch die Stimmung untereinander, zwischen Lehrern und Schülern, sei bis zuletzt gut gewesen.

Am Freitag nun wird Holtappel noch ein paar Worte an seine Schüler richten. Eine Feier gibt es nicht. Irgendwann am Nachmittag, vielleicht am frühen Abend, wird der Hausmeister dann die Eingangstüren absperren. Die Hauptschule Wiesengrund ist dann Geschichte.