Der Schlüssel liegt bei den Städten

Superintendentin Martina Espelöer, Bürgermeister  Dr. Peter Paul Ahrens, Diakoniepfarrer Martin Wehn und Heidrun Schulz-Rabenschlag, Leiterin der Sozialen Dienste der Diakonie Mark-Ruhr, forderten die Integration der Flüchtlinge in die Stadtgesellschaft.
Superintendentin Martina Espelöer, Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens, Diakoniepfarrer Martin Wehn und Heidrun Schulz-Rabenschlag, Leiterin der Sozialen Dienste der Diakonie Mark-Ruhr, forderten die Integration der Flüchtlinge in die Stadtgesellschaft.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Auf Einladung von Martina Espelöer, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Iserlohn, haben sich am Donnerstag Bürgermeister der Region, Beigeordnete, Vertreter von Gemeinden und kirchlichen Hilfsdiensten sowie anderen Institutionen zur Konferenz „Gemeinsam für Flüchtlinge“ im Iserlohner Ratssaal versammelt.

Iserlohn..  Hochkarätig besetzt war am Donnerstag die Konferenz „Gemeinsam für Flüchtlinge“ im Ratssaal am Schillerplatz. Auf Einladung von Martina Espelöer, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Iserlohn, hatten sich Bürgermeister der Region, Beigeordnete, Vertreter von Gemeinden und kirchlichen Hilfsdiensten sowie anderen Institutionen versammelt, um sich über das vielleicht drängendste Thema der Gegenwart auszutauschen: Wie gehen die Städte mit dem Flüchtlingszustrom um, wie kann neben der Existenzsicherung eine Willkommenskultur etabliert werden, die letztlich und im besten Fall in eine gelungene Integration mündet?

Ein Appell, das Sterben im Mittelmeer zu beenden

Entstanden ist die Idee zu der Zusammenkunft Anfang März beim alljährlichen politischen Tisch der Superintendentin mit den Bürgermeistern des Kirchenkreises. „Niemand konnte damals ahnen, wie dramatisch aktuell dieses Thema uns beschäftigt“, richtete Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens in seiner Begrüßung den Blick auf die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer, die allein in den letzten Tagen 800 Flüchtlinge das Leben gekostet hat. „Die EU ist Trägerin des Friedensnobelpreises. Nun muss sie beweisen, dass sie sich dieser größten Ehre würdig erweist“, richtete auch Superintendentin Espelöer einen Appell an die politisch Verantwortlichen, das Sterben im Mittelmeer zu beenden und den Flüchtlingen zu einer sicheren Einreise zu verhelfen.

Das Versagen der großen Politik jedoch entbindet die kommunale Verantwortlichen nicht von ihrer Pflicht, auf lokaler Ebene Handlungswege zu suchen, den Flüchtlingen eine neue Heimat zu geben. Dies sei in der Vergangenheit mit guten Erfolgen geschehen, die Realität aber zeige, so Dr. Ahrens, „dass wir nicht aufhören dürfen, nach Konzepten zu suchen“. Denn Flüchtlinge aufzunehmen sei mehr als ein rechtsstaatlicher Akt, „es ist vor allem ein Akt der Humanität. Sich diesen Menschen zuzuwenden, ist eine Frage der Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe.“

Wie bedeutend die konzeptionelle kommunale Arbeit ist, verdeutlichen die nackten Zahlen. So hat sich die Zahl der in Iserlohn lebenden Flüchtlinge binnen Jahresfrist von 180 auf 350 fast verdoppelt, im Verlauf von 2015 wird mit einem Anstieg auf 450 Personen gerechnet. Um das drängende Problem der Unterbringung zu entschärfen, wird Anfang Mai im Gewerbegebiet Corunna eine weitere Unterkunft für etwa 90 geflüchtete Menschen den Betrieb aufnehmen. Ahrens plädiert angesichts der Dimension der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung für eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit und der in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld Betroffenen. „In offenen Gesprächen können wir Sachfragen erörtern und Sorgen aus dem Weg räumen.“

Für das Dekanat Märkisches Sauerland stellte Gaby Iserloh heraus, dass die koordinierte Vernetzung der Akteure von entscheidendem Wert für den Erfolg der Flüchtlingsarbeit sei. Und neben den Bemühungen, den Flüchtlingen die Integration zu ermöglichen, sei es überdies nötig, Zivilcourage zu zeigen beim Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit. Anforderungen, die das Iserlohner Flüchtlingsnetzwerk vorbildlich erfüllt. Sprecherin Marion Ziemann, die den Aufbau und die Schwerpunkte des rund 100 ehrenamtliche Mitstreiter zählenden Netzwerks darstellte, durfte sich daher der Aufmerksamkeit der Zuhörer aus den anderen Kommunen gewiss sein. Um das Iserlohner Beispiel übertragbar zu machen, will das Netzwerk in Kürze einen Workshop veranstalten, um seine Arbeit und Organisation anderen in der Flüchtlingsarbeit tätigen Menschen und Institutionen detailliert vorzustellen.

Zu kurzfristige Zuweisungen aus den Landeseinrichtungen

Mit welchen Problemen die Hauptamtlichen in der Flüchtlingsarbeit zu kämpfen haben, erläuterte Heidrun Schulz-Rabenschlag. Trotz einer Aufstockung der Mittel seien die Flüchtlingsberatungen deutlich unterfinanziert, eine grundlegende Verbesserung sei nicht absehbar. „Unsere Kollegen mahnen seit Jahren an, dass ein Gesamtkonzept zur humanitären Aufnahme von Flüchtlingen fehlt. Aber man hat uns nicht geglaubt“, so die Leiterin der Sozialen Dienste der Diakonie Mark-Ruhr. Vor zusätzliche Probleme würden die Kommunen nun gestellt, weil die Zuweisungen aus den Landeseinrichtungen mittlerweile sehr kurzfristig erfolgten. Eine Aufnahmedauer von mindestens acht Wochen sei jedoch angebracht, um den Druck auf die Städte zu reduzieren.

Dass die Gelder insgesamt bei weitem nicht ausreichen, um der Aufgabe Herr zu werden, ist für die kommunal Verantwortlichen ein Fakt. Umso ärgerlicher sei es daher, so Schwertes Bürgermeister Heinrich Bockelühr, dass NRW die Hälfte der vom Bund zusätzlich zur Verfügung gestellten 108 Millionen noch nicht an die Städte weitergeleitet habe. Mittel, die beispielsweise für Sprachkurse eingesetzt werden könnten. „Wir haben eine enorme Nachfrage, aber zu wenig Geld“, berichtete Gerd Greczka von der Volkshochschule und traf damit bei Arbeitsagentur-Chefin Karin Käppel einen Nerv: „Was nützt es, wenn wir Flüchtlinge früher als bisher in den Arbeitsmarkt vermitteln dürfen, sie aber kein Deutsch sprechen können.“