Den deutschen Kopf gründlich umkrempeln

Pfarrer Paul Stapel (vorne in der Mitte) hat bei den jungen Leuten aus dem Pastoralverbund Iserlohn, die im Dezember nach Brasilien fahren, die Reiselust geweckt.
Pfarrer Paul Stapel (vorne in der Mitte) hat bei den jungen Leuten aus dem Pastoralverbund Iserlohn, die im Dezember nach Brasilien fahren, die Reiselust geweckt.
Foto: Ralf Tiemann
Was wir bereits wissen
26 Jugendliche aus dem Pastoralverbund Iserlohn besuchen im Dezember einen „Hof der Hoffnung“ in Brasilien. Im Gespräch mit Pfarrer Paul Stapel haben sie einen Vorgeschmack auf ihre Reise bekommen.

Iserlohn..  „Wir haben damals in einer kleinen Gruppe angefangen, das Evangelium zu leben“, sagt Pfarrer Paul Stapel. Aber was bedeutet das? Es klingt so einfach und auch bei Paul Stapel so leicht dahingesagt – das Evangelium leben. Letztlich bedeutet das, Jesus konsequent zu folgen, auf eigene Besitztümer zu verzichten und sich ganz und gar den Armen, den Menschen ganz unten zuzuwenden.

Ganz gleich wie groß dieser Schritt für Pfarrer Stapel war und wie schwierig dieser Weg sein mag – das Evangelium zu leben ist ganz offensichtlich etwas, das ansteckt. Aus der im Grunde ganz einfachen Idee ist inzwischen ein weltweite Organisation, die „Familie der Hoffnung“, gewachsen. Von Brasilien aus, wo die Familie der Hoffnung ihren Anfang nahm, ist die Idee auch nach Europa und Deutschland geschwappt. Und hier lassen sich nun auch 26 Jugendliche aus dem Pastoralverbund Iserlohn davon anstecken. Vom 26. Dezember bis zum 9. Januar fahren sie mit Vikar Stefan Kendzorra nach Brasilien, um dort das Leben in einer der „Fazendas da Esparanca“ (Hof der Hoffnung) kennen zu lernen und zu erleben, was es heißt, das Evangelium zu leben.

Bei einem ersten Vorbereitungstreffen im Pfarrhaus an der St.-Aloysius-Kirche hat Pfarrer Paul Stapel den jungen Leuten erklärt, was sie erwartet und wie die Organisation gewachsen ist. Ausgangspunkt war sein Zwillingsbruder, der Franziskaner Pater Hans Stapel, der 1979 nach Brasilien kam und zwei Autostunden von Sao Paulo entfernt in Guaratingueta eine Pfarrei übernahm. Dort machte er diesen geheimnisvollen Schritt zum Leben nach dem Evangelium und begann, sich um erst einen, später um mehrere drogensüchtige Jugendliche in seinem direkten Umfeld zu kümmern. Oder vielmehr, er lebt mit ihnen, 24 Stunden am Tag, lebte mit ihnen von der eigenen Arbeit, teilte alles mit ihnen und gab ihnen eine Perspektive, einen Weg hinaus aus der Sucht und aus dem Elend.

Die Wohnung, in der er diesen Weg von der Rekuperation, also von der Wiedergewinnung des eigenen Lebens, ab 1983 umsetzte, gilt als Keimzelle der „Höfe der Hoffnung“. Aus der Wohnung wurde tatsächlich ein richtiger Hof. Wenig später kam dann auch Pfarrer Paul Stapel nach Brasilien – mit nur einem Koffer und einem noch ziemlich deutschen Kopf, den er erstmals gründlich umkrempeln musste, wie er den Iserlohner Jugendlichen erklärte. Er wirkte 15 Jahre lang hauptsächlich in Nordbrasilien, half seinem Bruder aber auch dabei, neue „Fazendas“ zu gründen und eine echte Bewegung der Hoffnung anzustoßen.

Und es ging schnell immer weiter. Mehr als 3000 Jugendliche haben heute in den rund 100 Höfen weltweit ein Zuhause und neue Hoffnung bekommen. Seit 2010 ist die „Familie der Hoffnung“ eine vom Papst anerkannte ordensähnliche geistliche Gemeinschaft, die auf dem ihr eigenen „Charisma der Hoffnung“ fußt. Das Konzept der Fazendas basiert auf den drei Säulen der täglichen Arbeit, des gemeinschaftlichen Lebens und der christlichen Spiritualität und umfasst für die hilfesuchenden Jugendlichen zwölf Monate, in denen sie ihr altes Leben ablegen und neu starten können.

Paul Stapel ist heute Regionalverantwortlicher der „Familie der Hoffnung“ für ganz Europa und hält den Kontakt zum Vatikan. Er hat seinen Sitz in Arnsberg, und ein Praktikum in einem der „Höfe der Hoffnung“ ist im Priesterseminar im Bistum Paderborn längst Standard. Auch Vikar Stefan Kendzorra hat einige Wochen in Brasilien verbracht.

Dieselbe Fazenda in Guaratingueta – eine der größten überhaupt, die auch der Papst schon besucht hat und die heute fast den Status einer Pilgerstätte hat – werden nun auch die Iserlohner Jugendlichen nach Weihnachten für zwei Wochen besuchen. Und dort werden sie die „Aussätzigen von heute“, wie Pfarrer Paul Stapel sagt, die jugendlichen Drogenabhängigen und ihre Geschichten kennenlernen. „So eine Reise ist kein Luxus und kein rausgeschmissenes Geld. Sie ist vielmehr fundamental. Das wird Euch prägen für Euer ganzes Leben.“

Er wünscht sich, dass auch die Iserlohner Jugendlichen dadurch eine Sensibilität für das entwickeln, was wirklich wichtig ist und dass sie etwas finden, wofür es sich zu leben lohnt. „Es gibt mehr als nur Konsum. Jeder Mensch braucht eine Quelle, eine geistige Quelle, sonst verdurstet er.“ Und ganz abgesehen vom Glauben und dem persönlichen Gewinn: „Wenn junge Leute sich weltweit begegnen und Freundschaften schließen, ist das die beste Friedenspolitik.“