Das bange Warten auf die Horror-Droge

Teufelszeug auf dem Vormarsch auch im Märkischen Kreis? Laut den Experten der  Werkstatt und der Drogenberatungsstelle dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch in der Region die Zahl der „Crystal-Meth“-Abhängigen zunimmt.
Teufelszeug auf dem Vormarsch auch im Märkischen Kreis? Laut den Experten der Werkstatt und der Drogenberatungsstelle dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch in der Region die Zahl der „Crystal-Meth“-Abhängigen zunimmt.
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Was wir bereits wissen
Experten von Drobs und „Werkstatt“ rechnen mit Zunahme der Zahl von „Crystal Meth“-Abhängigen.

Iserlohn..  „Die Abhängigkeitsrate ist höher als bei allen anderen Drogen, die wir heute kennen, der körperliche Verfall grauenhaft.“ Dr. Martina Harbrink-Schlegel hat nahezu alle Formen von Drogenabhängigkeit durch ihre Tätigkeit für die „Werkstatt im Hinterhof“ am lebenden Menschen studiert. Die Folgen des Konsums von „Crystal Meth“ jedoch, jenem synthetisch hergestellten Teufelszeug, das spätestens nach dem jüngsten Kiel-Tatort auch einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff ist, jagt selbst der auf die Behandlung Drogenkranker spezialisierten Ärztin kalte Schauer über den Rücken. Und umso erleichterter ist Harbrink-Schlagel, das für „Crystal“ im Märkischen Kreis bisher kein größerer Markt existiert – noch nicht. Denn sicher sind sich die Ärztin und „Werkstatt“-Chef Achim Rabenschlag, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, dass auch in Iserlohn und Umgebung die Zahl der Meth-Abhängigen deutlich zunehmen wird.

Günstige Droge spricht vor allem junge Nutzer an

Denn das vergleichsweise günstige „Crystal“, das zumeist aus osteuropäischen Ländern über den süddeutschen Raum ins Land gelangt, ist durch seine euphorisierende und leistungssteigernde Wirkung eine Droge, die voll und ganz dem Zeitgeist entspricht und insbesondere Jüngere und Anhänger der Ecstasy-Kultur anspricht. „Das ist nicht die Klientel, die unsere Einrichtung besucht“, hebt Sozialarbeiter Rabenschlag hervor, dass es sich beim „Werkstatt“-Publikum zumeist um ältere, seit Jahren abhängige Drogenkranke handelt, die nicht den schnellen Kick suchen. Dennoch: Auch bei den ärztlichen Kontrollen in der Einrichtung an der Oberen Mühle, die Dr. Harbrink-Schlegel regelmäßig im Rahmen des Substitutions-Programms vornimmt, wurde bei einer Handvoll Patienten Crystal-Konsum festgestellt. „Die Betroffenen waren selbst überrascht und erschreckt“, berichtet die Ärztin, während Achim Rabenschlags Erklärung für dieses Phänomen ebenso einleuchtend wie erschreckend ist: „Das Zeug wird als Streckmittel für andere Drogen verwendet, so dass der Konsument keine Ahnung hat, dass er Crystal Meth nimmt. So versuchen Dealer, sich einen Markt zu erschließen.“ Während aber die Werkstatt-Szene über einen internen Warnmechanismus verfügt, der dafür sorgt, dass Drogenhändler, die sich solcher Methoden bedienen, keine Käufer finden, sind junge und im Konsum süchtig machender Stoffe unerfahrene Menschen höchst gefährdet. „Wer keine Erfahrung und Vergleichsmöglichkeit hat, kauft den gestreckten Stoff weiter – mit allen gefährlichen Folgen“, sagt Achim Rabenschlag: „Wir sind natürlich grundsätzlich gegen Drogenkonsum. Wenn aber jemand sich nicht vom Erwerb abbringen lässt, dann sollte er wenigstens so clever sein, sich nicht an einer x-beliebigen Quelle zu versorgen, sondern bei Menschen, die er auch persönlich kennt.“

Für Martina Harbrink-Schlegel steht derweil fest – nicht nur angesichts der Crystal-Meth-Problematik – dass die Drogenprävention deutlich verstärkt werden muss, beginnend an Schulen: „Ich halte die Aufklärungsarbeit für sehr ausbaufähig, legale und illegale Drogen werden an Schulen viel zu selten thematisiert. Aus meiner Sicht müsste es dazu Pflichtveranstaltungen geben, zumal sich beim Zigarettenkonsum gezeigt hat, dass Aufklärung durchaus etwas bringt.“ Optimal wäre es aus ihrer Sicht überdies, wenn es eine niedrigschwellige und dementsprechend basisnahe „Paralleleinrichtung“ zur AWO-Werkstatt gäbe, die insbesondere das jüngere Publikum als Zielgruppe hat.

Stefan Tertel, Vorsitzender der Drogenberatung (Drobs) im Märkischen Kreis, hätte Crystal Meth indes vor drei Monaten noch nicht als problematisches Thema eingestuft. „Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur einen Klienten, der in Süddeutschland bereits in Behandlung gewesen war und dann nach Iserlohn gezogen ist. Diese Person war angeheuert worden, den Markt im Märkischen Kreis auszubauen“, so Tertel. Dies hätte man allerdings unterbinden können. Mittlerweile hingegen sei aber der Kreis kein weißer Fleck mehr, was die Verbreitung von Crystal Meth anginge. „Die Droge wird immer mehr zum Thema“, so Tertel. In Sachen Präventionsmaßnahmen werde sich allerdings nichts ändern. „Wir werden mit dieser Droge genauso umgehen, wie mit jeder anderen auch.“

Schäden nicht immer sofort deutlich zu erkennen

Die verheerenden Schädigungen, die die Droge dem Menschen zufügt, seien nicht von der Hand zu weisen. Allerdings seien diese in Deutschland nicht immer sofort und so schnell zu erkennen, wie auf den vielen Fotos, die im Netz und den Medien kursieren. „Die Fotos von Menschen, deren Zähne komplett verfault sind, sind in Deutschland nicht das typische Symptom. Auf Fortbildungen zu diesem Thema berichteten die Kollegen aus Bayern immer wieder darüber, dass die Schädigungen in Deutschland nicht so schnell sichtbar wären wie in Amerika. Dies hängt nicht zuletzt mit der besseren Vorsorge zusammen“, so Tertel.