Bürokratiemonster ärgert die Betriebe

Kreishandwerksmeister Christian Will (links) und Hauptgeschäftsführer Dirk Jedan (rechts) im Gespräch mit Gastredner
Kreishandwerksmeister Christian Will (links) und Hauptgeschäftsführer Dirk Jedan (rechts) im Gespräch mit Gastredner
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Mit Hans Peter Wollseifer, dem Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, konnte die Kreishandwerkerschaft am Freitag bei ihrem 23. Jahresempfang im Berufsbildungszentrum an der Handwerkerstraße einen Hochkaräter als Gastredner begrüßen.

Iserlohn..  Die steigende Zahl von Asylbewerbern in Deutschland war am Freitagmorgen auch Thema beim Jahresempfang der Kreishandwerkerschaft. „Flüchtling ist kein Beruf“, sprach sich Gastredner Hans Peter Wollseifer als Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks beim nunmehr 23. Empfang im Berufsbildungszentrum an der Handwerkerstraße dafür aus, Asylbewerbern einen Zugang zur Ausbildung im Handwerk und damit zugleich eine Lebensperspektive in ihrem Gastland zu verschaffen. Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, so Wollseifer, sei „Teil der DNA“ des Handwerks, die Ausbildung von Flüchtlingen zwar nicht die Lösung der Fachkräfteproblematik, wohl aber ein humanitärer Auftrag der Betriebe. „Ich rede hierbei nicht von denjenigen, die von unserem Sozialsystem profitieren wollen oder denen, die unsere Werteordnung nicht respektieren, sondern von den Menschen, die vor Krieg und Krisen flüchten müssen, die ehrgeizig sind und aktiv sein wollen“, fand Wollseifer deutliche Worte vor seinem hochkarätigen Auditorium, in dem neben dem Landrat und den Bürgermeistern der Region auch die heimischen Landtags-, Bundestags- und Europaabgeordneten ebenso vertreten waren wie JU-Vorsitzender Paul Ziemiak.

Keine guten Noten für die Große Koalition

Hans Peter Wollseifer nutzte seine halbstündige Redezeit, um nahezu alle handwerksrelevanten Politikfelder abzuarbeiten. Keine guten Noten gab der 59-Jährige der Großen Koalition. Deren Wahlgeschenke, darunter zuvorderst die Rente mit 63 Jahren, seien Gift und schädlich für die Binnenkonjunktur. Durch die „staatlich verordnete Frühverrentung“ werde der Fachkräftebedarf der Betriebe dramatisch verschärft und die Generationengerechtigkeit missachtet. „Unsere Umlagesysteme werde das nicht auf Dauer verkraften können“, prophezeite der Zentralverbands-Präsident, der zudem Nachjustierungen beim Mindestlohn forderte. Insbesondere die Kontrollmechanismen wie etwa die Dokumentationspflicht seien wahre „Bürokratiemonster“. Wollseifer sprach sich alternativ hierzu für anlassbezogene Prüfungen und Meldestellen bei den Hauptzollämtern aus.

Politischen Mut und vor allem mehr Volumen forderte der Mann aus Köln, der als gelernter Maler- und Lackierer einst das väterliche Unternehmen übernahm, bei der staatlichen Auftragsvergabe.

Mehr Mut und Volumen bei Infrastruktur-Investitionen

Die vom Bundesfinanzminister angekündigten 10 Milliarden für zusätzliche Investitionen zwischen 2016 und 2018 seien zwar ein Schritt in die richtige Richtung, reichten aber bei weitem nicht aus. „Für eine moderne Infrastruktur im Verkehrswesen und bei der Informationstechnologie, die die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg darstellt, brauchen wir gerade auch für den ländlichen Raum den großen Wurf.“ Um eben jenen auch bei der Jahrhundertaufgabe Energiewende landen zu können, seien steuerliche Anreize zur Gebäudesanierung erforderlich, die sich letztlich selbstständig finanzieren würden.

Nach einem Plädoyer für den Meisterbrief, der die Grundlage für die hohe Leistungsfähigkeit des deutschen Handwerks sei und den der Zentralverband gegen alle Angriffe aus Europa verteidigen werde, wandte sich Hans Peter Wollseifer dem Bildungssystem zu. Angesichts dessen, dass mittlerweile 54 Prozent aller Schulabgänger ein Studium aufnähmen, gleichzeitig aber fast ein Drittel vorzeitig die Hochschulausbildung abbreche, werde deutlich, dass das Abitur nicht das „allein selig machende“ sei. Bedrohlich sei auch der Lehrermangel in den sogenannten MINT-Fächern. Bis 2020, so der Gastredner, werde damit gerechnet, dass nur noch rund 20 Prozent der freien Pädagogenstellen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich besetzt werden können. „Wer soll unseren Auszubildenden dann noch die nötigen Vorfertigkeiten vermitteln.“

Konjunktur und Binnennachfrage stabil

Als „überwiegend positiv“ hatte Kreishandwerksmeister Christian Will zuvor die Stimmung im heimischen Handwerk beschrieben. „Die Konjunktur ist stabil, die Binnennachfrage zeigt keine Abnutzungserscheinungen.“ Zwar fänden gewerbliche Investitionen aktuell eher „gedämpft“ statt, ein Abschwung sei aber hieraus nicht abzuleiten. Ebenso wie Wollseifer jedoch übte auch Will Kritik an der Politik der Großen Koalition, die „nicht konjunkturfördernd“ sei. Dank sagte der Kreishandwerksmeister hingegen der Stadt Iserlohn, die – einzigartig in Südwestfalen – bereits vor zehn Jahren eine eigene Rathausabteilung zur Bekämpfung der Schwarzarbeit eingerichtet habe. Die Schattenwirtschaft, so Will, sei kein Kavaliersdelikt und verursache ebenso Steuerausfälle wie Mindereinnahmen bei den Sozialabgaben in Milliardenhöhe. Vor diesem Hintergrund sei das Iserlohner Engagement vorbildlich und ein Beispiel, dem andere Städte nacheifern sollten.