Bissig dem Zeitgeist auf der Spur
19.10.2011 | 16:49 Uhr 2011-10-19T16:49:00+0200
Gesellschaftskritik üben, unbequem sein, anprangern, den Leuten den Spiegel vorhalten, Politiker spöttisch durch den Kakao ziehen, karikieren, übertreiben, mit Wörtern jonglieren, Mut, Biss und Witz haben, ins Schwarze treffen. All dies sollte eine Kabarettist können. Wilfried Schmickler beherrscht es mit Bravour. Das hat er am Dienstag im voll besetzten Parktheater bewiesen.
Er hat sogar Angela Merkels Stimme gar nicht schlecht nachgeahmt und hörenswerte Lieder mit anspruchsvoller Poesie gesungen (leider klang der instrumentale Hintergrund zu blechern und zu laut). Vor allem hat Schmickler der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten, hat uns entlarvt als mutlos, ängstlich und bequem. Als Spießbürger, die in einer Welt voller Gier und Neid nur darauf bedacht sind, ihren Wohlstand zu sichern und im „Gelduntergang“ den Weltuntergang sehen. Die sich den Veränderungen nicht stellen, die nicht für soziale Gerechtigkeit aufstehen, sondern nach dem Motto „Augen zu und durch“ an einer Welt festhalten, die es so schon nicht mehr gibt.
Der Kabarettist spottete über die verhätschelte Jugend („ein Haufen kleiner egomanischer Tyrannen“) und die Entchristlichung der Gesellschaft. Wer das Wort Kar-Woche höre, denke heute eher an Autosalon, Car-Sharing oder „Car-Glass“ als an Jesus. Dem Schrumpfen der Kirchen stellte er bei aller Distanz zu Thilo Sarrazin das Anwachsen des muslimischen Bevölkerungsteils gegenüber. Schmickler mahnte mehr „Fertilitätsübungen“ in den Schlafzimmern der deutschen „Eingeborenen“ an. Sonst „wird im Jahr 2100 das Kalifat Deutschland ausgerufen.“
Mit politischen Tagesthemen hielt sich Schmickler wenig auf, er ging dem Zeitgeist auf den Grund. Dabei traf er oft den Nerv. Und er scheute sich nicht, weh zu tun. Die katholische Kirche („Mag der Christ den Herrgott loben, der Missbrauch kommt von oben.“) stellte er auf eine Stufe mit der Mafia und anderen kriminellen Vereinigungen.
Schmickler war sich aber auch nicht zu schade, einen zotigen Witz einzustreuen oder über TV-Kochsendungen zu frotzeln. Er machte sich über die mangelnde Qualität von Lebensmitteln und notorische Raser auf der Autobahn lustig. Mit bissigem Spott brach er eine Lanze für die als „Mörder gebrandmarkten Raucher“.
Das Publikum hatte an diesem Abend viel zu lachen, es dankte mit reichlich Szenenbeifall und einem kräftigen Schlussapplaus. Und es nahm viel Stoff zum Nachdenken mit nach Hause.
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