Auf den Spuren von Hitlers Testament

Ein Blick in die Van-Hees-Straße, der damaligen Rosenstraße. In dem Garten hinter dem rechten Haus mit der blauen Tür wurde 1945 Hitlers Testament vergraben.
Ein Blick in die Van-Hees-Straße, der damaligen Rosenstraße. In dem Garten hinter dem rechten Haus mit der blauen Tür wurde 1945 Hitlers Testament vergraben.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Marieluise Spangenberg gräbt einen Geheimdienst-Krimi aus, der in einem Iserlohner Garten endet.

Iserlohn..  Ein Geheimnis ist es im Grunde nicht. 1955 wurde erstmals publik, dass eine der drei Anfertigungen des politischen Testaments von Adolf Hitler nach dem Krieg in Iserlohn gefunden wurde. Nur kann sich offensichtlich niemand mehr daran erinnern – außer Marieluise Spangenberg. „Ich habe in letzter Zeit mit sehr vielen Iserlohnern darüber gesprochen“, sagt die ehemalige Kulturamtsleiterin. Die Geschichte vom Hitler-Testament sei aber niemandem bekannt gewesen. Dabei verbirgt sich dahinter ein richtig spannender Geheimdienst-Krimi, der im Januar 1946 in einer Nacht- und Nebelaktion an der damaligen Rosenstraße – der heutigen Van-Hees-Straße – sein Ende fand.

Auch bei Marieluise Spangenberg war der spektakuläre Fund aus der direkten Nachkriegszeit ein wenig in Vergessenheit geraten. Im vergangenen Jahr hatte sie aber in dem englischen Literatur-Magazin „Times Literary Supplement“ eine Rezension des Kriegstagebuchs des englischen Historikers Hugh Trevor-Roper gelesen, der das dritte Exemplar des Testaments seinerzeit in Iserlohn ausfindig gemacht hatte. Und da stieß sie erneut auf diese Geschichte, die sie nun unter Hinzunahme weiterer Quellen haarklein recherchiert und bei einem Vortrag im Iserlohner Stadtarchiv vorgestellt hat.

Hitlers letzter Wille aus dem Führerbunker

Ausgangspunkt ist der Führerbunker in Berlin, wo Hitler am 29. April 1945, einen Tag vor seinem Selbstmord, ein politisches Testament verfasst hat. „Im Grunde steht nur Quatsch darin“, sagt Marieluise Spangenberg. Neben der genauen Regelung seiner Nachfolge in allen Ministerien mit Karl Dönitz an der Spitze, erkläre darin, dass das Weltjudentum verantwortlich für den Kriegsausbruch gewesen sei und dass das deutsche Volk unermüdlich weiter kämpfen solle. Dennoch war dieses Schriftstück natürlich von allerhöchster Wichtigkeit, so dass es in drei Ausfertigungen an drei verschiedene Adressen gehen sollte: An Dönitz selbst, an die NSDAP-Zentrale in München und an Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, der die militärische Führung nach Hitlers Tod übernehmen sollte.

Unter den drei Boten, die die drei Ausführungen des Testaments überbringen sollten, befand sich auch der aus Iserlohn stammende Willy Johannmeyer. Der damals 30-Jährige hatte sich zuvor mehrmals sowohl an der Westfront als auch im Russland-Feldzug ausgezeichnet und wurde immer wieder befördert, bis er schließlich am 1. Juni 1944 als Heeresadjutant ins Oberkommando des Heeres berufen wurde und im direkten Umfeld Hitlers an den täglichen Lagebesprechungen teilnahm. Er hatte die Aufgabe, eines der Testamente zu Ferdinand Schörner zu bringen, der die deutschen Truppen in Prag zusammengezogen hatte.

An dieser Stelle erzählt Marieluise Spangenberg eine abenteuerliche Geschichte, bei der sich die drei Boten zunächst in Berlin durch U-Bahn-Schächte hinter die russischen Linien durchschlagen mussten, um zu einem Stützpunkt der Hitler-Jugend an der Havel zu gelangen und von dort aus zur Pfaueninsel zu paddeln. Dort sollten sie von einem Flugzeug abgeholt werden, das aber direkt unter Beschuss geriet und ohne die Boten wieder davon flog. Allerdings konnten sich die drei auf eigene Faust retten und zur 9. Armee am Westufer der Havel durchschlagen. Das war am 1. Mai. Am zweiten Mai hatte Berlin kapituliert, der Krieg war für die dortigen Truppen aus, und Willy Johannmeyer wanderte unerkannt als Fremdarbeiter getarnt nach Hause nach Iserlohn. Dort angekommen hat er das Testament im Juni 1945 in einem Einweckglas im Garten an der damaligen Rosenstraße 3 vergraben.

Hochrangiger Nazi-Offizier auf einem Kalthofer Bauernhof

Dort würde es vermutlich heute noch liegen, wenn der britische Geheimdienst nicht einen anderen Boten in die Finger bekommen und bei ihm das erste, im Anzugfutter eingenähte Exemplar gefunden hätte. Dieser Bote hatte auch von den beiden weiteren Ausführungen gesprochen. Um die Echtheit der Testamente zu prüfen und um die Recherchen zur Auffindung der anderen Exemplare zu übernehmen, wurde schließlich jener Hugh Trevor-Roper nach Deutschland geholt, auf dessen Kriegstagebücher Marieluise Spangenberg im vergangenen Jahr aufmerksam geworden war.

„Leider gibt es aber über Willy Johannmeyer selbst kaum Quellen“, sagt die 90-Jährige. Von seiner Ehrung mit dem Ritterkreuz gibt es einen begeisternden Zeitungsartikel von 1942. Von der Zeit danach weiß man, dass er Agrarwissenschaften studiert hat und als Diplom-Landwirt noch Karriere bei verschiedenen Herstellern von Ackergeräten gemacht hat. 1970 ist er im hessischen Kelkheim im Alter von 65 Jahren gestorben. Über die Zeit des Kriegsendes weiß man nichts.

Auch Marieluise Spangenberg selbst, die ja zu der Zeit selbst in Iserlohn war, kann sich nicht an ihn erinnern. Dafür weckte ihre Geschichte aber die Erinnerungen bei einer Freundin, die zu berichten wusste, dass sich Johannmeyer direkt nach Kriegsende in eine Lehre als Landwirt auf einem kleinen Bauernhof in Kalthof begeben hatte.

Diese Spur hatte offensichtlich auch der britische Geheimdienst aufgenommen, der den hochrangigen Nazi-Offizier dort verhaften konnte. Erst nach langen Verhören durch Hugh Trevor-Roper hat er schließlich ausgepackt, so dass die Briten im Januar 1946 das letzte der drei Exemplare von Hitlers letztem Willen in Iserlohn ausgraben konnten – um kein Aufsehen zu erregen mitten in der Nacht. „Es wäre nie gefunden worden, wäre Hugh Trevor-Roper nicht so hartnäckig gewesen“, ist sich Marieluise Spangenberg sicher. Und die Iserlohner hätten von dieser längst vergessenen Geschichte nie etwas erfahren, wenn sie selbst nicht in einem englischen Literatur-Magazin gestöbert hätte und anschließend diese umfassenden Recherchen angestellt hätte.