Als Panzer über die Mendener Straße rollten

Dieses Foto zeigt einen Panzer auf dem Schillerplatz
Dieses Foto zeigt einen Panzer auf dem Schillerplatz
Foto: Mönnig Verlag
Was wir bereits wissen
Drei Zeitzeugen erinnern sich an das Kriegsende in Iserlohn: Wie eine Artilleriegranate ein Wohnhaus traf, und wie die Amerikaner die Bevölkerung entwaffneten und Kindern Milchkaramellen schenkten.

Iserlohn..  Als die Amerikaner am 16. April 1945 nach Iserlohn kommen, steht Heinz Kirchheiner in der Tür seines Wohnhauses an der Mendener Straße 72. Irgendwann sieht er einen ersten US-Soldaten an der Ecke Freiligrathstraße auftauchen. Nur langsam und vorsichtig bewegt sich der Mann vorwärts. „Er hatte wohl Angst, abgeschossen zu werden“, vermutet der heute 81-jährige Iserlohner.

Schon am nächsten Tag, nach der Übergabe der Stadt an die Amerikaner an diesem 16. April 1945 – dem Ende des Krieges in Iserlohn – steht ein großer US-Panzer vor der Tür des jungen Kirchheiner, der in seinen Erinnerungen Blick fürs Detail beweist: „Olivgrüne Uniformen und weiche Schuhe – unsere Soldaten hatten ja genagelte Schuhe. Das war schon ein Unterschied zu erkennen.“ Angst habe er keine gehabt. „Die hatte ich eher in den Tagen zuvor, als die Stadt unter Artilleriebeschuss lag. Noch ein paar Tage vorher hatte ein deutscher Panzer vor unserer Tür gestanden. Wir fürchteten, dass unser Haus deshalb einen Volltreffer abbekommt“, so Kirchheiner.

Befreit habe er sich nach der Übergabe der Stadt zunächst nicht gefühlt. „So dachte damals kaum einer, weil niemand alles über die Nazi-Verbrechen wusste und wie es weiter gehen würde.“

Angstvolle Fluchten in Richtung Luftschutzbunker

Rainer Thomas, 1945 drei Jahre alt, erinnert sich, wenn er an die letzten Kriegstage denkt, vor allem an das ohrenbetäubende Geheul der Sirenen in der Nacht: „Eine furchtbare Angst beschlich mich, wenn meine Mutter mit mir Hals über Kopf unser Wohnhaus an der Bergwerkstraße 36 in Richtung des Bunkers nahe der Firma Dossmann verließ. Es war stockfinster, keine Laterne erleuchtete die Straßen.“ Die Fenster in den Häusern seien verdunkelt gewesen – „es war sogar unter Strafe verboten, einen Streichholz oder eine Zigarette anzuzünden“.

Irgendwann wird die Familie der nächtlichen Fluchten müde und verschanzt sich bei den Alarmen im Keller. Aus Richtung Hemer ziehen die Amerikaner den Ring um Iserlohn schließlich enger, draußen dröhnen die Granateneinschläge. Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Schlag, gleichzeitig schiebt sich eine undurchdringliche Staubwolke durch den Keller, in dem sich mehrere Personen verschanzt haben. „Meine Mutter hielt mich fest an sich gepresst.“

Was war geschehen? Eine Artilleriegranate hatte das Haus getroffen. „Unsere Wohnung war heil geblieben“, erinnert sich Rainer Thomas. „Aber die Hauswand war aufgerissen, das komplette Schlafzimmer eines Nachbarn lag völlig zerstört am Boden.“

Irgendwann nach der Kapitulation, wahrscheinlich am 16. April, sieht der damals Dreijährige seinen ersten Amerikaner, ein Soldat mit Gewehr im Anschlag auf der Suche nach Widerständlern – und schwarz. „Alle Kinder hatten im ersten Moment große Angst vor ihm. Doch plötzlich – als er uns Kinder sah – zog ein Lächeln über sein Gesicht.“ Der Mann schenkt den Kindern dann Milchkaramellen – und gleich ist alle Furcht vergessen.

Amerikaner hatten Angst, dass noch etwas passiert

Auch Anneliese Bracht, die heute 91 Jahre alt ist, erinnert sich noch lebhaft an ihre erste Begegnung mit den amerikanischen Soldaten und an den Tag der Übergabe der Stadt. Damals wohnte sie an der Wiesenstraße, Wasser wurde in Oestrich bei einem Gasthof aus einem Brunnen im Keller geholt. Auch deutsche Soldaten sitzen in großer Zahl vor dem Gebäude.

Irgendwann fahren drei US-Panzer vor. Vorsichtig gehen die zahlenmäßig unterlegenen Amerikaner die Reihen ab, in der Absicht, die Deutschen zu entwaffnen. „,Nix Pistolen, nix Pistolen’ hat einer gesagt“, erinnert sich Anneliese Bracht. „Die Amerikaner hatten Angst, dass noch etwas passiert“.

Am Ende geht aber alles gut. Dass noch wenige Tage vor der Übergabe der Stadt deutsche Einheiten die Lennebrücke gesprengt hatten, habe sie erst später erfahren, sagt Anneliese Bracht.