Als die Amerikaner in die Waldstadt kamen

Der Rathausplatz von Iserlohn, fotografiert vom Balkon der Engel-Apotheke aus in Richtung Ohl.
Der Rathausplatz von Iserlohn, fotografiert vom Balkon der Engel-Apotheke aus in Richtung Ohl.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
In den Tagen vor dem 16. April 1945 spitzt sich die Lage rund um Iserlohn zu, der Ruhrkessel schließt sich, die deutschen Einheiten sind eingekreist. In der Heimatzeitung erzählen Zeitzeugen vom Ende des Krieges

Iserlohn..  Am Abend des 13. April 1945 wird es ernst, schreibt Zeitzeuge Erwin Prüßner in seinem späteren Erlebnisbericht, „aus östlicher Richtung war ein dumpfes Grummeln zu vernehmen, das jeden Tag lauter wurde“. Sein Vater ahnte sofort: „Das sind Kanonen“, und das, obwohl der Feind doch aus dem Westen kommen sollte. Prüßner: „Dass wir eingekesselt waren, hatte uns niemand gesagt.“

Über Tage hatte der Beschuss Iserlohns angedauert, die Familie hatte im Keller verharrt, noch in den letzten Kriegstagen werden Panzersperren errichtet, offenbar soll die Stadt noch verteidigt werden. Am Sonntag, 15. April, Spätnachmittag, ist der unselige Krieg zumindest an der Ziegelstraße 17 dann aber vorbei. Das Haus ist umringt von sieben tiefen Bombentrichtern, bis auf kaputte Scheiben aber unversehrt.

„Meinen ersten Amerikaner habe ich noch gut in Erinnerung“, schreibt Prüßner, heute 81 Jahre alt. „Er stand plötzlich in der Kellertür, fuchtelte mit dem Gewehr und verschwand schnell wieder, als er Frauen und Kinder erblickte. Meine Angst war riesengroß, kein Wunder, die Propaganda hatte ja schlimme Dinge vorhergesagt im Falle der Kriegsniederlage.“

Irgendwo zwischen Erleichterung und Angst

Von der Übergabe Iserlohns am 16. April, einem Montag, erfährt Prüßner dann erst später. „Ein unsicheres Gefühl zwischen Erleichterung, Neugier auf die fremden Soldaten und einer dumpfen Angst vor der ungewissen Zukunft herrschte vor, auch bei uns Kindern.“

„Dass die Amis auch Menschen waren, sah ich gleich am Montagmorgen. Als ich aus dem kaputten Fenster nach draußen blickte, sah ich als zuerst ein Ungetüm von Panzer neben dem Haus. Die Besatzung hatte es sich bei schönem Wetter bequem gemacht, hockte oben drauf und flachste rum. Die sahen doch ganz friedlich und freundlich aus.“

Für die Familie geht der Krieg verhältnismäßig glimpflich aus. Nur dem Vater, der im Krieg das in der Ziegelei eingerichtete Gefangenenlager verwaltet, nehmen die Amerikaner seine Taschenuhr samt Kette ab. Nach kurzer Haft kommt er schnell wieder frei, weil sich ehemalige Gefangene für ihn stark machen.

Mit der Übergabe Iserlohns und dem baldigen Ende der Kriegshandlungen beginnt für Prüßner und die anderen Kinder eine „spannende, von Angst nicht mehr geprägte abenteuerliche Zeit“.

Der erste Gang in die Stadt ist aber doch ein Schock: „Fabrik Dossmann kaputt, die Häuser links und rechts auch, die Turnhalle der Wittekindschule niedergebrannt (...).“ Unter den Toten befindet sich auch „Frau Heuer“, Erwin Prüßners Lehrerin aus den ersten Schuljahren.

Noch nicht schulpflichtig ist in den letzten Kriegstagen der damals fünfjährige Udo Wiedemeyer. „Wir hatten den Bunker (heute: Stollen) an der Läger schon seit einigen Tagen nicht mehr verlassen“, erinnert er sich. „Die Gänge gingen von dort bis unter den Mühlenberg.“ Jeweils etwa zur Hälfte ist der Platz mit Zivilisten und Soldaten des Hilfszuges Bayern belegt.

Die Aufgabe von letzterem ist das Betreiben einer Küche in der nahen Reithalle, um die Bevölkerung im Ruhrgebiet zu versorgen, die unter den Bomben der Alliierten ächzt.

Als dann Hauptmann Albert Ernst am 16. April die Stadt an die anrückenden Amerikaner übergibt, wird auf den öffentlichen Gebäuden und auch auf der Reithalle die weiße Fahne gehisst. „Die amerikanischen Panzer kamen dann von Kesbern eingefahren“, erinnert sich der heute 76-Jährige. „Wir Kinder mussten dann mit Alten und den Frauen vor den Bunker. Wir haben uns gefühlt wie menschliche Schutzschilde.“

So ganz trauen die Amerikaner dem Frieden aber noch nicht, nur meterweise schleichen sie sich deckungnehmend heran. Ein junger Amerikaner fordert schließlich die Soldaten „in merkwürdigem Dialekt“ auf, herauszukommen.

Am Ende geht es gut, die nächsten Tage verbringt Wiedemeyer im Keller der Großmutter am Mauerweg. „Es waren ja auch nach der Übergabe noch Schüsse zu hören.“

Weil die Amerikaner Waffenbesitz fortan nicht mehr dulden, versenken Wiedemeyer und seine Mutter gar zwei historische Vorderladergewehre aus Zeiten der Iserlohner Mai­revolution gegen die Reichsverfassungskampagne von 1849 in den Stadtsteichen. „Ich erinnere mich, dass die bis oben hin voll waren mit Kriegsmaterial.“

„Der Niedergang war auch bitter. Wir hatten Furcht“

Anneliese Pehle, heute 90 Jahre alt, arbeitet in den letzten Tagen des Krieges im Gesellschaftshaus Harmonie am Poth, wo damals Flüchtlinge untergebracht sind. „Meine Aufgabe war es unter anderem, sie vom Bahnhof abzuholen.“

Dann endlich kommt das Ende, der 16. April 1945. „Trotz allem war es ein tiefer Einschnitt, diese Niederlage.“ Man habe ja aus der Jugend nichts anderes als das Dritte Reich gekannt. „Es war auf eine Weise auch bitter, den Niedergang mitzuerleben. Wir hatten große Furcht, wussten nicht, was kommt. Unsere ausgemachten Feinde hatten jetzt das Sagen.“

Als die Amerikaner dann schließlich das Elternhaus am Gerlingser Weg passieren, ist die damals junge Frau irritiert – einige der Amerikaner hatten „die Arme bis oben hin voll mit Uhren“ und sich mit bunten Chiffon-Tüchern behangen. „Einer sah aus wie ein schwebender Paradiesvogel.“ Ihr Verhältnis zu den neuen Machthabern bleibt lange gespalten, dennoch ist da große Erleichterung. „Wir hatten zu lange im Keller gehaust.“