„Ich mag das Überschaubare“
20.02.2010 | 13:00 Uhr 2010-02-20T13:00:00+0100
Im Wohnraum von Rudi Jörg-Fromm hängen Pläne. Sie zeigen: die Kommunen der Kulturhauptstadt 2010, das Liniennetz von Bussen und Bahnen, eine Übersichtskarte von NRW, das geographische Relief der Schweiz. „Ich mag das Überschaubare“, sagt der Mann aus Zürich.
Sein Appartement liegt im siebten Stock des Doppelhochhauses; vom Balkon, der etwa die Breite eines Wasserkastens hat, blickt er auf die Kreuzung Dickswall / Tourainer Ring und weit darüber hinaus. Jörg-Fromm (68), ehemaliger Berufsschullehrer, befindet sich seit fünf Jahren im Ruhestand, wie man so sagt. „Ich habe bis jetzt ein sehr beständiges Leben geführt“, meint er, „bin seit 41 Jahren verheiratet, wohne seit 37 Jahren in Zürich, immer im selben Stadtteil.“
Eines Tages las er in einer großen Tageszeitung, für das Projekt „2-3 Straßen“ würden Teilnehmer gesucht. „Und da spürte ich, dass noch etwas drin liegen könnte.“ Drin liegen: in seinem Leben.
Seine Ehefrau nahm das Vorhaben offenbar erst zu dem Zeitpunkt richtig ernst, als der Mietvertrag für das Appartement in Mülheim unterschriftsfertig war. „Sie war nicht sehr erfreut“, erklärt Jörg-Fromm, es habe eine Aussprache gegeben – und dann riskierte er den Schritt. Dass seine Frau mitzieht an die Ruhr, stand nie zur Debatte, zumal in Zürich zwei kleine Enkelkinder regelmäßig von ihr betreut werden.
Für Rudi Jörg-Fromm, der das Überschaubare schätzt, war der Umzug nach Mülheim keine Fahrt ins Blaue. Er hatte im Herbst bereits einmal den Projektstandort bereist, war „an der Ruhr promeniert“, hatte sich das Hochhaus angeschaut, die Umgebung. Und das, was er sah, gefiel ihm.
Sein Zuhause in Zürich ist eine Altstadtwohnung im zweiten Stock. „Das ist auch komisch“, findet er, „dort bin ich bestens eingerichtet, hier kam ich in eine leere Wohnung.“ Zwei Koffer brachte der Bahnreisende mit, die Möbel – Tisch, Bett, Regal aus stabiler Pappe – erstand er vor Ort. Fündig wurde er auch beim Diakoniewerk an der Georgstraße (er spricht vom „Brockenhaus“), wo sie Gebrauchtmöbel verkaufen.
Bei der Ausstattung seiner Küche mit dem nötigsten Zubehör half die Nachbarin von gegenüber: „Sie hatte gehört, dass ich mit dem Zug angereist bin, und hat mir rausgesucht, was sie entbehren konnte. Geschirr oder auch Pfannenlumpen.“ Topflappen, würde der Mülheimer sagen.
Die vergangene Woche hat Jörg-Fromm wieder in Zürich verbracht und beim Skilanglauf im Jura-Gebirge. Jetzt ist er zurück in Mülheim, trägt ein kariertes Hemd, Hausschuhe an den bloßen Füßen, und überlegt, was er – fern der Heimat — vermisst. „Meine Frau“, erklärt er dann, und: „Wenn ich nicht zurückgehen könnte, dann würde ich Zürich sicher vermissen. Aber hier kann ich eigentlich alles machen, was ich gerne tue.“
Er hat vor, sich im Fitness-Studio anzumelden, und ist an der VHS für einen Englischkurs eingetragen, der im März beginnt. Er war auch schon viel unterwegs: im Theater in Düsseldorf, beim Weltkulturerbe Zollverein, im Kino, bei einem Workshop der Mülheimer Klimainitiative, zweimal im hiesigen Jazzclub, der ihm offenbar zusagt: „Sehr angenehm, finde ich, da fühlt man sich wohl.“ Als nächstes will er sich ein „Velo“ anschaffen („Fahrrad sagt man ja hier“), und nebenbei entsteht in seinem Wohnraum eine Kunst-Installation aus drei Teilen: einer Hängematte aus Fallschirm-Nylon („hier kannst du deine Seele baumeln lassen“), einem Reisekoffer und einer Aluminiumleiter. Letztere hat Rudi Jörg-Fromm allerdings gerade als Leihgabe weggegeben: Eine Nachbarin wollte Gardinen aufhängen.
06:27
Das Liniennetz von Bussen und Bahnen kann der gute Mann schon mal einstampfen. Wenn überall gespart wird, dann ja auch bei den wenig ertragreichen Linien. Nach Bonans Plan soll das Liniennetz der MVG ausgedünnt werden (0,5 Mio Euro). Andere Städte werden dem Beispiel folgen.