Wohngemeinschaft mit Würgeschlange
19.07.2009 | 15:26 Uhr 2009-07-19T15:26:00+0200
Holzwickede. Schuld war Old Shatterhand – darin ist sich Jörg Woltermann sicher. Denn als er im Winnetou-Klassiker „Im Tal des Todes” erstmals das Klappern der Klapperschlangen hörte, wusste er sofort: Die kriegst du auch.
Damals war Woltermann noch ein kleiner Junge. Heute, knapp 40 Jahre später, wohnt der 1,96 Meter große Mann mit 30 Schlangen, einer Schnappschildkröte und zahlreichen Mäusen unter einem Dach.
2,8 Meter Eitelkeit räkeln sich hinter der Badezimmertür – schließlich kommt nicht jeden Tag die Presse vorbei. Da muss auch eine Boa Constrictor zusehen, dass sie sich schick macht. Lautlos gleitet die getigerte Schlange aus der Wanne, schlängelt sich Richtung Tür. Woltermann greift nach dem Tier, scheint die 14 Kilo mühelos hochzuheben. Ein Jahr schon wohnt die Boa nun bei ihm und hat noch immer keinen Namen.
Jürgen Woltermann hat ein konkretes Ziel: Er möchte ein kleines, privates Tropenhaus in der Gemeinde eröffnen.
Der Experte schätzt: Allein in Holzwickede gibt es 250 Haushalte, in denen Reptilien leben – unter ihnen auch ein vier Meter langer Waran.
Beim City-Spaß des Aktivkreises Holzwickede, der vom 28. bis 30. August stattfindet, wird Woltermann einen Infostand haben. Auch die namenlose Boa wird dann dabei sein.
„Braucht sie auch nicht”, erklärt der Reptilien-Experte. Darauf würde sie sowieso nicht reagieren. Schließlich sind Schlangen quasi gehörlos. Nur Schwingungen können sie wahrnehmen. Die tiefe Bassstimme von Woltermann scheint angenehm zu schwingen. Die 2,8 Meter langen Boa schmiegt sich an ihn, kriecht durch seinen Westenärmel, verknotet sich in seinen Armen. Zuneigung? „Nein, für die bin ich nicht mehr als ein warmer, großer Baum.”
Woltermann betrachtet sein Hobby mit der notwendigen professionellen Nüchternheit. Reptilien seien keine Schmusetiere – dafür gibt es Hunde und Katzen. Die anspruchsvollen Exoten stellen ihre Besitzer vielmehr vor große Herausforderungen. Richtige Temperatur, korrekte Befeuchtung, ausgewogene Ernährung. Ein paar Mausklicks im Internet reichen zwar, um die Reptilien bei dubiosen Händlern zu bestellen, nicht aber, um sich umfassend über die korrekte Haltung zu informieren. Ein Problem, dass dem 52-jährigen immer häufiger begegnet. Denn Woltermann kommt immer dann ins Spiel, wenn überforderte Reptilienhalter aufgeben (müssen). Er nennt sich selbst scherzhaft „Kreis-Kriechtierwart”, wird von den Behörden angefordert, wenn Schlangen oder Echsen ausgebüchst sind. Sein Handy klingelt aber auch, wenn die Staatsanwaltschaft oder der Tierschutz Reptilien beschlagnahmt. Woltermann nimmt sie dann auf, kümmert sich. Den Exoten fehlt es bei dem 52-jährigen an nichts – außer am Namen.
»Gebissen wurde ich erst ein einziges Mal«
Während die Boa weiter züngelt, wird es im Nebenraum laut. Die Klapperschlangen klappern um die Wette. Ein Geräusch wie Musik in Woltermanns Ohren. „Gebissen”, so versichert er glaubhaft, „wurde ich erst ein einziges Mal. Ich bin eine 120 Kilo-Kante. Da verteilt sich das Gift nicht so schnell im Blutkreislauf”, erklärt er lachend. Drei Tage Schmerzen und noch mehr Respekt vor den Tieren waren die Folge. Gegengift hat er nicht im Haus – dafür aber einen weiteren Schlangenexperten. Auch sein Wohnungsnachbar teilt das Reptilienhobby. Ein Vorteil: Denn wenn es die medizinische Versorgung der Tiere verlangt und Woltermann eine der Gift-Schlangen anfassen muss, ist der Nachbar immer dabei – zumindest live am Handy. So ist schnelle Hilfe garantiert.
Ausgebüchst ist dem Reptilien-Experten übrigens noch nie ein Tier. Nur innerhalb des Terrarien-Raumes hat es schon einige Male Vermisste gegeben. Kurzzeitig versteht sich. Denn der Experte weiß sich zu helfen. Bei großen Tieren streut er Mehl auf den Boden und übt sich am nächsten Tag als Spurensucher. Bei kleinen Tieren hilft Honig: Der lockt erst an und lässt die Leichtgewichte dann festkleben. Einfach. Praktisch. Gut. Bei der 14 Kilo Boa wäre dieser Trick wohl unangebracht. Aber die getigerte Schlange hat ohnehin keine Fluchtpläne in ihrem kleinen Kopf. Sie hat in dem provisorischen Reptilienhaus All-inclusive gebucht. Bei „Schlangen-Wolle” bekommt sie regelmäßig ihre zwei Kilo Putenfleisch, darf in aller Seelenruhe verdauen und manchmal, aber nur ganz manchmal, ein Entspannungsbad nehmen. Eitelkeit auf 2,8 Metern eben.
0mitdiskutieren