Gepanzerter Patient in der Röhre
09.02.2012 | 18:46 Uhr 2012-02-09T18:46:00+0100
Holzwickede.Ein ungewöhnlicher Patient wanderte gestern im Zentrum für Veterinärmedizinische Radiologische Diagnostik (VMD) an der Wilhelmstraße durch die Röhre: 33 kg schwer, etwa 60 cm lang und 40 cm breit. Mit ihren knapp 40 Jahren ist die Sporenschildkröte aus der Sahelzone gemessen an ihrem erwarteten Lebensalter gerade mal im besten Vorschulalter. „Große Landschildkröten wie diese erreichen ein Lebensalter von 150 Jahren plus X“, sagt Elmar Meier, Schildkröten-Experte des Allwetterzoos Münster. „Die Lebensjahre kann man übrigens auf dem Panzer der Tiere ablesen. Da bilden sich Jahresringe wie bei einem Baum.“
Gemeinsam mit den beiden Tierärzten Carsten Ludwig und Tina Risch brachte Meier das Sporenschildkröten-Männchen gestern nach Holzwickede, um das gepanzerte Reptil im Kernspin- sowie Computertomographen untersuchen zu lassen.
Grund: Das Schildkrötenmännchen frisst nicht mehr richtig, „setzt auch nicht ab“, kurz: Verdacht auf Verstopfung. Da Schildkröten wie diese zumeist Trockennahrung (Heu) zu sich nehmen, neigen die Tiere zu Verdauungsproblemen.
So ungewöhnlich der gepanzerte Patient gestern auch war. Gerade mit Schildkröten kennt man sich im Holzwickeder VMD gut aus. „Wir haben schon häufig Schildkröten hier gehabt, wenn auch nicht so große“, erklärt Daniela Franz, Medizinisch-Technische Assistentin im VMD. „Gerade erst haben wir über einhundert Schildkröten für eine wissenschaftliche Masterarbeit gescannt.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen tierischen Patienten, die durch die Röhre müssen, hätten Schildkröten einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen nicht narkotisiert werden. „Die laufen ja nicht weg. Schildkröten kann man aufbocken wie ein Auto mit dem Wagenheber“, schmunzelt die VMD-Mitarbeiterin,
Allerdings: Große Landschildkröten haben auch sehr viel Kraft in ihren Beinen. Und nur noch die Galapagos- und Seychellen-Schildkröten werden größer als die Sporenschildkröte. Deshalb brachten ihre drei Begleiter aus dem Allwetterzoo gestern auch gleich ein ganzes Arsenal von Fixiermaterial mit. Doch alle Beteiligten hatten Glück: Die Schildkröte konnte mitsamt der großen Plastikwanne, in der sie transportiert wurde, geröntgt werden. Die Wanne passte millimetergenau durch die Röhre der Diagnosegeräte. „Glück gehabt“, freut sich Daniela Franz. „Das war ganz stressfrei für das Tier und auch für uns.“ Für ihren Plan B hatten die Zoomitarbeiter auch einen großen Bettbezug mitgebracht, in den das Tier verpackt worden wäre. „Notfalls hätten wir das Tier aber auch auf etwa 12 Grad herunterkühlen können“, meint Carsten Meier. „Je kühler es ist, desto ruhiger werden die Tiere. Schildkröten sind wechselwarme Tiere. Die passen sich den Außentemperaturen an.“ Temperaturen so zwischen 10 und 35 bis 37 Grad seien eigentlich kein Problem für die Tiere und entsprechen ihren natürlichen Lebensbedingungen in der Sahelzone.
0mitdiskutieren