Dr. Kawashima jobbt im Rathaus
02.11.2009 | 18:14 Uhr 2009-11-02T18:14:00+0100Holzwickede. Er kann sich die Reihenfolge der Karten aus zwei kompletten Spielen oder 360 Binärzahlen in nur fünf Minuten einprägen und fehlerfrei hersagen. Für „Wetten dass...” reichte das locker.
Doch der Anspruch von Carsten Diete ist höher: In wenigen Tagen wird er an der Weltmeisterschaft der Gedächtniskünstler in London teilnehmen. Dort will er sich – natürlich unter Zeitdruck – eine 500-stellige Zahl merken.
„Eine 420-stellige habe ich heute morgen vor dem Dienst schon geschafft”, schmunzelt der Mitarbeiter aus der Finanzsteuerung der Gemeindeverwaltung. Noch viel unglaublicher: Der 38-jährige Vater von drei kleinen Kindern hat erst vor acht Monaten mit solcher Gehirnakrobatik angefangen. „Für meine Kinder bin ich auch schon früher immer auf der Suche nach sinnvollen Spielen wie Memory, Puzzles oder PC-Spielen gewesen”, erzählt Diete, der auch schon ein Spiel selbst entworfen hat für seinen Nachwuchs. Bei der Suche im Internet, wo zahllose Spielchen a la Dr. Kawashimas Gehirnjogging boomen, stieß er auch auf seriöse Foren und Seiten von Gedächtniskünstlern und Memory-Sportlern.
Es gibt ganz verschiedene Memo-Techniken, erläutert Carsten Diete. Allen gemeinsam ist: Man verbindet abstrakte Zahlen oder Begriffe immer mit Bildern und Vorstellungen. Je verrückter die Assoziationen desto besser.
Ein Beispiel für die Bildertechnik, die Zahlen mit Begriffen verbindet bzw. codiert: 1 = Kerze oder Baum; 4 = Auto (Zahl der Räder) 9 = Kegeln (alle Neune) 2 = Zwillinge. Die Jahreszahl der Entdeckung Amerikas (1492) könnte man sich also so merken: Auf dem Schiff von Christoph Kolumbus wächst ein Baum (1) unter dem ein Auto (4) zu einer Kegelbahn (9) fährt, auf dem Zwillinge (2) kegeln wollen.
Bei der Routentechnik codiert man diese Bilder mit einem bestimmten Weg (Reihenfolge), etwa von den Zehen, über Achillessehne und Schienbein, dann hoch zum Knie und Oberschenkel über Po bis zur Brust und Kopf. Kontakt zu Carsten Diete: 0163 3120602.
„Da habe ich mir dann die ersten Tipps und Techniken abgeschaut”, berichtet Diete. „Damit konnte ich mir dann gerade eine zehnstellige Zahl merken.” Es reichte, um „Blut” zu lecken. Er stieg tiefer in die Materie ein, las sich auch in Fachliteratur ein und konnte rasch eine 30-stellige Zahl memorieren. Schon nach nur drei Monaten war der Familienvater so gut, dass er an den Deutschen Meisterschaften der Gedächtniskünstler in Hamburg teilnehmen konnte, wo er 14. von 23 Teilnehmern wurde. Für die WM trainiert er zurzeit täglich 30 bis 60 Minuten. „Die simplen Techniken und Methoden, mit denen man solche scheinbar unglaublichen Gedächtnisleistungen vollbringen kann, faszinieren mich einfach”, gibt Diete zu. „Eigentlich müsste sie jeder Pädagoge und jedes Schulkind kennen.” Mit der entsprechenden Technik sei es auch für kleinere Kinder gar kein Problem, sich 20 Vokabeln in wenigen Minuten zu merken. „Dafür gibt's normalerweise schon eine Eins.” Völlig verrückt: Sein Gehirnjogging verbindet Diete mit täglichem Ergotraining auf einem Fahrrad im Keller. „Ich habe mir da etwas gebaut, so dass ich beim Radfahren am PC arbeiten und im Internet surfen kann.” So vollbringt Diete seine schier unglaublichen Gedächtnisleistungen unter erschwerten Bedingungen bei einem Puls von 130 und der Schweiß fließt in Strömen. Seine Kinder bezog Carsten Diete von Anfang an ins Gehirnjogging ein. Aber immer ist das oberste Prinzip: „Es darf keine Anstrengung sein und muss Spaß machen.”
Inzwischen vermittelt Carsten Diete sein Wissen in Kursen und Seminaren nebenberuflich auch an andere – vor allem Kinder. Verblüffend: Nach nur wenigen Minuten Übung können selbst Acht- oder Zehnjährige sich schon elfstellige Handynummern merken und noch Tage später aufsagen. „Es kommt nur auf die richtige Technik an”, versichert Diete. „Dann können das auch Kinder und es macht ihnen sogar noch Riesenspaß.”
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