„Nicht selbstgefällig, sondern wahrhaftig“
05.08.2012 | 18:58 Uhr 2012-08-05T18:58:00+0200
Hohenlimburg. Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag Mitte der 90er Jahre, als ein Pennäler vor meinem Schreibtisch stand und fragte, ob er ein Praktikum machen dürfe: Es war Simon Urban aus Berchum. Zwischenzeitlich hat er seinen ersten großen Roman herausgegeben und dafür Lob von nationalen und internationalen Kritikern erhalten. Diese Zeitung sprach mit dem ehemaligen freien Mitarbeiter.
Frage: Eine geniale Idee – grandios – brillanter Debütroman oder ein doppelt fantastischer Roman. Witzig zu lesen: Die Rezensionen national und international anerkannter Kritiker waren begeisternd und euphorisch zugleich. Hat Dich diese überwältigende Resonanz erschlagen?
Simon Urban: Erschlagen hat sie mich zum Glück nicht. Aber dass die professionelle Kritik fast einhellig positiv war, hat mich auf jeden Fall überrascht und natürlich sehr gefreut. „Plan D“ will schließlich nicht nur ein unterhaltsamer Thriller, sondern auch politische Literatur sein. Dass so eine Mischung in Deutschland Anklang findet, ist nicht unbedingt zu erwarten. Diesen Ansatz ordnet man gemeinhin eher den Amerikanern zu. Um so schöner, dass die Rezensenten nett zum Roman waren
Wie lange hast Du an diesem Roman gearbeitet, und wann ist Dir die Idee gekommen, die „Wiederbelebung der DDR“ zum Mittelpunkt des Buches zu machen?
Die Idee ist mir auf einer meiner zahlreichen Zugfahrten von Hamburg nach Leipzig gekommen, wo ich von 2006 bis 2009 am Literaturinstitut studiert habe. In dieser Zeit musste ich wöchentlich die frühere innerdeutsche Grenze überqueren und hab gleichzeitig einen Roman gelesen, in dem ebenfalls Weltgeschichte umgeschrieben wird. Diese Mischung war offenbar inspirierend. Mir war sofort klar, dass es eine einzigartige Chance ist, die Geschichte der DDR über 1989 hinaus fortzuschreiben. Und dass es früher oder später jemand anderes macht, wenn ich es nicht versuche. Also habe ich rund zwei Jahre in jeder freien Stunde an dem Roman gearbeitet. Erst parallel zu meinem Job als Werbetexter, nachdem ich gekündigt hatte dann als Arbeitsloser und Schriftsteller.
Was hat sich für Dich nach dem Erscheinen dieses Romans geändert?
Was sich wirklich verändert hat: Ich habe jetzt einen Verlag. Und dann auch noch einen wirklich tollen. Aktuell ist da also ein Verleger, der sich meine Manuskripte gerne anschaut – und das ist nach Jahren des Verlage-Hinterherrennens ein großes Glück. Ich hoffe, es bleibt jetzt eine Weile so. Was sich noch geändert hat, ist meine persönliche Perspektive für den Brotberuf des Schriftstellers. Es gibt jetzt zum ersten Mal eine kleine Chance, diesem Ziel in den nächsten Jahren Schritt für Schritt näher zu kommen.
Hohenlimburger Leser finden zahlreiche bekannte Hohenlimburger Namen wieder: Kriegbaum, Brendel, Quellmann oder Jähn und andere. Was hat Dich motiviert, diese in Dein Erstlingswerk einzubauen? Hast Du bereits Feedback von den noch lebenden Hohenlimburgern bekommen?
Ich habe Namen aus meinem privaten Umfeld verwendet, wenn sie mir einfach gut gefallen haben – oder wenn ich mir einen Spaß machen wollte. Den Namen Brendel zum Beispiel mag ich einfach. Die Figur, die so heißt, hat sonst nichts mit dem real existierenden Herrn Brendel, meinem früheren Mathe-Lehrer vom Gymnasium Hohenlimburg, zu tun. Zu den anderen Fällen gehört beispielsweise mein Freund, der Hagener Fett-Produzent Sven Seifer. Der ist in der DDR der Gegenwart Inhaber einer Fastfood-Kette und brät Wart-Burger und Magde-Burger. Das passt doch super. Im Fall von Doktor Quellmann und Klaus-Peter Kriegbaum ist es vielleicht eher eine Hommage.
Sind aufgrund dieses lokalen Bezuges die Verkaufszahlen unterm Schlossberg besonders hoch?
Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Verkaufszahlen mit der individuellen Begeisterung eines Buchhändlers für einen Titel stehen und fallen. Es gibt in Stuttgart eine Buchhandlung, die hat allein letztes Jahr mehr als 120 Exemplare des Romans verkauft, obwohl ich keinen Bezug zu Stuttgart habe und „Plan D“ als Hardcover nicht gerade billig ist. Wie sehr Liffers mein Debüt mag, ist mir nicht bekannt.
Wie haben Deine Eltern reagiert, nachdem sie das Buch gelesen haben? Einige Passagen sind sehr obszön und somit nicht der literarische Geschmack eines jeden Konsumenten?
Meine Mutter ist Kummer gewohnt. Man kann nicht auf der einen Seite Literatur schreiben wollen und sich auf der anderen Seite Vokabeln, Ausdrücke oder Motive verbieten, die in einen bestimmten Text gehören, die er erfordert – auch, wenn nicht jeder sie gerne liest. Sprache ist dazu da, um benutzt zu werden. Und ein Roman sollte nicht gefällig sein wollen, sondern wahrhaftig. Selbstzensur gibt es also nicht. Das Vulgäre hat ja bei mir eine Funktion. Und wer, bitteschön, nimmt mir einen ermittelnden Mittfünfziger ab, der solo ist und zwei Wochen lang nicht ein einziges Mal an Sex denkt? Kein Mensch.
Worauf dürfen sich die Leser freuen? Gibt es bereits Ideen für einen weiteren Roman?
Zur Zeit arbeite ich an etwas Mittellangem, es ist allerdings keine Fortsetzung von „Plan D“ und hat auch nichts mit der DDR zu tun. Wenn der Text fertig ist, liest ihn, wie immer, zuerst meine Mutter.
Und wenn nicht zu viele Obszönitäten drin sind, darf ich ihn bestimmt meinem Verleger zeigen. Wie der das findet – da bin ich auch gespannt.
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