Hagen rechnet mit deutlichen Mehreinnahmen aus Vergnügungssteuer
26.11.2009 | 10:00 Uhr 2009-11-26T10:00:00+0100
Hagen. Hagen ist klamm. Deshalb ist die Nachricht, dass die Einnahmen aus der Vergnügungssteuer in diesem Jahr voraussichtlich um 500 000 € auf etwa 1,9 Mio. € steigen werden, auf den ersten Blick eine gute. Tatsächlich aber ist es kein Gewinn für die Stadt.
„Wer mehr Automaten in seiner Kommune zulässt, wird auch mehr Süchtige haben”, sagt Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der Landesfachstelle Glückspielsucht NRW.
Füchtenschnieder referierte am vergangenen Wochenende beim 12. Vernetzungstreffen der Spielerselbsthilfegruppen in NRW, das im Falkenrothhaus in Haspe stattfand. Rund 60 Sprecher solcher Gruppen waren gekommen, um sich auszutauschen und neueste Erkenntnisse zum Thema Glückspielsucht zu diskutieren, aber auch über die dramatisch zunehmende Computerspielsucht.
Vor etwa 20 Jahren hat sich in Hagen die Selbsthilfegruppe gegründet, die Treffen finden donnerstags von 17 bis 19 Uhr beim Blauen Kreuz in der Voerder Straße statt. Die meisten der Mitglieder waren automatenspielsüchtig, haben Mark um Mark, Euro um Euro in den Geräteschlitzen versenkt. „Glückspielsucht ist die teuerste Sucht überhaupt”, weiß Füchtenschnieder. Das „Spiel” treibt die Menschen in den Ruin. Es gewinnen letztlich nur die Aufsteller der Geräte, die Betreiber von Gaststätten und Imbissbuden, die eine „Pacht” bekommen — und die Kommunen, die über die Vergnügungssteuer auch einen Anteil kassieren.
Ein Problem ist, dass Automaten rechtlich als Unterhaltungsmedium betrachtet werden und unter das Gewerberecht fallen, anders als Lotto, Toto oder Oddset. Im Automatenbereich hat die Fachstele kaum Einfluss, Trends zu begegnen. Einer ist, dass sich verstärkt „Casinos” ansiedeln - wenn es die Kommunen zulassen, oft in Randlagen oder Gewerbegebieten.
Mehr Automaten, mehr Sucht, mehr Geld - auch für klamme Kommunen. Auf mehr Einnahmen aus Vergnügungssteuer zu setzen, um ein bisschen den Haushalt zu konsolidieren, ist verlockend. Den Steuersatz anzuheben ist okay. Nicht aber, die Einnahmen über weitere Konzessionsvergaben zu steigern.
Mach Dein Glück, heißt ein Werbeslogan einer staatlich anerkannten Lotterie. Wer einmal einen Blick in eines der „Casinos” wirft, der wird am Ende des Tages keine glücklichen Gesichter vor den immer schneller rotierenden Walzen der Automaten erkennen. Es macht keinen Unterschied, ob in der Pommesbude, in der halbdunklen letzten Ecke der Spielhölle oder im glänzenden Casinoambiente, egal ob am Stadtrand oder in der City.
Aktuell gibt es auch eine Anfrage für ein sogenanntes Casino mitten in der Hagener City. Noch gelte laut Bebauungsplan von 1987 eine Beschränkung für die Hagener Innenstadt. Zwar heißen die meisten ehemaligen Spielhallen hier mittlerweile auch „Casino ...”, an ihrem Ambiente hat sich aber wenig geändert. Im Theater-Karree möchten die neuen Besitzer gerne ein Casino auf 2000 qm Fläche eröffnen. Vielleicht auf einem Viertel oder Drittel sei geplant, Automaten aufzustellen, sagt Baudezernent Thomas Grothe, der gestern mit den Investoren noch Gespräche führte. „Die Stadt ist natürlich froh um jedes Invest, aber letztlich ist es eine politische Entscheidung”, weiß Grothe.
Beim Blauen Kreuz ist eine Entscheidung bereits gefallen. Ab 2010 wird ambulante Therapie in Hagen angeboten - Glücksspielsucht ist nicht umsonst seit 2001 eine anerkannte Krankheit.
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