Abschiedsbrief an einen Briefträger
09.02.2012 | 17:24 Uhr 2012-02-09T17:24:00+0100
Herscheid, den 10.2.2012
Liebe lockte in die Ebbegemeinde
Oder kiloschwere Pakete aus dem rückwärtigen Teil des Postautos wuchten und zum Kunden bringen. Dann wieder zurück Autotür auf, rein und weiter zum nächsten Haus.
Wie dramatisch sich das System „Deutsche Bundespost“ mit den Jahrzehnten verändern würde, hätten Sie und Ihre Ausbilder sich bei Ihrem Berufseintritt am 1. April 1963 nicht in den kühnsten Träumen vorgestellt. „Postschaffner zur Anstellung“ hieß das, was den damals 13-jährigen Plettenberger in den kommenden drei Jahren erwartete. Telegramme mit dem Dienstfahrrad vom Maiplatz nach Pasel bringen oder die zur Verschickung notwendigen Eisenbahn- und Überlandverbindungen auf die Minute zu kennen, alles das war Pflicht.
Anfang der 1970er Jahre verschlug es Sie erst vertretungsweise nach Herscheid, wo Sie Ihre spätere Ehefrau Gundi kennenlernten und so in der Ebbegemeinde heimisch wurden. Alle Zustellbezirke, erzählten Sie einmal, lernten Sie kennen. Und natürlich das Schieferhaus am Neuen Weg, das – lange Jahre unter Leitung von Alfred Knittel – Stützpunkt der Postler in Herscheid war.
Mit seinem Schalterraum, zu dem eine öffentliche Fernsprechkabine gehörte und die von Hartmut Wuttke so liebevoll auf neuestem Stand gehaltene Briefmarken-Schautafel. Unsichtbar für die Kunden im hinteren Bereich das Terrain der Zusteller. Doch die Zeiten, in denen jeder Brief, jede Karte einzeln in die Hand genommen und nach Hausnummern geordnet werden musste sind längst vorbei. Heute erledigt das die Sortieranlage in Hagen. Überhaupt hat mit Aufkommen erst von Faxgeräten, dann Kurznachrichten tauglichen Handys und Elektronischer Post via Computer die Zahl der Sendungen deutlich abgenommen. Von Auszahlung der Renten oder Kassieren des Zeitungsgeldes und Rundfunkgebühren ganz zu schweigen.
Trotz ständig steigender Anonymität: Mit den Jahren und Jahrzehnten haben Sie sich zwar in Sachen Freundlichkeit und Zuverlässigkeit überhaupt nicht, optisch aber doch ein wenig verändert. Nicht mehr mit der blauen Postmütze auf dem Haupt, dafür aber mit grauer werdendem Vollbart, kecker Brille auf der Nasenspitze und einem schwarz-gelben Strickmützchen – passend zu den Farben der Post oder zu Ihrem Lieblings-Fußballverein Borussia Dortmund, sei einmal dahin gestellt. Aber hoffentlich können Sie das Jahr Ihrer Pensionierung als das in Erinnerung behalten, in dem Ihr BVB zum zweiten Male hintereinander Deutscher Meister wurde.
Im Ruhestand gibt’s keine Langeweile
Für den neuen Lebensabschnitt, den Sie ja mit Renovierungsarbeiten am eigenen Häuschen, Spaziergängen mit Tibet-Terrier „Alfred“, ganz besonders aber mit Kanufahren auf heimischen Gewässern oder dem Yukon im fernen Alaska, beim Bogenschießen oder Fahrten mit dem als Wohnmobil eingerichteten Bully Richtung Skandinavien füllen möchten, wünsche ich Ihnen, bestimmt auch im Namen der Bewohner des gesamten Zustellbezirkes, alles Gute und an erster Stelle Gesundheit.
Ihre wirklich dankbare
Claudia Homuth
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