Gangsta-Rapper Decino : Sein Revier ist das Revier
Klischees sind natürlich nicht unproblematisch, aber trotzdem: So hätte man sich das Zuhause eines Gangsta-Rappers nicht vorgestellt.
Bickern, eine Zechensiedlung. Im Flur vor seiner Wohnungstür steht – eine rote Plastikpflanze. Decino ist ein guter Gastgeber, bietet Cola und Zigarette an. Nun sitzt dieser Mann mit im Fitness-Studio aufgepumpten Armen und zuweilen bösem Blick in seinem studentisch-schmucklosen Wohnzimmer und sagt Sätze wie: „So einen wie mich gibt's in Deutschland kein zweites Mal.” Oder: „Ich bin der Einzige, der auch danach aussieht, als könnte er jemandem wirklich das Gesicht brechen.”
Snaga, Pillath, Manuellsen und Decino
Snaga (Gladbeck), Pillath (Gelsenkirchen), Manuellsen (Mülheim) und Decino – sie sind die bekanntesten Vertreter des Ruhrpott-Rap. Warum sie dennoch kaum einer kennt? HipHop sei stigmatisiert, sagt Decino.
„Es ist schwierig für mich, bei der breiten Masse anzukommen”, wobei ihn sein selbstgewähltes Image nicht eben zum Sympathieträger prädestiniert. „Die Musik trennt stärker als Religion”, so Decino. Nur vier, fünf Kollegen gebe es, die in TV und Radio gespielt werden. „Weil Bushido oder Sido keine echten Gangsta-Rapper sind. Die machen Popmusik.”
Decino, 29, ist ein Star, ohne von der breiten Öffentlichkeit beachtet zu werden. Ein Rapper, der mit Sido auf Tour war und mit Samy Deluxe Stücke aufgenommen hat. Wenn er, wie er sagt, „McFit geht” oder Aldi, dann wird er von 16-Jährigen erkannt, doch wer nie HipHop hört, kennt auch Decino nicht. Im Winter soll sein neues Album erscheinen. „iPott” wird es heißen und eine Konstante im Leben Decinos fortsetzen: Das Revier ist sein Revier, und das Leben in hiesigen Brennpunkten beschreibt er auch in seinen Texten. Da heißt es dann: „Auch wenn ich viel Geld mache – ich bleib auf dieser Straße – ich liebe sie, auch wenn ich die Welt hasse.”
Oder er singt von seinem eigentlichen Beruf im „Security-Bereich”: „Hast Du ein Problem? Meld Dich, für Geld lös ich es – Schlagen, würgen, hinterm Wagen schlürfen – mein Job, das Leben eines harten Türken”.
Mit 14 fing Decino an, der eigentlich Fuat heißt und in Eickel aufwuchs, Raptexte zu verfassen. Seit 18 arbeitet er als Bodyguard. Millionäre hat er beschützt und Wirtschaftsgrößen, hat in schicken Hotels übernachtet und in ausgezeichneten Restaurants gespeist. „Da bin ich in Bereiche reingekommen, zu denen ich normalerweise gar keinen Zutritt hätte.” Trotzdem, wichtiger waren ihm Jobs bei Sido, Fler und anderen etablierten Rappern. Auf Konzerten lernte er Produzenten kennen, die erkannten Talent und Vermarktbarkeit des Deutsch-Türken. Zusammen mit dem Mülheimer Hip-Hopper Manuellsen drehte er ein Video, da war alles drin: dicke Autos und Machogehabe und viel Geld und natürlich nackte Frauen – wie man's auf MTV zuweilen sieht. Wie viel davon Fuat war und wie viel Decino? Er pflege sein Schläger-Image, das gibt er zu. „Aber ich habe das Video mit meinen Freunden gedreht. Die Leute kenne ich wirklich, die Autos gehören wirklich uns, und die Frauen habe ich wirklich alle . . .”
Obwohl es also gut läuft für Decino, obwohl ihn große Clubs buchen und kleine Jungs Autogramme wollen, trotz all dem wohnt er in einem Bickeraner Mietshaus. Die Musikindustrie kriselt, und der HipHop hat's besonders schwer. Die überwiegend minderjährigen Fans kaufen keine CDs, sie ziehen alles aus dem Internet. Geld ist so nicht zu machen, die Künstler müssen sich anders finanzieren. Durch Konzerte etwa oder den Verkauf von Fan-T-Shirts. Wohl auch deswegen hat Decino schon zwei Tourneen gespielt. Nächstes Jahr wird es wieder eine geben. „Die Bühne und der Applaus sind Suchtfaktoren”, sagt Decino. Sollte er dennoch nie in die allererste Rapper-Liga aufsteigen, es brächte ihn nicht um. „Ich brauche die Musik nicht zum Leben”, sagt er ein wenig trotzig. „Für einen, der aus Wanne-Eickel kommt, habe ich verdammt viel erreicht.”







