Über 200 Tote im Keller des Stalags gestapelt

Über 200 Tote wurden nach der Befreiung des Stalags in Massengräbern vergraben.
Über 200 Tote wurden nach der Befreiung des Stalags in Massengräbern vergraben.
Foto: IKZ

Hemer..  „Frieden weitergeben“ ist am Mittwoch, 14. April, die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Stalag VIa überschrieben. Um 18 Uhr wird am Stalag-Gedenkstein vor dem Sauerlandpark an das Kriegsende in Hemer und das Leid im Hemeraner Mannschaftsstammlager erinnert, in dem Zehntausende Kriegsgefangene ums Leben kamen.

Im Oktober 1939 war das Mannschaftsstammlager in der noch im Rohbau befindlichen Kaserne in Betrieb genommen worden. Es wurde während des Zweiten Weltkriegs zu einem der größten Lager in Deutschland. „Von September 1939 bis April 1945 haben weit über 200 000 Kriegsgefangene - darunter geschätzt 160 000 sowjetische - bis zu ihrer Verlegung, ihrem Tod oder ihrer Befreiung diesem Stammlager angehört“, schreibt der Historiker Hans-Hermann Stopsack. Von Hemer aus wurden die Kriegsgefangenen für den Arbeitseinsatz vor allem im Bergbau „verwaltet“. In den letzten Wochen vor der Befreiung waren 23 000 Gefangene inhaftiert.

Was am 14. April 1945 geschah, haben Heimatforscher für die Dokumentation über das Kriegsgefangenenlager aufgearbeitet. Die kampflose Übergabe des Lagers war unter anderem ein Verdienst von Hauptmann Edmund Weller, der den amerikanischen Truppen entgegengefahren war und sie über das Lager informiert hatte. Über die Befreiung schreibt Hans-Hermann Stopsack (Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Autors).

„Die Übergabe des Stalag VI A erfolgte formell am frühen Nachmittag des 14. April an Oberstleutnant Dailey bzw. um etwa 16 Uhr an die Kampfgruppe Wemple des 17. US Panzer-Bataillons. Die Amerikaner ließen nicht zu, dass Kriegsgefangene durch das Lagertor in die Stadt liefen. Bei der Besetzung des Lagers hatte ein Panzer der Kampfgruppe Wemple jedoch unabsichtlich ein Loch in den Zaun des Lagers gerissen aus dem sofort Gefangene zur Stadt herausströmten.

Nach der Version von Gubarew handelte es sich bei dem Schlupfloch um eine Beschädigung im Zaun, die bei dem Beschuss am 11./12. April entstanden war. Ein kleiner Teil der im nördlichen Zeltlager untergebrachten Gefangenen sei dadurch entwichen. Als an anderen Stellen Gefangene in kleinen Gruppen begannen, die Drahtumzäunung durchzuschneiden, stellte Wemple zwei Züge Infanterie sowie leichte Panzer ab, um die Masse der Gefangenen an weiteren Ausbrüchen zu hindern. Die meisten der Ausgebrochenen wurden von den Amerikanern mit Hinweisen auf Essen im Lager oder mit Gewalt zurückgetrieben.

Sofort begannen Arbeiten zur Rettung der Gefangenen

Die Internierung geschah auch zur eigenen Sicherheit der Gefangenen, da sie -fast verrückt vor Hunger - selbst über Tierkadaver herfielen und das von ihnen gierig Verschlungene meist sofort erbrachen. Übergriffe gab es selbstverständlich auch im Lager: Russen plünderten die Küche, und die Magazine wurden durchsucht. Größere Mengen verschimmelten Brotes, die für ein anderes Lager bestimmt waren und von denen die Lagerleitung selbst nichts wusste, sorgten für große Empörung unter den Gefangenen.

Als Augenzeuge schildert der sowjetische Gefangene Nikolai Gubarew die Situation nach der Übergabe des Lagers: „Sofort nach der Befreiung des Lagers begannen die Arbeiten zur Rettung der Gefangenen. Die Leichen der Gestorbenen mussten mit amerikanischen Armeefahrzeugen aus dem Block 5 des Lagers herausgeschafft und zur Identifizierung auf eine Wiese vor dem Lager gelegt werden. Wer von den Gefangenen noch gehen konnte, brach allerdings sofort aus dem Lager aus und suchte in den Kellern der umgebenden Häuser nach Lebensmitteln. Mit den unmöglichsten Bekleidungsstücken angetan, wurden dann die erbeuteten Lebensmittel ins Lager zurückgebracht. Im Nu gingen an allen Ecken und Enden des Lagers Feuer an, auf denen die Speisen zubereitet wurden. Eine Gruppe amerikanischer Ärzte und Sanitäter versorgte die kranken Gefangenen in schnell errichteten Zelten. Wasser wurde wieder ins Lager geschafft“.

Die Amerikaner fertigten eine Liste der Gefangenen. Unter den 23 302 Gefangenen befanden sich 19 411 Russen und 2 753 Franzosen. Von ihnen wurden wegen Tuberkulose, Typhus, Ruhr und Unterernährung 9 000 als Lazarettfälle eingestuft.

Die Amerikaner verpflichteten deutsche Gefangene und NS-Parteimitglieder, Massengräber für die mindestens 200 Toten, die im Keller des Blocks 5 bis unter die Decke gestapelt lagen, auszuheben. In den ersten Tagen nach Übergabe des Lagers starben noch 816 Gefangene an Krankheit oder Entkräftung.