Ruhiges Händchen für Kunstwerke auf der Haut

Dieser Kunde entschied sich für einen klassischen Adler auf seiner linken Schulter und folgte damit keinen aktuellen Tattootrend.
Dieser Kunde entschied sich für einen klassischen Adler auf seiner linken Schulter und folgte damit keinen aktuellen Tattootrend.
Foto: IKZ

Hemer..  Es ist schon lange nicht mehr nur ein Körperschmuck für Seemänner, Ex-Knackis oder andere harte Kerle. Tätowierungen sind zu einem echten Massenphänomen geworden. Doch welches Motiv an welcher Stelle gestochen wird, ändert sich ständig. Nämlich auch das ehemals zwielichtige Geschäft mit der heißen Nadel wird, wie die Bekleidungsindustrie, von Trends bestimmt. Während man die Jacke aus der vergangenen Saison allerdings einfach wegwerfen oder verkaufen kann, bleibt die Tinte unter der Haut ein Leben lang. Ein guter Grund, sich genauestens mit den Trends auseinanderzusetzen und vielleicht doch ein wenig Abstand von ihnen zu nehmen – denn wer erfreut sich heutzutage noch an seinem „Arschgeweih“ auf dem Steißbein?

Kultmotive der Neunziger schon lange „out“

Wenn man die Hemeraner-Tätowiererin Karina Zutter fragt, kaum noch ein Mensch. Das Arschgeweih gehört nämlich definitiv zu den Auslaufmodellen der Tattooszene. „Ich glaube ein Arschgeweih habe ich in den letzten fünf Jahren nicht mehr gestochen.“, sagt die 43-Jährige. Auch die oft gesehenen Asia-Zeichen sind auf einem absteigenden Ast. Doch die Nachfolger der in den Neunzigern so populären Körperkunst-Motiven sind schnell gefunden. Unendlichkeitszeichen, Vögel in jeglicher Art und Weise oder Pusteblumen gehören laut Zutter momentan zu den „Bestsellern“. Angeführt werden sie allerdings von Schrift- und Namenszügen in den verschiedensten Variationen, die den Körper zu einem Poesiealbum werden lassen.

Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, der entscheidet sich in der heutigen Zeit für ein „Sternum“, der absolute Trend bei Frauen der Tattooszene. Dieses Motiv ziert dann das gleichnamige Brustbein und ummalt die weibliche Brust in höchstem Maße. Doch dass solch ein massives Tattoo nicht in jeder Branche gut ankommt, weiß auch Zutter: „Wenn es um solch ein großes Tattoo geht, müssen wir Tätowierer eine beratende Haltung einnehmen, um den Leuten zu verdeutlichen, für was sie sich da entscheiden.“

Denn genau solche modischen Erscheinungen bringen die Gefahr mit sich, in ein paar Jahren wieder als Sünde abgestempelt zu werden und lassen den Träger schnell mit seinem einstigen Lieblinsmotiv hadern. Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, rät die erfahrene Tätowiererin immer eher zu einem individuellen Motiv als zur Modeerscheinung. „Es ist viel schöner, wenn die Kunden einen Wunsch haben, den kein Zweiter auf der Haut trägt“, sagt Zutter, die 1998 mit dem Tätowieren begann. Ihr erstes eigenes Tattoo stach sie sich damals selbst. Völlig unabhängig von einem Trend, wurde es die Comicfigur Tweety, die auch heute noch unter ihrem linken großen Zeh lacht.

Aller Anfang ist schwerbeim Tätowieren

So viel Mut beweisen zu Beginn allerdings nicht gerade viele Tätowierer und starten ihre ersten Versuche lieber auf einer Schweinehaut. „Ich konnte schon immer gut Zeichnen und bewies dabei ein ruhiges Händchen“, sagt Zutter. Wie ruhig dieses Händchen sein musste, erfuhr der IKZ-Autor, als er selbst einmal die Tätowiermaschine in die Hand gedrückt bekam. Nachdem die Haut zuerst komplett entfettet und das Konterfei eines Delfins mit Hilfe einer Art Abziehbildchen auf der Haut positioniert wurde, ging es los. Ein noch lebender Kunde hätte nach den ersten Nadelstichen wohl sofort das Weite gesucht und den Tätowierer wegen Körperverletzung verklagt, die Schweinehaut verzieh allerdings die anfänglichen Schwierigkeiten. Mit der Zeit wurde die Hand des ohnehin zeichnerisch eher unbegabten Tätowierers allerdings ruhiger und die Linien deutlich flüssiger. Nachdem zuerst deutlich zu viel Druck ausgeübt wurde, glitt die Nadel in den letzten Zügen quasi von allein über die kalte Haut. Und ob man es glauben mag oder nicht: letzten Endes war tatsächlich ein Delfin zu erkennen. Zwar mit demolierten Flossen und einem sehr ausgeprägten Auge, aber Ähnlichkeiten waren vorhanden.

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