Modellrechnung gegen Überschwemmungen

Die gewaltige Industriebrache soll verschwinden, nicht nur die ehemalige Fabrik Adolf vom Braucke (rechts), sondern auch die Firma Nadler (links). Fast über das gesamte Areal wird sich voraussichtlich das Hochwasserrückhaltebecken erstrecken, das die Stadt vor Überschwemmungen schützen soll.
Die gewaltige Industriebrache soll verschwinden, nicht nur die ehemalige Fabrik Adolf vom Braucke (rechts), sondern auch die Firma Nadler (links). Fast über das gesamte Areal wird sich voraussichtlich das Hochwasserrückhaltebecken erstrecken, das die Stadt vor Überschwemmungen schützen soll.
Foto: www.blossey.eu

Hemer..  Niemand weiß, ob und wann es eintritt, das sogenannte Jahrhunderthochwasser. Fachleute verstehen darunter ein Ereignis, dessen Ausmaße und Wirkungen aufgrund langjähriger statistischer Erfahrungen hochgerechnet wird. So kann Michael Schriever, technischer Leiter im Stadtbetrieb Stadtentwässerung, eines klar prognostizieren: Wenn das Jahrhunderthochwasser Hemer heimsucht, kann es Schäden anrichten. Deren Ausmaße können jedoch eingedämmt werden. Voraussichtlich besonders betroffen sind 17 Punkte im Stadtgebiet, deren Lage ziemlich genau bekannt sind.

Für ein solches Jahrhunderthochwasser sind eine ganze Reihe von Voraussetzungen zugleich notwendig. Damit der theoretische Ernstfall Realität wird, müsste es äußerst heftig regnen. Und zwar nicht nur kurz, wie beispielsweise bei einem schweren Gewitter, sondern über einen Zeitraum von vielen Stunden oder gar Tagen. Wenn dann der Boden ohnehin schon durch vorherige Niederschläge mit Feuchtigkeit gesättigt ist und kein weiteres Wasser aufnehmen kann, sind die Kapazitäten der Bäche erschöpft, sie treten über die Ufer, und das Wasser sucht sich seinen Weg und Platz dort, wo es nicht hingehört, läuft über Straße und Plätze in Gärten und über Felder, dringt in Keller und Erdgeschosse von Gebäuden ein.

Fülle von Daten ergebenein realistisches BIld

Die Hemeraner Stadtentwässerung hat deshalb in den vergangenen Monaten und Jahren sämtliche Fließgewässer im Stadtgebiet vom Ruhrverband genau kartieren und mittels einer speziellen Computer-Software berechnen lassen, wo die Gefährdungspunkte liegen. Wie groß ist das Einzugsgebiet der Wasserläufe, wie tief, wie breit sind sie, wie stark ist das Gefälle, wie hoch sind die Ufer oder Eindeichungen? All diese Fakten wurden bei der Berechnung hinzugezogen, wobei sich der Ruhrverband hauptsächlich auf vorliegende Daten stützen konnte. Aber es musste vielfach auch ausgerückt und draußen an der Oese, am Westiger Bach, am Deilinghofer Bach und an deren Zuläufen nachgemessen werden. Das Ergebnis war am Ende ein detaillierten Niederschlagsabflussmodell, das die oben genannten 17 Schwachpunkte ausweist.

Oft genügen schon ganzeinfache Schutzmaßnahmen

Edgar Schumacher, der neben dem Umweltamt auch die Stadtentwässerung leitet, warnt aber vor übertriebener Sorge. „Es handelt sich in der Tat meistens nur um einzelne Gebäude, wo wirklich nur der Keller vollaufen und das Jahrhunderthochwasser durch die Haustür eindringen könnte.“ Meistens genügen laut Schumacher da relativ einfache Schutzmaßnahmen, wie spezielle Türen oder Kellerfenster.

Die Modellrechnung ist bereits der Bezirksregierung vorgelegt worden. Beanstandungen und Aufforderungen zur Nachbesserung hat es nur wenige gegeben. Allerdings wird Hemer nur dann für ein Jahrhunderthochwasser gewappnet sein, wenn ein Bauprojekt endlich umgesetzt ist, das schon lange Forderung des Regierungspräsidenten ist: Ein wirksames Hochwasserrückhaltebecken im Ihmerter Tal. Dafür soll der Planungsauftrag in der kommenden Woche vergeben werden, denn die Stadt will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einem die Industriebrache Adolf vom Braucke endlich abreißen und auf dem freiwerdenden Gelände besagtes Becken bauen.

Sowohl die Kosten für den Abriss und die Beseitigung des Schutts und etwaiger Altlasten als auch der Bau des Beckens samt der Renaturierung des derzeit noch auf 380 Metern überbauten Ihmerter Baches gehen in die Millionen und sind ohne Zuschüsse durch die Stadt nicht aufzubringen. Doch die Chancen stehen gut, dass die Gelder in den kommenden zwei Jahren tatsächlich fließen werden, einerseits aus dem Fördertopf des Altlastensanierungsverbandes, andererseits aus der Landeskasse. Das Hochwasserrückhaltebecken wird nicht nur talabwärts bis nach Westig und auch die Innenstadt für Überflutungsschutz sorgen, sondern auch ein Gewinn für die Landschaft sein. Es handelt sich nämlich nicht um ein Gebilde aus Beton, sondern um eine 20 000 Kubikmeter fassende grasbewachsene Erdmulde, die sich nur bei extremem Hochwasser füllt. Der Bach soll sich zudem künftig in sanften Windungen durch das Tal schlängeln, um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren.

Gewölbe unter Gebäude stellt ein unlösbares Problem dar

Einige der kleineren Schwachpunkte des Hochwasserschutzes sind hingegen bereits abgearbeitet. So ist zum Beispiel die Mauer am Sundwiger Bach hinter der Gaststätte Mettgenpin erhöht worden. Und in der Innenstadt sind die Büsche und Bäume im Bett des Hemer Bachs radikal geschnitten worden, weil sie zu große Stauwirkung hätten. An der Brücke am Neuen Markt soll demnächst eine Kante erhöht werden, damit das Wasser dort nicht so schnell über die Brücke schwappt.

Keine Lösung ist hingegen an der Breddestraße in Sicht. Dort liegt ebenfalls eine Brücke zu tief. Bei Untersuchungen wurde dann festgestellt, dass unter dem benachbarten Fabrikgebäude der Bach unter alten Gewölben seinen Weg nimmt. Und die zu erweitern, ist ohne Totalabriss kaum möglich.

Nach den Sommerferien wird die Stadtentwässerung das Gesamtpaket Hochwasserschutz dem Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr vorlegen. Zur Beratung wird auch eine Expertin des Ruhrverbandes in Hemer erwartet.