Große Schau ganz in der Tradition Prinzhorns

Initiator Dr. Peter Bettzieche (v.l) begrüßte zur Ausstellungseröffnung unter anderem als Leihgeber Stephan Dürken und Thomas Schwarm aus Hamburg, Rosi Haase aus Leipzig und Sylvia May
Initiator Dr. Peter Bettzieche (v.l) begrüßte zur Ausstellungseröffnung unter anderem als Leihgeber Stephan Dürken und Thomas Schwarm aus Hamburg, Rosi Haase aus Leipzig und Sylvia May
Foto: IKZ

Frönsberg..  Es ist eine Ausstellung in bester Tradition des Kliniknamensgebers Hans Prinzhorn: 107 Gemälde und Zeichnungen psychisch kranker Künstler sind seit Dienstagabend unter dem Titel „Kunst - irre menschlich“ im Verwaltungsgebäude und den Fluren der psychiatrischen Fachklinik zu sehen. Es ist die bislang größte Ausstellung in der bald 40-jährigen Geschichte der Hans-Prinzhorn-Klinik.

Über ein halbes Jahr lang dauerten die Ausstellungsvorbereitungen, denn die Bilder wurden größtenteils von den Initiatoren Dr. Peter Bettzieche, Ulrich Apolte und Günther Kayser aus verschiedenen Einrichtungen zusammengetragen, persönlich abgeholt, zuvor versichert, teils noch in der Hemeraner Klinik gerahmt und mit Passepartouts versehen. Neben Werken von Künstlern, die der Hans-Prinzhorn-Klinik nahestehen, sind Bilder folgender Leihgeber zu sehen: „Die Schlumper“ Hamburg, „Kunstwerkstatt 18“ Hamburg (Asklepios-Kliniken), „Kunsthaus Kannen“ Münster (Alexianer), „Art Transmitter“ Dortmund, „Durchblick e. V.“ Leipzig.

Kreativtherapie istein wichtiges Feld

Entsprechend vielfältig sind die künstlerischen Motive und Techniken. Von naiver Malerei über akribische Kaltnadelradierungen und Tuschezeichnungen bis zu großformatigen farbintensiven Acrylbildern reicht die Palette. Anhand kurzer Notationen zu den Werken bekommen die Ausstellungsbesucher Einblicke in die Gedanken, Lebenswege und die kreativen Schaffensprozesse der Künstler. „Malen ist für mich eine Form der Meditation und des Experimentierens“, schreibt eine Künstlerin zu ihrer Motivation. Eine andere: „Beim Malen empfinde ich Glück und eine tiefe Zufriedenheit, die mir sonst so gar nicht innewohnt“.

Bei der Vernissage betonte der ärztliche Direktor, Prof. Dr. Ulrich Trenckmann, die Bedeutung der Kreativtherapie, die seit 1988 in Frönsberg erfolgt. „Es gibt in jedem Menschen einen Gestaltungsdrang“. Eine engagierte Kreativtherapie sei daher ein wichtiges Feld. Die Eröffnungsrede hielt Rosi Haase vom Leipziger Psychiatrie-Verein. „Die Arbeiten, die Prinzhorn gesammelt hat, haben die Weltkunst geprägt“, sagte sie. Die Kunst sei der einzige Bereich, der Toleranz für das Anderssein erwarte. Den musikalischen Rahmen gestaltete die Musikgruppe „Die violetten Körner“. Bis zum 22. Juli kann die Ausstellung besichtigt werden.

Zweitägige Fachtagungzur Psychiatrie-Enquete

Die Ausstellung findet anlässlich der „Dortmund-Hemeraner Tage“ statt, einer zweitägigen Fachveranstaltung der LWL-Kliniken Hemer und Dortmund sowie der Wilfried-Rasch-Klinik Dortmund / LWL-Klinik für forensische Psychiatrie. Am Mittwoch und Donnerstag kommen jeweils über 100 Klinikmitarbeiter in Frönsberg zusammen. In diesem Jahr ist das Thema „40 Jahre Psychiatrie-Enquête“. Mit der Psychiatrie-Enquête begann eine Umwälzung der gesamten bundesdeutschen Psychiatrie.

Praktisch alle Bereiche psychiatrischen Handelns wurden nach der Psychiatrie-Enquête starken Veränderungen unterzogen. Insbesondere der Grundsatz „Soviel stationäre Behandlung wie nötig, soviel ambulante wie möglich“ spiegelt sich in den modernen Angeboten psychiatrischer Versorgung wider. In vielerlei Hinsicht machte seither die Entstigmatisierung und Gleichbehandlung psychisch kranker mit körperlich kranken Menschen Fortschritte.

Die Liste der Mängel, mit der die Psychiatrie-Enquête vor 40 Jahren „aufräumen“ wollte, war damals noch lang: Sie umfasste zum Beispiel Bettensäle, hospitalisierte Patienten und zweifelhafte Behandlungspraktiken.