Gedächtnis der Stadt ruht in endlosen Regalen

Leiter des Stadtarchivs Hemer: Eberhard Thomas
Leiter des Stadtarchivs Hemer: Eberhard Thomas
Foto: IKZ

Hemer..  Wer einen der Archivräume im Keller des ehemaligen Kasernengebäudes am Nelkenweg betritt, könnte auf den ersten Blick vermuten, in das Lager eines großen Schuhgeschäftes geraten zu sein. Deckenhohe Regale stehen nebeneinander, gefüllt mit einheitlichen grauen Pappkartons. In den mit Bleistift nummerierten Kartons lagern geordnet Akten aus zwei Jahrhunderten sowie Dokumente aller Art, die zusammen das Gedächtnis der Stadt Hemer ausmachen. Herr dieser dem Laien unüberschaubar scheinenden Sammlung ist Eberhard Thomas, seit 1983 Leiter des Stadtarchivs.

Bis zu jenem Jahr hatten die papiernen Hinterlassenschaften des Verwaltungsbetriebes von Stadt und Amt Hemer im Keller und auf dem Dachboden des Alten Amtshauses gelegen. Der damalige Stadtdirektor Dieter Voß beauftragte den damals 28 Jahre alten Eberhard Thomas, sich des Archivs anzunehmen, auch weil das Westfälische Archivamt die Stadt drängte, in dieser Beziehung endlich seine Hausaufgaben zu erledigen.

Der Siegerländer und studierte Bibliothekar Eberhard Thomas war damals eigentlich von der Stadt als stellvertretender Leiter der Bücherei eingestellt worden. Nach der Entscheidung des Stadtdirektors wurde seine Stelle aufgeteilt: halb Bücherei, halb Archiv. Eberhard Thomas absolvierte entsprechende Lehrgänge, und eine seiner ersten Aufgaben im neuen Job war es, den Transport der Bestände vom Alten Amt in den Anbau des Büchereigebäudes zu organisieren. Mehrere Lkw-Ladungen von Akten wanderten quer durch die Innenstadt. Bis 2003 blieb Eberhard Thomas halb der Bücherei, halb dem Archiv verpflichtet, bis der damals frisch nach Hemer gekommene neue Bürgermeister Michael Esken befand, dass eine ordnungsgemäße Sichtung und Archivierung der alten und neuen Bestände mit einer halben Stelle nicht zu bewältigen sei. Eberhard Thomas wurde zum Vollzeit-Archivar.

Die nächste Zäsur bildete der neuerliche Umzug des Archives von der Innenstadt hinauf in das Gebäude im Sauerlandpark, wo es jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen kulturellen Einrichtungen wie der Volkshochschule, der Musikschule oder der Stalag-Gedenkstätte befindet.

Im Erdgeschoss – im sogenannten öffentlichen Bereich – hat Eberhard Thomas sein Büro, daneben liegt der Leseraum, in dem Besucher Akten oder sonstige archivierte Dokumente einsehen können. Natürlich nur nach vorheriger Anmeldung, denn gesuchte Unterlagen müssen erst herausgesucht werden. Und selbst Eberhard Thomas, der sich in den Beständen auskennt wie kein zweiter, kann das nicht mal eben im Vorbeigehen erledigen.

Die meisten Nachfragen gibt es übrigen nach Personenstandsdokumenten: Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden. Sie reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Interesse daran zeigen zumeist Privatleute, die ihre persönlichen Stammbäume erforschen oder auch Juristen, wenn es um komplizierte Erbschaftsangelegenheiten geht. Aber auch die Verwaltungskollegen aus dem Rathaus brauchen manchmal Informationen, die ihnen nur das Archiv liefern kann. Etlich Regalmeter werden nämlich von alten Plänen oder Unterlagen über längst abgerissene Gebäude oder Industrieanlagen gefüllt. Bei Planungen oder der Klärung, ob Altlasten im Boden lauern können, geben sie unerlässliche Hilfestellung.

In elf Kellerräumen von 15 bis 50 des Gebäudes am Nelkenweg lagern alle Schätze des Archivs. Die Räume bieten beste Voraussetzungen für diesen Zweck. Sie haben keinen oder so gut wie keinen Tageslichteinfall, sie sind das ganze Jahr über kühl, aber nicht zu kalt, auch im Winter. Nur bei strengem Frost muss ein wenig zugeheizt werden. Vor allem aber: die Räume in unterschiedlichen Größen von 15 bis 50 Quadratmetern sind trocken, wie sorgfältige Messungen ergeben haben. Feuchtigkeit ist so ziemlich der schlimmste Feind, von dem so ein hauptsächlich aus Papier bestehendes Archiv bedroht wird. Sollte es dennoch zu einem Rohrbruch oder einer Überschwemmung kommen, stehen im Keller spezielle Kunststoffbehälter bereit, in denen besonders wertvolle Dokumente, die nass geworden sind, geborgen und zur sachgerechten Trocknung geschafft werden können.

Fünf Jahre wird sich der mittlerweile 60-jährige Eberhard Thomas voraussichtlich noch um „sein“ Archiv kümmern. Wer immer seine Nachfolge antritt, wird geraume Einarbeitungszeit benötigen, denn bei aller sorgfältigen Erfassung der Bestände: Das Wissen um das Archiv und die Hemeraner Geschichte, das sich mittlerweile in Eberhard Thomas’ Kopf angesammelt hat, kann nur auf altbewährte Weise weitergegeben werden – durch mündliche Überlieferung.