Freispruch vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs

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Hemer/Hagen..  „This is not fair!“ Mehrmals wiederholte die aus Portugal stammende Mutter unter Tränen diesen Satz, sichtlich schockiert über das Urteil. Die große Strafkammer des Hagener Landgerichts folgte am Dienstag mit einem Freispruch der Forderung von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung und setzte den 34-Jährigen Hemeraner, der sich seit Mitte Dezember wegen schweren sexuellen Missbrauchs an seinem neunjährigen Stiefsohn verantworten musste, aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß.

Sie sei felsenfest von der Schuld ihres Ehemannes überzeugt gewesen, schilderte Richter Marcus Teich in seiner Urteilsbegründung die Gemütslage der Mutter des Neunjährigen. Die Frau war in ihrer Jugend selbst Opfer sexueller Gewalt geworden. Ihre Überzeugung habe sie verständlicherweise in Vernehmungen und auch gegenüber ihrem Sohn nach außen getragen. Genau dieser Umstand erschwere nun aber die Bewertung der Aussage des Jungen, so der Richter.

Unergiebige Beweise

Das Kind hatte zuvor auf Nachfragen angegeben, von seinem Stiefvater über einen Stuhl gelegt und missbraucht worden zu sein. „Es ist nicht mehr auszuschließen, dass das Kind den Erwartungen der Mutter gerecht werden wollte und deshalb diese Aussage gemacht hat“, so Teich.

Alle anderen Beweise, die für die Schuld des Angeklagten sprachen, hatten sich während der gesamten Hauptverhandlung als unergiebig erwiesen. So seien die rektalen Verletzungen des Jungen laut Ärztin nicht eindeutig auf eine Vergewaltigung zurückzuführen, und auch der positive Sperma-Schnelltest an der Bettwäsche konnte durch ausführliche Untersuchungen nicht bestätigt werden.

Zum Gegenstand der gestrigen Verhandlung wurde auch eine Tonbandaufnahme, die die Mutter heimlich im Zimmer ihres Sohnes aufgenommen hatte. Ihrer Meinung nach seien darauf Geräusche zu hören, die die Vergewaltigung des Jungen bewiesen. Bei Abspielen der Aufnahme konnte das Gericht diese Geräusche zwar ausmachen, sie aber nicht eindeutig einem Missbrauch zuordnen.

Keine gezielte Lüge

Eine gezielte Lüge oder gar einen Komplott von Mutter und Sohn, wie der Angeklagte bei einer früheren Vernehmung vermutet hatte, schließt das Gericht entschieden aus: „Wir unterstellen niemandem, hier die Unwahrheit gesagt zu haben.“ Es sei eher eine Verkettung unglücklicher Umstände, die zu dem Strafverfahren geführt hätten.

Die Mutter des Jungen war in der gestrigen Hauptverhandlung noch einmal vernommen worden. Dabei wehrte sie sich entschieden gegen die Vorwürfe ihres Ex und beteuerte, keinen Grund zu haben, ihn unschuldig ins Gefängnis zu bringen. Im Gegenteil: Sie präsentierte dem Gericht mehrere Dutzend Liebesbriefe und Zeichnungen ihres Sohnes, die die frühere intakte Beziehung der Familie beweisen sollten.

Letztlich reichte jedoch die Überzeugung der Frau allein nicht aus, den Hemeraner zu verurteilen. Dieser hatte die Vorwürfe abgestritten und dann während des gesamten Verfahrens geschwiegen. Auch auf den Freispruch zeigte er keinerlei Reaktion. Für die Untersuchungshaft von mehr als sechs Monaten wird er aus der Landeskasse entschädigt.