Einer der letzten Zeitzeugen des Stalag VI A

Sanitäter Maurice Mathey
Sanitäter Maurice Mathey
Foto: IKZ

Hemer/ Mercurey..  Er gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Stalag VI A und konnte am Sonntag in Frankreich einen besonderen Geburtstag feiern: Maurice Mathey ist 100 Jahre alt geworden. Bei der Feierstunde am Sonntag in der Stadt Mercurey, einem Winzerdorf in der Borgogne, erreichten den Jubilar auch Glückwünsche aus Hemer. Bürgermeister Dominique Juillot verlas die Grußworte von Bürgermeister Michael Esken und überreichte ihm ein Geschenk aus Hemer, aus jener Stadt, in der er vier Jahre lang Kriegsgefangener war.

Maurice Mathey hatte durch das Interesse und Engagement seines Sohnes Claude seine Erinnerungen an die Gefangenschaft in Hemer aufgearbeitet. 2012 überreichte der Sohn bei einem Besuch der französischen Angehörigengruppe der Stadt eine 75-seitige Broschüre mit Erinnerungen und Dokumenten. Erstmalig beantwortet der Vater darin seinem Sohn Claude Fragen nach der Kriegszeit. Einige Auszüge aus der Broschüre, die im Stalag-Gedenkraum ausliegt:

Du sprichst von „Leiden“. Worunter müsstest du damals am meisten leiden?

Zuerst unter dem Hunger nach der Festnahme. Wir waren in der Zitadelle von Doullens in der Nähe von Abbeville eingesperrt. Ich war 25 Jahre alt. Dort gab es einen mit Brennnesseln überwachsenen Hügel, wir haben diese in nur wenigen Tagen gegessen. Die Essensrationen waren zu knapp. In der Kriegsgefangenschaft war die Nahrung nicht appetitanregend und sehr einseitig, jeden Tag nur eine Rübenmelasse. Die Pakete, die wir von unseren Familien oder vom Roten Kreuz bekamen, teilten wir unter uns auf, um unsere Mahlzeiten aufzubessern. Leider war dieses nicht der Fall für die russischen Mitgefangenen.

Worunter noch ?

Unter der Trennung von der Familie. Es war Krieg überall, aber wir dachten an die Befreiung, wenn überhaupt, eines Tages… Es gab auch den Austausch Zivilarbeiter gegen Kriegsgefangene. Es gab so viele Gerüchte... Irgendwann war ich mir darüber im Klaren, dass ich das Ende des Krieges abwarten musste. Wir alle haben uns unserem Schicksal ergeben, aber behielten im Hinterkopf diese ewig unbeantworteten Fragen: „Wie lange noch? Wie wird das Ganze enden?“

Und weiter?

Unter der Einsamkeit und dem Freiheitsentzug. Nach meinem Aufenthalt in dem Frontstalag Nr. 172 verbrachte ich den ganzen Winter 1940/1941 im Stalag XVII A in Kaisersteinbrück in der Nähe der Tschechoslowakei. Anschließend im April 1941 kam ich für 3 Jahre und 10 Monate zum Stalag VI A in Hemer. Ein einziges Mal, zu einer besonderen Tätigkeit war ich außerhalb des Stalag in der Stadt abkommandiert zur Umbettung von Leichen russischer Kriegsgefangener auf dem russischen Friedhof am Höcklingser Weg.

Das Stalag-Gelände war innen noch zusätzlich mit Stacheldraht eingegrenzt. Wir, die Sanitäter, waren vom Stalag selbst abgeschirmt und durch Streifenposten bewacht. Ich blieb in dieser Zeit nur in diesem eingezäunten Bereich des dortigen Krankenreviers. Im November 1944 wurde ich nach Dortmund abtransportiert. Wir kamen zum Zeitpunkt eines Luftalarms am Hauptbahnhof in Dortmund an. Plötzlich befanden wir uns alle in einem Bunker: Wachsoldaten, Kriegsgefangene, Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder. Was für ein Schicksal! Vier Monate verbrachte ich in Dortmund, bevor ich in einem kleinen Lager in Iserlohn das Kriegsende erlebte.

Hast du unter Schikane gelitten?

Eigentlich nicht. Als Musiker in einem Infanterie-Regiment bin ich als Sanitäter im Krieg eingesetzt worden und anschließend als Kriegsgefangener war ich dem Aushilfspersonal zugeteilt. In Hemer im Krankenrevier arbeiteten zwei französische Ärzte. Dr. Vives lehnte seine Befreiung ab, um im Stalag als Kriegsgefangener weiter zu dienen und zu helfen. Es gab zwei deutsche Ärzte und zwei deutsche Krankenpfleger. Gelegentlich wurde ein anderer deutscher Arzt hinzugezogen, der den Untauglichkeitserklärungen zustimmte.

Im Krankenrevier waren die Beziehungen untereinander gut, aber die deutschen Ärzte trauten den französischen Ärzten nicht, weil es ihnen gelang, immer wieder durch verschiedene Vortäuschungen, Kriegsgefangene dienstunfähig zu entlassen.

Welche Erinnerungen sind am bedeutendsten?

Erst die Befreiung in Iserlohn. Unvergessene Erinnerungen! Die Festnahme in der Nähe eines Bauernhofes. Wir wurden bombardiert, wir waren gerade dabei, eine Krankentrage zu montieren.

Unter dem Hunger, der Kälte, der Langweile in Kaisersteinbrück gelitten zu haben, weil dort kein Krankenrevier vorhanden war. Arbeiten als Sanitäter war durch die internationalen Konventionen nicht gestattet. Man tat den ganzen Tag nichts.

Die Frustration, die Jugendzeit als Kriegsgefangener im Stalag in Hemer zu erleben, das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen, die Bombardierungen durch die Alliierten nachts in Dortmund.

Und anschließend, wie war die Rückkehr nach Frankreich?

Die Freude, endlich die Familie wiederzusehen und die Freiheit zu genießen. Aber es hat Zeit gebraucht, um sich an ein normales Leben, besonders an eine normale Ernährung wieder zu gewöhnen. Letztendlich hatten wir so viel Zeit verloren, 25 Jahre alt war ich bei Kriegsanfang, älter als 30 nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft. Ich war froh, zu Hause zu sein, froh endlich eine Familie zu gründen, auch wenn die bedrückenden Erinnerungen manchmal plötzlich wieder kamen.

Wie beurteilest du die heutige Entwicklung der Stadt Hemer?

Die Stadt hat sich verändert, wie du es mir beschrieben hast. Es ist normal. Wir haben für unser Vaterland gekämpft, aber besonders für unsere Freiheit. Ich freue mich über die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Die Generationen, die den Krieg und oder die Vorkriegszeit nicht erlebt hat, kann das Glück nicht schätzen, in Frieden in Europa zu leben. Deswegen ist es auch sehr wichtig, sich zu erinnern. Ich würdige sehr die allgemeine Erinnerungsarbeit, die man den jungen Generationen weitergeben muss, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen.

Für Hemer ist es aber ganz speziell. Das Stalag lag so nah an der Stadt, sehr nah an Privathäusern. Ich sah oft über den Drahtzaun eine junge Frau, die Teppiche in ihrem Fenster ausklopfte.

Auch, wenn das Stalag in Hemer an eine besonderes schwere Zeit erinnert, ist die Stadt verpflichtet, sich heute dieser anspruchsvollen Erinnerungsarbeit zu stellen, für uns alle, Franzosen, Deutsche und für alle Menschen dieser Welt. Sich nicht erinnern oder nicht erinnern wollen, würde heißen, die Vergangenheit zu löschen, die Geschichte verleugnen und das könnte verhängnisvoll für die nahe Zukunft sein.

Es ist heute wichtig, diese ehemaligen Gebäude zu erhalten, als Treffpunkt zu einem Miteinander, als Veranstaltungsort zu nutzen im Zusammenhang mit der Geschichte des Stalag und der Panzerkaserne.