„Eine gute Verwaltung läuft wie von selbst“

Blick auf Hemer von oben, aber nicht von oben herab: Bernd Schulte hat von der Stadt, in der und für die er künftig arbeitet, in den ersten fünf Tagen ein überaus positives Bild gewonnen. Besonders beeindruckt haben ihn der Optimismus und der Tatendrang der Hemeraner
Blick auf Hemer von oben, aber nicht von oben herab: Bernd Schulte hat von der Stadt, in der und für die er künftig arbeitet, in den ersten fünf Tagen ein überaus positives Bild gewonnen. Besonders beeindruckt haben ihn der Optimismus und der Tatendrang der Hemeraner
Foto: IKZ

Hemer..  „Ein toller Blick von hier oben! Die Gebäude da hinten links, gehören die schon zu Iserlohn? Und wie heißt die Kirche da mitten in der Stadt? Wo fängt denn Sümmern an?“ Dr. Bernd Schulte, seit einer Woche Erster Beigeordneter und damit stellvertretender Chef der Stadtverwaltung, saugt in diesen ersten Arbeitstagen das Wissen über Hemer bei jeder Gelegenheit förmlich auf. Am vergangenen Montag hat er sein Büro bezogen, seither aber noch nicht viel an seinem Schreibtisch gesessen. Zumindest nicht allein. Gespräche im Rathaus und Besuche an den ersten Schaltstellen des öffentlichen Lebens in Hemer haben seinen Terminkalender gefüllt.

Im lockeren Gespräch bei einem Rundgang durch den Sauerlandpark räumt Bernd Schulte ein, dass er durchaus Respekt vor der Aufgabe hat, die er durch die erfolgreiche Bewerbung auf die Ausschreibung der Beigeordnetenstelle hat. Aber er vertraut auf seine Fähigkeiten und Kenntnisse, vor allem aber darauf, dass der Laden Stadtverwaltung Hemer ohnehin gut läuft. „Hier wird toll gearbeitet. Vor allem mit einer unglaublichen Motivation.“ Das Selbstbewusstsein, das in Hemer seit den Tagen der Landesgartenschau gewachsen ist, hat Bernd Schulte schon nach ein paar Tagen registriert.

Viele Erfahrungen aus dem Ehrenamt gewonnen

Der 30-jährige Rechtsanwalt, weiß, dass es ihm an unmittelbarer Verwaltungserfahrung mangelt. Aber er sieht seine Rolle auch nicht darin, das Rad neu zu erfinden oder den geschmeidig laufenden Motor komplett anders einzustellen. „Eine gute Verwaltung erkennt man daran, dass sie auch ohne direktes ständiges Eingreifen der Chefs funktioniert. Und das ist in Hemer ohne Zweifel der Fall“, urteilt Bernd Schulte über seine neue „Firma“.

Vor Führungsaufgaben hat sich Bernd Schulte nie gedrückt. Schon als Junge war er Klassensprecher, später Schulsprecher. Es hat ihn immer gereizt, Projekte zu organisieren und zu leiten. Wobei er sein Talent auch rückblickend hauptsächlich in der Rolle des Motivators sieht, nicht in der des Bestimmers oder Einzelkämpfers. Und das hat er durch ehrenamtliches Engagement im großen Stil bewiesen, unter anderem seit 2006 als Mitglied im Vorstand der katholischen Studentenverbände, von 2010 bis 2012 sogar als deren Bundesvorsitzender. Bernd Schulte: „Da habe ich eine Menge gelernt. Die Erfahrungen an der Spitze einer Organisation mit ein paar Tausend Mitgliedern kommen mir auch in meinem neuen Amt zugute.“

Seinen neuen Chef Michael Esken kannte Bernd Schulte nur flüchtig, als er sich als dessen Stellvertreter bewarb. Doch die Chemie zwischen den beiden habe sofort gestimmt, so Schulte. Auch Esken sei offenbar ein Mensch, der es verstehe, andere zu motivieren. Dass die Zusammenarbeit mit Esken bei dessen Wahl zum Bürgermeister von Verl schon im September enden könnte, findet Schulte bedauerlich. Aber wusste vorher, dass es so kommen kann. Und auch, dass er in einem solchen Fall für ein paar Monate verantwortlich die Hemeraner Stadtverwaltung leiten muss.

Der Familienmenschaus dem Sauerland

Im Gespräch wirkt Bernd Schulte souverän, entspannt, selbstbewusst und kontrolliert, solange es um politische und sachliche Themen geht. Wie sehr dieser junge Mann aus Meschede aber geerdet ist, wird sofort beim Versuch deutlich, etwas über den privaten Bernd Schulte herauszufinden. Da entpuppt er sich als Familienvater, der sich in zweimonatiger Elternzeit um die zehn Monate alte Tochter gekümmert hat, als Sohn, der liebevoll von seinen Eltern und den beiden jüngeren Brüdern erzählt, als Sauerländer, der sich mit der Heimat verbunden fühlt und diese Heimat gern mit der Familie und Freunden beim Wandern hautnah erlebt, oder als Fußballfan mit schwarz-gelbem Herzen.

Seine Leidenschaft für Zahlen hatte Bernd Schulte, der in Hemer auch die Aufgaben des Kämmerers übernehmen soll, schon bei seiner Ansprache vor seiner Wahl im Rat bekannt. Aber er ist offenbar auch ein großer Freund der Sprache. Täglich liest er auf elektronischem Wege mehrere Zeitungen, die Heimatzeitungen aus Hemer und Meschede und die Frankfurter Allgemeine. Aber auch in Bücher vergräbt er sich gern. Lesen ist für ihn ein unverzichtbares Hobby. Seien es Krimis und Thriller wie beispielsweise der skandinavischen Autoren Henning Mankell oder Stieg Larsson, aber auch Sachbücher sowie Romane, die wissenschaftliche Themen mit fiktionaler Handlung verknüpfen. Sein aktueller Favorit ist „Das soziale Tier“ von David Brooks. Es vermittele anschaulich die Erkenntnisse moderner Neurowissenschaft und demonstriere, wie menschliche Handlungen auch durch biologische Prägungen beeinflusst werden, schwärmt Bernd Schulte. „Ich habe das Buch bestimmt schon zehn Mal verschenkt. Wie kommen Entscheidungen überhaupt zustande? Diese Frage fasziniert mich“, bekennt der neue Erste Beigeordnete. Darüber nachzudenken, ist bestimmt nicht die schlechteste Idee für einen Mann in seiner Position.