Ausstieg aus einer Szene voller Hass und Gewalt

Hemer..  „Ich hatte Freunde. Das erste Mal. Auf einmal war ich jemand.“ Die Erklärung, warum Tim ein Nazi sein wollte, ist ganz einfach. Im Kinderheim aufgewachsen, in der Schule nicht sehr beliebt, ein Einzelgänger. Er macht eine Ausbildung, steht danach aber auf der Straße. Ein Bekannter nimmt ihn auf. „Der war rechts eingestellt“, sagt Tim. Und so fängt alles an. Tim wird ein Nazi. Genau wie Sascha. Schon mit 12 Jahren gerät er auf Abwege, lernt im Park Leute kennen, die viel älter sind als er. Die Gesinnung ist rechts. Für Sascha gibt es damals nur Obermenschen und Ungeziefer – Ausländer. Das sind die Hassobjekte. Gewalt ist an der Tagesordnung.

Dann sitzt da gestern im Jugend- und Kulturzentrum noch Orhan, ein Türke, viele Jahre aktiv in der türkischen rechtsradikalen Szene. Vor Schülern der Jahrgangsstufe 10 der Gesamtschule berichten alle drei aus ihrer Vergangenheit. Die Betonung liegt auf dem Wort Vergangenheit, denn alle drei sind ausgestiegen aus der Szene, in der Gewalt und Hass nicht nur üble Begriffe sind, sondern auch gelebt werden. Thomas Schwengers, Stadtjugendpfleger der Stadt Schwerte, moderiert die Veranstaltung,die anlässlich des Thementages „Stalag VIa – stark für Menschenrechte“ stattfindet.

Es sind Berichte von früheren Rechtsradikalen, die erschrecken. Zwischendurch zucken zwei Mädchen zusammen. „Es muss einen Bruch geben, dass du aussteigst. Bei mir war das, als ich als 19-Jähriger im Gefängnis saß. Ich habe einen Obdachlosen getötet“, bekennt Sascha vor der Schülergruppe. Für ihn war Gewalt in jungen Jahren an der Tagesordnung.. „Ich habe Menschen die Haare angezündet und habe Menschen Ohren abgeschnitten. Dass jemand stirbt, hätte jederzeit passieren können.“ Auch Tim gibt zu, dass er auf Menschen geschossen hat. Dass keiner ums Leben gekommen sei, sei Glücksache gewesen. Als seine Frau schwanger wurde, hatte er einen – wie er es nennt – „Blitzmoment“. „Wie soll es für mich und meine Familie weitergehen, das habe ich mich gefragt und mich langsam distanziert“, berichtet er. Aber Aussteigen wie man sich zum Beispiel aus einem Fußballverein abmeldet, das war nicht möglich. „Auf einmal war ich nicht mehr der Kamerad, sondern ein Vaterlandverräter“, sagt Tim. So wie er andere früher gejagt hat, wurde er selbst zum Gejagten. Nach Messerattacken liegt er im Krankenhaus, zuhause wird später auf ihn geschossen. Er geht zur Polizei, sucht Hilfe und Schutz beim Innenministerium. „Innerhalb von 24 Stunden habe ich den Wohnort und sogar das Bundesland gewechselt, anonymisiert.“

Der liebe Junge ist draußen ein asozialer Terrorist

Wie kommt es, dass die Eltern hinsichtlich der Entwicklung ihres Sohnes nicht eingegriffen haben? Sascha: „Ich habe zuhause den lieben Jungen gegeben. War ich dann unterwegs, bin ich zum asozialen Terroristen mutiert. Meine Eltern dachten, ich sitze am Lagerfeuer und grille Marshmallows, dabei war ich ein paar Stunden später in Belgien und habe mit scharfen Waffen geschossen“. Bei Orhan merkten seine Eltern auch nicht, dass er sich in der türkischen rechtsradikalen Szene bewegt hat. Seinen Eltern hat es gefallen, dass er viel Zeit in der Moschee verbracht hat. „Das war ja okay. Mehr wussten sie nicht. Ich hatte zwei Identitäten.“ „Mein großes Feindbild waren die Kurden“, sagt er.

Auch er hat es geschafft, auszusteigen, kann aber genau wie die anderen beiden nachvollziehen, warum er sich der Gruppe angeschlossen hat. „Ich war ein Gastarbeiterkind. Wir konnten uns nichts leisten, haben Möbel vom Sperrmüll geholt. Ich habe gebrauchte Klamotten aufgetragen, habe mich minderwertig gefühlt.“

Alle drei sind nicht stolz auf ihre Vergangenheit, ganz im Gegenteil, verstehen können sie ihr Verhalten heute nicht mehr. Es war ein Leben voller Gegensätze, was damit anfängt, „dass auch Nazis gerne Döner essen“. „Man bescheißt sich selbst“, sagt Sascha. Heute haben alle Freunde aus verschiedenen Nationen. Aus dem früheren Nazi Sascha ist ein Mann geworden, der dann zum ersten Mal eine Jüdin getroffen hat, die er direkt geheiratet hat.

„Wir alle hoffen, dass euch das nicht passiert, dass ihr nicht nach rechts abrutscht“, sagt Tim. Alle drei wollen aufklären, von ihren Erfahrungen erzählen – und wachrütteln.