Auftakt für ein besseres Miteinander

Auf dem Podium diskutierten (v.l.) Gottfried Pielhau, Tacettin Önal, Michaela Rensing, Bürgermeister Michael Esken, Pfarrer Martin Assauer und Christoph Neumann. Über 200 Zuhörer füllten die Aula.
Auf dem Podium diskutierten (v.l.) Gottfried Pielhau, Tacettin Önal, Michaela Rensing, Bürgermeister Michael Esken, Pfarrer Martin Assauer und Christoph Neumann. Über 200 Zuhörer füllten die Aula.
Foto: IKZ

Hemer..  Anscheinend herrscht Redebedarf, das zeigte die überraschend große Resonanz: Über 200 Bürger kamen am Dienstagabend in der Aula des Woeste-Gymnasiums auf Einladung des Pastoralverbunds zusammen. Thema der Veranstaltung: Das Miteinander in Hemer. Im Fokus besonders: der Islam. Eine Podiumsdiskussion sollte ein wenig Licht ins Dunkel bringen, wie das Zusammenleben verschiedener Konfessionen, Kulturen und Menschen aktuell aussieht.

Rechtfertigungsdruck nach Anschlägen von Paris

Die Moderation übernahm Michaela Rensing vom Westdeutschen Rundfunk. Zu Beginn stellte sie in den Raum: „Ich möchte zurzeit kein Muslim sein.“ Vor allem vor dem Hintergrund der Anschläge von Paris müssten sich diese immer wieder rechtfertigen, dass sie der gleichen Religion angehören, wie die Attentäter. Tacettin Önal, Vorsitzender der Türkischen-Islamischen Gemeinde in Hemer, dazu: „Man wird im Moment verstärkt darauf angesprochen. Man befindet sich immer in der Verteidigung, und das ist nicht gut.“ Michaela Rensing stellte deswegen fest, dass man untereinander jetzt drei Möglichkeiten habe: „Erstens: Wir haben Angst voreinander. Zweitens: Wir werden biestig. Drittens: Wir lernen uns kennen.“ Gerade Letzteres sollte mit der Podiumsdiskussion erreicht werden. Ebenfalls zu den Rednern gehörten Bürgermeister Michael Esken, „Gastgeber“ Pfarrer Martin Assauer, Gottfried Pielhau (Evangelischer Kirchenkreis) und Christoph Neumann (Freie Evangelische Kirche).

Kontakte nach Kita und Schule seltener

Zur besseren Einordnung fragte Rensing zunächst den Bürgermeister, wie viele Muslime derzeit in der Felsenmeerstadt wohnen. Dieser gab die Frage an Önal weiter, der zumindest Zahlen für seine Gemeinde nennen konnte: „Wir haben 360 passive und 252 aktive Mitglieder. Letztere sind die, die ihre Beiträge regelmäßig bezahlen.“ Da zu diesen Mitgliedern je ein Familienteil gezählt wird, dürfte die Zahl also noch mit circa vier multipliziert werden. Rensing wollte im Anschluss wissen, wie denn der Kontakt zwischen Christen, Muslimen und Konfessionslosen aussieht. Önal, der seit 37 Jahren in Hemer wohnt, freute sich zum Beispiel über ein gemeinsames Friedensgebet mit Pastor Klaus Johanning und Gottfried Pielhau in der vergangenen Woche. Christoph Neumann wusste zu berichten, dass sich jeden Freitagvormittag in den Räumlichkeiten der Freien Evangelischen Gemeinde zehn bis 15 muslimische Frauen zum Frühstück treffen. Auch aus diesem Grund sagte er in Richtung Önal und zahlreichen Muslimen im Publikum: „Sie sind sowas von Hemer. ‘Hemer’ geht’s nicht.“

Bürgermeister Esken gab aber zu bedenken: „Man kann auch in Hemer in einer Parallelwelt leben. Kontakt gibt es vor allem über Kindergärten und Schulen. Aber nach der Schule gibt es nur drei muslimische Vereine, die hier registriert sind. An dieser Stelle kann man abtauchen.“ Außerdem wusste er von Vorurteilen zu berichten, beispielsweise auf die aktuelle Islam-Ausstellung im Jugend- und Kulturzentrum bezogen: „Ich kriege auch solche Emails: ‘Du kannst das JuK doch nicht an Muslime vermieten.’“ Auch Pfarrer Assauer erzählte von einer ähnlichen Erfahrung im Vorfeld der Podiumsdiskussion. Er sei gefragt worden: „Warum bietest Du den Muslimen so eine Chance, sich darzustellen?“ Ob denn auch Önal solche Negativerlebnisse hatte, wollte Rensing wissen: „Gott sei Dank nicht.“

Unter 265 Ehrenamtlichen sind keine Muslime

Esken lenkte dann in eine andere Richtung: „Wir reduzieren das Verständnis zu sehr auf Religion, das ist zu wenig.“ Auch Neumann stellte fest: „Kultur, Religion, Menschen. Das sind ja drei verschiedene Ebenen.“ Das Publikum applaudierte zustimmend. Als Beispiel diente dem Bürgermeister die Situation bei der Feuerwehr: „Wir haben 48 Feuerwehrleute, davon sind null Muslime. Wir haben 265 Ehrenamtliche, davon sieben mit Migrationshintergrund, aber null Muslime.“ Önal dazu: „Jeder hat seine Interessen, vielleicht muss man da noch mehr Werbung machen.“ Esken sah dies zum Teil ein, kündigte an: „Ich muss Werbung machen.“

Zum Abschluss der Podiumsdiskussion machte Moderatorin Rensing eine Beobachtung: „Was heute hier passiert, ist außergewöhnlich. Aber was ist dann morgen?“ Aus dem Publikum kam die Antwort: „Wir müssen einfach mal anfangen, nicht nebeneinander zu leben, sondern miteinander.“ Spontan kündigte Esken an: „In vier Wochen soll sich gemeinsam zu einem großen Essen getroffen werden. Ich stelle das JuK zur Verfügung.“ Sämtliche Vertreter willigten sofort ein. Es bleibt abzuwarten, ob die Podiumsdiskussion den Auftakt für ein besseres Miteinander darstellen kann. Ein kleiner Anfang war sie allemal.

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